Interview zum 50er

Michi Konsel: “Hatte immer ein riesiges Kämpferherz!”

Sport
06.03.2012 10:44
Dass der geschmeidige "Panther von Hütteldorf" mittlerweile flächendeckend ergraut ist, tut seiner Eleganz keinen Abbruch - Michael Konsel sieht auch mit 50 Jahren noch beneidenswert gut aus. Anlässlich seines runden Geburtstags am 6. März plauderte der ehemalige Weltklasse-Keeper mit krone.at über gehaltene Elfmeter, zur Verzweiflung gebrachte Weltstars, Kriegszustände in Rom und sein neues Buch.

krone.at: In Ihrer Karriere gab es viele Highlights, das erste große schon im Jahr 1985, als Sie in Ihrer ersten Saison bei Rapid gleich ins Europacup-Finale vorstießen und damals Standard-Goalie Herbert Feurer ersetzten. Ihre Erinnerungen daran, Herr Konsel?
Michael Konsel: Ich bin damals als sehr unerfahrener Spund gleich ins kalte Wasser des Europacup-Finales geworfen worden. Es war für mich natürlich Gänsehaut pur, aber ich bin nicht untergegangen, habe gute Kritiken bekommen, was für mich sehr wichtig war. Die Niederlage (1:3, Anm.) hat natürlich wehgetan, aber für mich war es offenbar der Start zu einer großen Karriere.

krone.at: Den Druck haben Sie also offenbar schon in jungen Jahren ganz gut verkraftet. Das ist nicht bei allen Torhütern so, wie etwa das tragische Schicksal von Robert Enke zeigt.
Konsel: Es war sicher eine meiner großen Stärken, im mentalen Bereich stark zu sein und sich immer auf den Punkt genau konzentrieren zu können. Dazu gehört sicher Talent, aber man muss dafür auch sehr viel tun. Gerade für einen Torhüter ist es enorm wichtig, mental topfit zu sein. Sonst hätte ich gegen Spitzenleute wie Zidane, Ronaldo oder Inzaghi nicht bestehen können. Leider wird das immer noch unterschätzt. Dieses Thema wird übrigens auch in meinem Buch, das ich anlässlich meines 50. Geburtstages geschrieben habe, behandelt.

krone.at: Sie haben in den frühen 90er-Jahren bei Rapid miterlebt, wie der Verein beinahe pleitegegangen wäre. Wie oft haben Sie in diesen Jahren die Freude am Fußballspielen verloren?
Konsel: Gott sei Dank nie. Es hat mir schon als Kind extrem viel Spaß gemacht, mich nach den Bällen zu werfen. Das ist mir bis heute geblieben. Es gibt in so einer langen Karriere halt viele Höhen und Tiefen – da darf man nie aufgeben. Ich hab' halt immer schon ein riesiges Kämpferherz gehabt. Daher berühren einen solche Tiefen natürlich, aber man muss den Kampf aufnehmen.

krone.at: Was fällt Ihnen spontan zum Jahr 1996 ein?
Konsel: Auch ein Europacup-Finale, oder?

krone.at: Richtig. Und dazu der Meistertitel mit Rapid nach einer langen Durststrecke. Was hat die Mannschaft damals ausgezeichnet?
Konsel: Am Anfang, das muss man ehrlich sagen, hätte man dieser Mannschaft nicht viel zugetraut. Aber es waren einfach ganz tolle Typen drinnen, die gewusst haben, worum es geht. Richtige Winnertypen waren das in den Schlüsselpositionen. Leider haben wir auch dieses Finale verloren, aber der Weg dorthin war sensationell, wir haben große Gegner ausgeschaltet. Ich kann mich noch sehr gut an die Gefühle damals erinnern – das werde ich nie vergessen.

krone.at: Und kurz darauf hat es für Sie schon den nächsten persönlichen Höhepunkt gegeben: Sie sind 1997 ausgezogen, um den ganz großen Stürmern Europas das Fürchten zu lehren, und zwar bei der AS Roma. Wie groß war für Sie damals der Kulturschock, als Sie von der österreichischen Bundesliga in die Serie A wechselten?
Konsel: Ich habe in der Champions League mit Rapid noch einmal aufmerksam auf mich gemacht. Wir haben in der Gruppe Juventus Turin gehabt und dadurch bin ich für die Italiener interessant geworden. Da haben sie gesehen, dass es in Österreich einen Tormann gibt, der international auf einem ganz guten Niveau spielt. Und so bin ich bei der AS Roma gelandet.

krone.at: Obwohl es Ihnen bei Rapid ja gut gegangen ist.
Konsel: Absolut. Dort hatte ich ein tolles Umfeld und ein sehr gutes Verhältnis zu den Fans, wir waren sportlich erfolgreich. Noch dazu war ich ja schon in einem fortgeschrittenen Alter. Es war also schon ein Risiko für mich – immer mit der Ungewissheit, ob ich mich in der besten Liga der Welt überhaupt durchsetzen kann. Der Reiz war für mich dann aber doch zu groß. Und zwar gar nicht so sehr vom Finanziellen her, denn für einen alten Österreicher hatten sie damals nicht viel übrig. Das hat mich aber noch mehr aufgestachelt. Und in kürzester Zeit bin ich dann zum besten Spieler der Liga gewählt worden. Das war für mich zwar überraschend, aber auch sehr befriedigend, weil ich's den damals überheblichen Italienern gezeigt habe. Dann haben sie schon ein bisschen blöd geschaut.

krone.at: Wie gestaltete sich damals in Rom Ihr Privatleben?
Konsel: Ich hatte dort überhaupt keine Freiräume. Die Begeisterung ist einfach anders als in Österreich. Die Fans sind sehr heißblütig. Auf der Straße kannst du dich sowieso nicht blicken lassen – da bleibt kaum Freizeit, was mir damals aber egal war, solange der Erfolg stimmte.

krone.at: Wie darf man es sich vorstellen, als Einser-Goalie von AS Roma ein Derby gegen Lazio zu bestreiten?
Konsel: Teilweise herrscht Krieg. In Österreich hat das Wiener Derby auch einen hohen Stellenwert, aber das, was sich in Rom bei einem Derby abspielt, kann man sich nicht vorstellen. Wenn man ein Derby gewinnt, braucht man in der Meisterschaft gar nicht mehr so gut abzuschneiden. Bei einem Derbysieg bist du ganze Saison der Held. Die Fans sind dort wirklich wahnsinnig. Bei einer Niederlage aber solltest du dein Auto besser nicht unbeaufsichtigt abstellen, denn das demolieren die Fans. Gott sei Dank hab' ich das nie erlebt.

krone.at: Noch ein wichtiges Datum: 1998 und die WM-Teilnahme in Frankreich mit der Nationalmannschaft. Damals war die Erwartungshaltung in Österreich sehr hoch. Man war ziemlich enttäuscht, dass das Team schon in der Vorrunde ausgeschieden ist. Hat sich das Team damals unter seinem Wert verkauft?
Konsel: Absolut! Wir haben eine sensationelle Qualifikation gespielt, aber in der Endrunde haben wir das leider nicht umsetzen können. Vielleicht waren wir schon zu lange beisammen. Es hat nicht alles zusammengepasst, vielleicht war auch die Luft draußen. Dabei hat man im letzten Spiel gegen Italien gesehen, dass wesentlich mehr drin gewesen wäre. Wir haben uns jedenfalls unter unserem Wert geschlagen.

krone.at: Es war bis heute die letzte WM-Teilnahme Österreichs. Nicht zuletzt wohl deswegen, weil wir keine gestandene Nummer eins im Tor haben. Haben wir ein Torhüter-Problem?
Konsel: Ich glaube schon. Ein guter Torhüter gibt der Mannschaft unheimlich viel Rückhalt. Im Team haben wir mittlerweile schon sehr viel probiert, aber in den entscheidenden Phasen haben wir dann doch nicht den richtigen Mann für diese Position. Das ist schade, weil ich glaube, dass wir mit der Nationalmannschaft ganz wo anders stehen würden, hätten wir eine g'standene Nummer eins. Aber leider hat sich noch niemand so richtig festsetzen können, das ist jammerschade.

krone.at: Ein krone.at-facebook-User möchte von Ihnen wissen, welche Entscheidungen Sie in Ihrer Karriere bereut haben.
Konsel: Überhaupt keine. Ich würde alles genauso machen, wenn ich noch einmal von vorne anfangen müsste. Nur ob ich das jemals wieder schaffen würde, was mir da gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Sicher: Ich habe nicht immer die besten Entscheidungen getroffen, aber man muss dazu stehen und das Beste daraus machen.

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