Noch zwei Tage bis zum ersten Länderspiel; Österreich gegen die Ukraine. Beim Interview in der "Blauen Bar" des Hotel Sacher strahlt der neue Trainer der Fußball-Nationalmannschaft Souveränität und Gelassenheit aus. Von Fracksausen keine Spur. "Geht man da auch so blau raus?", scherzt Marcel Koller und bestellt Tee.
Der Etikette-Chef vom ÖFB hirscht sein Anzug-Revers noch schnell mit drei Werbeabzeichen auf. "Heißt das nicht Bletschen bei euch?", fragt er wie ein frischgelernter Ösi. Gern würzt er sein salonfähiges Schwyzer-Hochdeutsch mit österreichischen Wuchteln. Mag er Interviews? "Am liebsten bin ich auf dem Platz", meint er und nimmt auf einem der nachtblauen Samtfauteuils Platz. In seinem dunklen Anzug unterscheidet er sich nicht von jenen Sacher-Gästen, die Champagner trinken und die "Financial Times" lesen.
"Krone": Herr Koller, in zwei Tagen geben Sie beim Spiel Österreich gegen die Ukraine Ihr Debüt. Haben Sie Bauchweh?
Marcel Koller: Nee, hab ich nicht. Eine gewisse Anspannung vielleicht. Aber wenn es losgeht, wenn die Jungs rausmüssen, dann ist es ein gutes Gefühl. Nervosität bringt nichts, weil ich ja jederzeit eingreifen muss, wenn die Jungs das nicht umsetzen, was wir die ganze Woche besprochen haben.
"Krone": Deutschland hat gegen die Ukraine unentschieden gespielt. Wäre es nicht ein Wunder, wenn Österreich gewinnt?
Koller: Das habe ich in den letzten vier Wochen dauernd gehört: Wir verlieren ja eh, wir haben eh keine Chance! Das zu drehen ist nicht einfach. Trotzdem sage ich meinen Jungs: Gegen jeden Gegner könnt ihr gewinnen, wenn ihr das Maximum gebt! Wenn es dann nicht so rauskommt, dann können wir sagen: Okay, wir haben alles versucht, die anderen waren besser und tschüss!
"Krone": Sind Sie ein guter Verlierer?
Koller: Gar nicht!
"Krone": Was passiert, wenn Sie verlieren?
Koller: Ich versuche dann, die Schuld nicht bei den Spielern zu suchen, sondern ganz nüchtern zu analysieren. Aber ich habe natürlich auch Emotionen. Vor allem, wenn das Spiel gut läuft.
"Krone": Dürfen wir uns auf Luftsprünge freuen?
Koller: Wenn es ein wunderschönes Tor ist, dann ja. Aber ich denke nicht, dass ich einen Hochsprung hinkriege.
"Krone": Sie müssen ja immer gepflegtes Hochdeutsch sprechen, weil Sie sonst keiner verstehen würde. Kommen Ihnen die Österreicher auch entgegen?
Koller: Na ja, beim einen oder anderen verstehe ich außer den Zusammenhängen nichts. Ich frage des Öfteren: Was heißt das jetzt übersetzt?
"Krone": "Wunderwuzzi" haben Sie schon gelernt.
Koller: Ja, bei Armin Wolf in der "ZIB 2". Ich hab' daraufhin ein grünes Wunderwuzzi-T-Shirt geschenkt bekommen.
"Krone": Wissen Sie, was eine Wuchtel ist?
Koller: Ich glaube, das ist das, was bei uns der "Chlure" ist.
"Krone": Chlure?
Koller: Chlure heißt Ball. Man kann auch Bölle sagen.
"Krone": Reden Sie eigentlich gern mit Frauen über Fußball?
Koller: Ich denke, man spricht mit Männern schon genug über Fußball, da muss man mit Frauen nicht unbedingt auch noch über dieses Thema sprechen.
"Krone": Auch nicht mit Ihrer Frau?
Koller: Sie muss bedingt durch mich natürlich viel Fußball gucken. Was schwierig ist, weil wir nur einen Fernseher haben. Aber dass ich mit ihr diskutiere, nee.
"Krone": Wer darf schauen? Sie Fußball oder Ihre Frau "Sex and the City"?
Koller: Es kommt schon vor, dass ich vielleicht ein Spiel aufnehmen und mir das später angucken muss, wenn "Sex and the City" läuft.
"Krone": Wie würden Sie die Frage beantworten, warum 22 Männer 90 Minuten lang einem Ball hinterherjagen?
Koller: Weil es ein faszinierender Sport ist. Weil eben nicht immer die Großen gegen die Kleinen gewinnen. Fußball ist unberechenbar, Fußball löst unglaubliche Emotionen selbst bei gesitteten Menschen aus. Diesen positiven Wahnsinn verstehe ich sehr gut. Ich kann für mich mit Ernst Happel sagen: Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.
"Krone": Die Zärtlichkeit, mit der Männer sich umarmen, wenn sie ein Tor geschafft haben, würden sich Frauen oft im Alltag wünschen. Würden Sie das unterschreiben?
Koller: Ja! Ich bin zwar nicht bei denen zuhause, aber es gibt sicher auch Fußballer, die ihre Frauen so umarmen. Heute sind die Umarmungen und Gefühle auf dem Platz intensiver geworden.
"Krone": Wie hat das bei Ihnen angefangen mit den Fußballgefühlen?
Koller: Ich bin schon als kleiner Knirps, da war ich gerade mal zwei Jahre alt, dem Ball hinterhergelaufen. Später war ich Straßenkicker in Zürich-Schwamendingen. Mein Vater war Fußball-Amateurspieler. Ich war für ihn immer der Beste, obwohl es gar nicht gestimmt hat.
"Krone": Geben Sie dieses Gefühl auch Ihren Spielern?
Koller: Ich versuche, das Beste aus ihnen rauszuholen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie auch Fehler machen dürfen. So gesehen bin ich auch Mentaltrainer.
"Krone": Erkennt man Sie mittlerweile eigentlich schon auf der Straße?
Koller: Ja. Sogar auf der Autobahn. Als ich unlängst zum Spiel nach Ried gefahren bin, hat auf der Überholspur ein Fan gehupt und mir aus dem Autofenster das Victory-Zeichen gezeigt. Da ist sehr viel Positives, was mir entgegenkommt. Natürlich auch Hoffnung.
"Krone": Spüren Sie einen Druck, diese Hoffnung erfüllen zu müssen?
Koller: Ich nehme das alles auf. Aber schlussendlich muss ich es filtern und für mich sagen: Okay, das kann ich brauchen, und sorry, das leider nicht. Außer sterben muss ich gar nichts.








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