Soziales Engagement

Christopher Seiler: „Helfen fängt beim Zuhören an“

Wien
25.12.2022 06:00

Popstar und Seiler-und-Speer-Hälfte Christopher Seiler engagiert sich für die Caritas, beim Fußballverein Wiener Viktoria und auch privat. Der 35-Jährige trägt seine sozialen Aktivitäten nicht stolz vor sich her, sondern arbeitet lieber im Hintergrund. Für 2023 hat er bereits große Pläne.

Fast neun Jahre ist es her, als der damals noch weitgehend unbekannte Christopher Seiler ein Kabarettprogramm in der Wiener Szene spielte. Seine Gage betrug damals rund 2500 Euro und er trug sie direkt in die Barnabitengasse 12a. Dort ist das Caritas-Betreuungszentrum Gruft beheimatet, ein Tageszentrum und Notschlafstelle für Obdachlose. Mittlerweile ist der 35-Jährige eines der bekanntesten Gesichter der heimischen Popszene und noch immer stark mit der Caritas verbunden. Erst vor wenigen Wochen schenkte er in der Allianz-Arena des SK Rapid Punsch für die Gruft aus. Gegen freiwillige Spenden gab es Fotos mit dem Star, der ohnehin keine Berührungsängste kennt. „Mir haben dort vier Obdachlose beim Ausschenken geholfen, und einer fragte mich, ob er ein neues Handy haben könnte. Ich habe ein paar Tage später allen ein neues Smartphone gekauft.“

Aus bescheidenem Hause
Mit seinen sozialen Aktivitäten geht Seiler nur ungern in die Öffentlichkeit. Respekt, Wertschätzung und Toleranz sind die Werte, mit denen er aufwuchs und die er bestmöglich weitergibt. „Ich komme aus einem sehr bescheidenen Elternhaus, und als die Firma meines Vaters in Konkurs ging, war eine Zeit lang kein Geld mehr da“, erzählt er uns im Interview, „ich weiß sehr gut, wie das ist, wenn man zwei Tage lang mit Hunger ins Bett geht, weil nichts da ist. Dann gab’s eben Semmelwürfel mit Ketchup. Oder heiße Erdäpfel mit Butter. Das hat mir aber keinesfalls geschadet.“ Als ältesten von drei Brüdern war ihm das Teilen in die Wiege gelegt. „Da war es normal, dass du auf die anderen schaust.“

Christopher Seiler (2.v.r.) mit einem Obdachlosen, Gruft-Chefin Judith Hartweger und Wiens Caritas-Chef Klaus Schwertner. (Bild: Caritas)
Christopher Seiler (2.v.r.) mit einem Obdachlosen, Gruft-Chefin Judith Hartweger und Wiens Caritas-Chef Klaus Schwertner.

Für Obdachlose setzt Seiler seit vielen Jahren markante Akzente. Vor dem ersten Auftritt von Seiler und Speer in der Wiener Stadthalle ging der Sänger mit einem alten Bundesheerkollegen über die Mariahilfer Straße und verteilte 4000 Euro an Bettler. An diesem kalten Dezembertag traf er abends auf einen Obdachlosen, der vor der Stadthalle regungslos im Märzpark lag. „Er war nicht mehr ansprechbar, und dort habe ich das erste Mal selbst beim Kältetelefon angerufen.“ Im Corona-Winter 2021 war er dann eine Nacht lang mit Streetworkern in Wien unterwegs. Eine Erfahrung, die ihn nachhaltig geprägt hat. „Gegenüber von einem Supermarkt gab es in der Altmannsdorfer Straße ein unscheinbares Gebüsch, wo die Leute in der Kälte geschlafen haben. Auf der einen Seite hauen die Leute Essen weg, das sie gerade gekauft haben. Auf der anderen kämpfen Menschen ums Überleben. Einfach absurd.“

Keine Volksvertreter
Im Laufe des Abends kommen Seiler und die Streetworker an der Justizanstalt Wien-Simmering vorbei. Keine Gegend, die man als dürre Einöde bezeichnen würde. „Dort in der Nähe war eine Abbruchhütte, und in einem Verschlag wohnte eine sechsköpfige slowakische Familie. Wir haben ihnen Suppe gekocht und Schuhe gekauft.“ Mit der Politik ist er rundum unzufrieden. Dass so etwas in einem Wohlfahrtsstaat wie Österreich und einer Stadt wie Wien überhaupt sein kann, schockiert den Künstler. „Es ist erschütternd, aber unsere Volksvertreter sind ja auch schon länger keine Volksvertreter mehr. Die sind mehr mit sich selbst beschäftigt und sehen nicht, was oft für großes Leid herrscht. Für mich ist ein Mensch ein Mensch. Völlig egal, wie er aussieht, woher er kommt und was er verdient. Niemand sollte leiden müssen.“

Seiler mit Wiener-Viktoria-Präsident und ex-Profi Martin Hinteregger (2.v.r.) und Mitgliedern des Vereins (Bild: Wiener Viktoria)
Seiler mit Wiener-Viktoria-Präsident und ex-Profi Martin Hinteregger (2.v.r.) und Mitgliedern des Vereins

Seit einiger Zeit ist Seiler auch Teilhaber des Wiener Regionalligavereins Wiener Viktoria, der seit geraumer Zeit durch sein soziales Engagement auffällt. Wenn etwa in der Gruft kein Platz mehr ist, stellt der Verein im Winter seine Kabinen zur Verfügung, in denen Obdachlose nächtigen können. „Mit den steigenden Energiekosten hat sich der Mehraufwand fast verdreifacht, aber wir stemmen das schon“, gibt sich Seiler zuversichtlich. Zudem gibt es nun den „Wahre Liebe Laden“, einen Second-Hand-Shop, bei dem alle Einnahmen an den Sozialverein „VIK Sozial - Verein für soziale Intervention & Integration“ gehen. „Dort wird Familien mit sehr wenig Geld ermöglicht, zu Weihnachten Spielzeug oder Kleidung zu kaufen.“ Als Präsident konnte Seiler den Ex-ÖFB-Teamspieler Martin Hinteregger gewinnen, dem Jugend- und Sozialarbeit seit jeher ein großes Anliegen sind.

Jetzt Betonschuhe
Seiler geht es darum, etwas zurückzugeben. „Gerade in meinem Beruf kann es schnell passieren, dass du einmal abhebst, aber solche Erlebnisse holen dich schnell wieder runter. Mittlerweile habe ich leider so viel Trauriges gesehen, dass ich schon längst Betonschuhe trage und gar nicht mehr abheben kann.“ Mit den bisherigen Engagements hat er zwar einiges bewirkt, für 2023 schwebt ihm aber noch viel Größeres vor. „Ich würde gerne in einer großen Eventhalle eine Art Weihnachtsfeier für Bedürftige veranstalten. Dort wird dann aufgekocht, es gibt einen Frisör und man kann sich frische Kleidung holen. Das sollte eine jährliche Veranstaltung werden. Dafür braucht es eine irrsinnige Manpower, aber ich bin davon überzeugt, dass wir das hinkriegen.“ Unterstützen könne jeder, so der Künstler, dazu bedarf es keiner finanziellen Mittel. „Das Helfen fängt schon beim Zuhören an. Damit ist oft schon sehr viel getan.“

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