Schneiders Brille

Das Geschäftemachen

Vorarlberg
11.09.2022 17:55

Ordentlich gestiegen sind nicht nur Gas- und Treibstoffpreise. Die Freude all jener, die Geschäfte damit machen, ist groß. Autor Robert Schneider beschäftigt sich in seiner aktuellen Kolumne mit dem Suggerieren von Angst und wie sich  satte Gewinne erzielen lassen. 

Und? Ist die Welt jetzt untergegangen, wie im Februar gemunkelt wurde, als Putin die Ukraine besetzt hat? Hat jemand den roten Knopf gedrückt und den neuen Weltkrieg ausgelöst, der der letzte gewesen wäre? Hatten wir kein Brot mehr zu essen, waren die Regale leer, weil die Lieferketten seit Corona-Zeiten nicht mehr funktionieren, wie man uns täglich vorgaukelte? Ist im Sommer, der einer der schönsten Sommer seit vielen Jahrzehnten war, der letzte Gletscher verschwunden, das Trinkwasser zur Neige gegangen, wie uns prognostiziert wurde? Sind unsere Öl- und Gastanks leer und werden wir im Winter frieren, wie täglich zu lesen stand?

Nichts von alledem ist wahr und wird wahr sein. Katastrophen haben ihr eigenes Gesetz. Sie kommen unvermutet, vor allem nicht dann, wenn jemand damit Geschäfte machen will. Das Spielen mit der Angst selbst ist zum Motor für das Geschäftemachen geworden. Eine perfidere Idee konnte sich der Endzeitkapitalismus nicht ausdenken. Nachfrage wird durch Angst suggeriert, nicht mehr durch Anreiz. Das ist völlig neu. Der Anreiz ist die Angst selbst. Das Produkt, das ich kaufen soll, kaufe ich nicht, weil es gut ist, sondern weil es dieses Produkt angeblich bald nicht mehr geben wird.

Die Taktik der stetigen Bedrohung des Konsumenten, die in den Medien kritiklos mitgetragen, ja befeuert wird, führt aber am Ende zu einer gefährlichen Polarisierung der Gesellschaft. Wenn ich täglich einen Weltkrieg erwarte, eine Naturkatastrophe, dass im Winter keine Energie mehr da sein wird, ich aber jederzeit Energie kaufen kann, deren Kosten nur durch das Netzwerk aus Lügen in die Höhe getrieben werden, muss ich zwangsläufig das Vertrauen in unser Staats-, Wirtschafts- und Medienwesen verlieren.

Im Polarisieren haben wir es weit gebracht. Binnen einer Woche - wir erinnern uns, es war Mitte März 2020 -, ist unsere so wertgeschätzte Demokratie in einer Meinungsdiktatur untergegangen. Eben aus Angst. War diese Angst anfänglich noch begründet, hat man doch sehr schnell erkannt, was für ein wunderbares Instrument sie ist, die Kaufkraft künstlich zu erhöhen. Jetzt leben wir in einem Land, in dem eine Durchschnittsfamilie fünfzig Prozent ihres Einkommens für Wohn- und Mietkosten berappen muss. Das ist einfach zynisch. Aber es steht ja niemand auf und unternimmt etwas dagegen, lautet die resignative Formel. Noch nicht. Noch lange nicht. Weil wir eben nicht frieren und eben nicht hungern.

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