„Krone“-Kolumnist Robert Schneider ist ein Mann mit Anstand. Vergisst er einmal darauf, ein Mail zu beantworten, plagt ihn sofort das schlechte Gewissen. Oder ist das einfach nur unprofessionell?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich Emails nicht beantworte. Der Druck nimmt zu, je länger ich nicht schreibe. Manche Mails erledigen sich von selbst, heißt es. Bei mir nicht. Das Gefühl, unhöflich zu sein, bleibt. Meistens beginne ich damit, mir irgendwelche Ausreden einzureden. Man muss ja nicht sofort antworten. Und wenn es so wichtig ist, wird er oder sie schon noch einmal schreiben.
Umgekehrt ärgere ich mich rasend darüber, wenn wer auf mein Mail nicht antwortet. Dabei habe ich die Nachricht so höflich formuliert. Eine bodenlose Frechheit ist das, einen so zu ignorieren! Eine Verrohung der Sitten! Null Kinderstube. Genau deshalb ist unsere Gesellschaft dort, wo sie ist. Moralisch am Abgrund.
So sehr mich mein Nichtantworten quält, mehr noch erzürnt mich, dass die Anderen auch nicht antworten. Es ist üblich geworden, auf Nachrichten, lieb- oder unliebsam, nicht mehr zu reagieren. Sie auszuschweigen, auszusitzen. Eine Bekannte, die in der Wirtschaft tätig ist, sagte mir: Wo komme ich da hin, wenn ich die zig Mails am Tag alle beantworte? Sie versuchte mich zu beruhigen, dass es überhaupt nicht verwerflich sei, jemandem die Antwort schuldig zu bleiben. Ich solle mir da bloß keinen Kopf machen.
Jetzt ist aber Mail und Mail nicht dasselbe. Ich bitte einen Freund um einen Gefallen. Er antwortet nicht. Auch nicht nach zwei Wochen. Vielleicht bin ich ihm zu nahe getreten oder einfach nur lästig? Ich fange an, mich für das Mail zu schämen. Alles Mögliche geht mir durch den Kopf. Wie konntest du dich nur so klein machen, ihn um etwas zu bitten?
Ich sehe: ich bin noch nicht so kaltschnäuzig wie meine Bekannte aus der Wirtschaft. Oder sollte ich sagen: professionell? Es zeugt nämlich von Professionalität, wenn man auf die Bitte eines Menschen nicht mehr eingeht. Schweigen ist Professionalität.
Muss das alles zuerst verarbeiten, weil mich das schlechte Gewissen einfach nicht loslässt. Setze mich hin, beantworte längst fällige Mails, leite mit tausend Lügen ein und bitte um Nachsehen. Umgekehrt erhalte ich gerade ein Mail, in dem der besagte Freund so tut, als habe er meine Bitte nie erhalten. Geht mit keiner Silbe darauf ein. Fragt einfach, wie’s mir geht. Die Welt ist am Abgrund.








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