Lee Ranaldo beim MQ

Sonic-Youth-Legende mit Klanginstallation in Wien

Wien
28.08.2022 06:01

Als Gitarrist von Sonic Youth schrieb Lee Ranaldo in den 80er- und 90er-Jahren Musikgeschichte, solo bewegt er sich zwischen Indie-Rock-Gestus, experimenteller Elektronik und - ganz neu - akustischer Folk-Ruhe. Für die „Artists In Residence“-Reihe im Wiener MuseumsQuartier kreierte er mit seiner Frau Leah Singer eine mehrkanalige Toninstallation und befand sich dafür fast einen Monat in Wien. Wir haben uns mit dem 66-jährigen Kultmusiker über das Projekt, seine Zeit in der Pandemie und die neu entfachte Liebe zur Kreativität unterhalten.

Die „Artists In Residence“-Reihe im Wiener MuseumsQuartier sorgt schon seit geraumer Zeit für künstlerische Highlights aus unterschiedlichsten Bereichen. Egal ob Film, Theater, Comic, Bildende Kunst oder Klang - regelmäßig zeigen die mit viel Liebe und Passion zusammengestellten Beiträge im artifiziellen Bereich auf. In der bekannten Tonspur-Passage begeistert derzeit noch der Brite Robin Rimbaud aka Scanner mit einer Klanginstallation für die Ukraine. Abgelöst wird er nun vom legendären Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo und seiner Ehefrau Leah Singer, deren extra in Wien kreierte Mischung aus einer mehrkanaligen Klanginstallation von Ranaldo und einer den Sound begleitenden, siebenteiligen A1-Bilderstrecke von Singer im Indoor-Areal „Schauräume Q21“ zu bewundern ist - und das ganze drei Monate lang noch bis Ende November.

Volles Service
Ranaldo ist nicht nur ein langjähriger Freund des Tonspur-Chefs Georg Weckwerth, sondern schon seit geraumer Zeit dicht mit Österreich und speziell Wien verbandelt. Für die Gemahlin war der knapp einmonatige Aufenthalt der erste Berührungspunkt mit unseren Gefilden. „Die Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt, um in verschiedensten künstlerischen Bereichen beim ,Artists In Residence‘-Programm mitzumachen“, erklärt uns Ranaldo im entspannten „Krone“-Talk, „mit Georg habe ich in den letzten Jahren schon öfter zusammengearbeitet. Keine fünf Gehminuten von hier wurde uns ein wundervolles Appartement zur Verfügung gestellt, in dem auch Equipment war. Ich habe selbst Zeug mitgebracht, um hier Dinge zu mischen, Songs zu schreiben und mit lokalen Musikern zusammenzuarbeiten. Der Wien-Aufenthalt ist also ein Arbeitsurlaub.“

Der 66-Jährige hat natürlich auch die Freizeit nicht zu kurz kommen lassen. „Ich war schon so oft in Wien, aber noch nie so lange am Stück. Wir haben die Zeit genutzt, um Museen zu besuchen, die Architektur der Stadt zu bewundern und ein paar ausgedehnte Strecken mit dem Rad zu fahren.“ Der passionierte Biker borgt sich bei seinen Europa-Aufenthalten immer wieder schmucke Räder aus, um sich und seine Kreativität fit zu halten. In der Pandemie fiel Ranaldo das gar nicht so leicht. Als er das elektronisch-experimentelle Album „Names Of North End Women“ mit seinem Freund Raul Refree aus Barcelona 2020 veröffentlicht, schwebt der Lockdown schon wie ein imaginäres Damoklesschwert über unseren Köpfen. Zwei kleine Shows gehen sich aus, dann macht die Welt zu und Ranaldo verliert, wie auch viele andere, den Drive. Fünf Monate lang, bis in den Spätsommer hinein, greift er keine Gitarre an. Erstmals seit seinem 18. Lebensjahr sitzt er nicht mindestens einmal pro Monat im Flieger.

Wieder blutiger Anfänger
„Meine Frau hat schöne Blumen in unser New Yorker Loft gestellt, weil wir dauernd daheim waren. Ich begann dann diese Blumen mit Wasserfarben nachzuzeichnen, was zu einem großen Projekt führte, mit dem ich mittlerweile Ausstellungen hatte“, lacht der sympathische Künstler, „als ich im August 2020 wieder die Gitarre in die Hand nahm, kam ich mir vor wie ein blutiger Anfänger. Ich fing immer zu Sonnenuntergang mit dem Spielen an und jammte bis tief in die Nacht hinein. Ich habe nichts gesehen, aber den Groove laufen gelassen.“ Die Indie-Rock-Legende, die jahrelang in Richtung Elektronik verschwand, kreierte plötzlich experimentellen Folk auf der Akustikgitarre. 90 Minuten Material kürzt und schneidet er über Monate hinweg auf ein Drittel herunter und veröffentlicht das Projekt unter dem Banner „In Virus Times“. Inklusive Störgeräusche vom „Big Apple“, wie Hupen oder hurtige Bremsmanöver. „Anfangs störte mich das, aber es gehört zur Authentizität der Platte einfach dazu.“

Sein Label Mute Records, für gewöhnlich im elektronischen Segment firm, ist zwar positiv überrascht, aber anfangs skeptisch. Erst mit etwas Geduld lässt man sich mit Ranaldo zusammen auf das Produkt ein, steckt dann aber sogleich viel Budget und Liebe für die Details dazu. „Ich habe dem Label über die letzten Jahre schon sehr viel zugemutet. Keines der letzten drei Alben von mir klang ähnlich, aber sie hielten mir immer die Stange. Das gibt mir Sicherheit und Mut für die Zukunft.“ Das zugegeben sperrige Werk spielte Ranaldo am 3. August bei einer österreichischen Exklusiv-Show im Wiener Fluc, eine von nur rund zehn Shows überhaupt, die das Corona-Werk zum Inhalt haben. „Es war schön, aber im Herbst lasse ich es auch wieder gut sein. Ich suche mir eine Band zusammen und werde wieder neue Pfade beschreiten.“

Nachhaltige Veränderungen
Während andere Künstler während der Pandemie in kreative Schockstarre verfielen, fand Ranaldo nach anfänglicher Leere plötzlich die Muße um zu reflektieren und sich neu zu motivieren. „Für mich hat sich diese erzwungene Pause als sehr kraftvoll erwiesen. Ich will nicht mehr zurück, sondern in meiner Musik als auch meiner visuellen Arbeit neue Territorien erforschen. Es fühlt sich fast so an wie ganz zu Beginn von Sonic Youth, wo wir auch etwas völlig Neues kreierten.“ Ranaldo und seine Frau haben Corona im März 2022 ohne Schäden überstanden, der Gitarrist ist jetzt darauf gespannt, wie nachhaltig die Pandemie das Weltgeschehen verändert. „Die Leute haben jetzt schon keinen Bock mehr auf ihre beschissenen Jobs und ob es den Unternehmern gefällt oder nicht, sie müssen viel ändern, wenn sie Personal wollen. Menschen habe ihre Werte und Prioritäten verändert und neu ausgerichtet. Die Pandemie und ihre Folgen wird uns noch viele Jahre beschäftigen und wird nachhaltig in vielen Bereichen sehr viel verändern.“

Lee Ranaldo und Leah Singer werden bei der Eröffnung ihrer Klanginstallation heute Sonntag, 28. August, um 17 Uhr, live dabei sein. Das Projekt ist dann noch bis Ende November täglich von 10 bis 20 Uhr erlebbar. Das Ehepaar wird nun Wien-gestärkt und voller Tatendrang die nächsten Projekte in Angriff nehmen - und ein Wiedersehen bei uns ist ohnehin so gut wie sicher. Alle weiteren Infos finden Sie unter www.mqw.at

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