Die Ferien haben begonnen - für Bund und Land sollte das aber nicht bedeuten, die Füße hochzulegen. Denn in den Vorarlberger Bildungseinrichtungen herrscht akuter Personalmangel.
Einen Monat vor Schulschluss schlug die Lehrergewerkschaft Alarm: Über 200 Lehrpersonen würden fehlen, zudem seien sieben Einrichtungen ohne Leitung. Viel getan hat sich seither nicht, ganz im Gegenteil: Es gibt Kleinschulen, die im Herbst nicht nur ohne Direktion dazustehen drohen, sondern gleich ganz ohne Lehrpersonal. Die Volksschule Partenen wurde deshalb bereits vorübergehend geschlossen. Bezüglich der ausgeschriebenen Leitungsstellen hat sich die Lage etwas verbessert. In Fontanella und Dafins ist es aber nur dem Einsatz der Eltern und einer massiven Social-Media-Kampagne zu verdanken, dass der Betrieb aufrecht erhalten werden kann.
Nichts geändert hat sich an der schlichten Tatsache, dass Lehrpersonal fehlt. Beim jüngsten Vorarlberg-Besuch von Bildungsminister Martin Polaschek wurde das Thema aber gar nicht erst groß angesprochen, stattdessen machten der Minister und Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink auf „gut Wetter“.
Lehrer und Schulleiter machen unzählige Überstunden, um den Schulbetrieb aufrecht erhalten zu können. In unseren Schulen werden so viele Überstunden gehalten, dass man damit sicher rund 250 Lehrer in Vollzeit beschäftigen könnte!
Alexandra Loser, Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft
Der Auftritt hat bei so manchem Pädagogen den Puls in die Höhe steigen lassen. So auch bei der Vorsitzenden der Pflichtschullehrergewerkschaft, Alexandra Loser. Dass nur noch 15 Vollzeitstellen offen sein sollen, wie Schöbi-Fink betonte, kann die Personalvertreterin nicht nachvollziehen. Tatsächlich finden sich auf der Homepage der Bildungsdirektion immer noch 34 offene Lehrerstellen - die meisten in Vollzeit. Einige davon in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch, aber auch in den Nebenfächern werden Lehrkräfte gesucht.
Die Überstunden sprengen den Rahmen
Der tatsächliche Bedarf dürfte ohnehin weit höher liegen. „Zur Wahrheit gehört auch: Lehrer und Schulleiter machen unzählige Überstunden, um den Schulbetrieb aufrecht erhalten zu können. In unseren Schulen werden so viele Überstunden gehalten, dass man damit sicher rund 250 Lehrer in Vollzeit beschäftigen könnte!“ Die Gewerkschafterin berichtet von Einrichtungen, an denen Wochenarbeitszeiten von bis zu 55 Stunden die Regel wären. Einige Lehrer seien deshalb bereits an ihre Grenzen gestoßen und hätten aus gesundheitlichen Gründen gekündigt - gleiches gelte für jene Direktorinnen und Direktoren, die ihr Amt aufgrund des enormen Aufwandes zurückgelegt haben.
„Ich bekomme sehr häufig Rückmeldungen wie: Ich kann nicht mehr! Ich schlafe nicht mehr gut! Ich weiß nicht mehr, wie das weitergehen soll! Ich habe schon körperliche Beschwerden!“ Wer am Limit ist, wird schneller krank, wodurch für die Kollegen noch mehr Überstunden anfallen - ein Teufelskreis. Nur wie kann dieser durchbrochen werden? „Eine vorbeugende Möglichkeit wäre die Gewährung von Sabbaticals. Leider werden diese nur noch ganz selten genehmigt“, so Loser. Den Schulleitern mache zudem die Planungsunsicherheit zu schaffen, auch die administrative Belastung zermürbe nach wie vor viele - und das, obwohl zusätzliche Sekretariatskräfte eingestellt worden sind.
Erbe einer verfehlten Personalpolitik
Die aktuelle Situation sei ganz klar das Erbe einer verfehlten Personalpolitik der vergangenen Jahre. Und jetzt steht auch noch eine Pensionierungswelle an. „Personalvertretung und Gewerkschaft machen schon seit vielen Jahren darauf aufmerksam. Wir wurden einfach nicht gehört.“ Aber auch die derzeitigen Entscheidungsträger würden Weitsicht vermissen lassen. „Der Bund hat bis dato genau gar nichts unternommen. Im Gegenteil, mit der Verlängerung der Ausbildung wurde die Situation noch verschärft.“
Loser ärgert sich zudem maßlos über die Art und Weise, wie sie und ihre Mitstreiter von den politisch Verantwortlichen abgeblockt werden: „Immer heißt es: Wir müssen uns das genau anschauen, da müssen wir hinschauen, usw. Ich kann es nicht mehr hören! Es müssen Gespräche mit Lehrern und Schulleitern geführt werden. Ihre Probleme, Nöte und Sorgen müssen endlich ernst genommen werden. Und es muss Geld in die Hand genommen werden, um die Schulen mit den notwendigen Ressourcen auszustatten, damit alle gut arbeiten können.“ Loser zeichnet ein düsteres Bild, sollten nicht bald umfassende und wirksame Maßnahmen getroffen werden: „Ich bin überzeugt, dass in den nächsten Jahren nicht mehr alle Stunden abgehalten werden können. Vielleicht steht dann im Zeugnis wieder ’wegen Lehrermangel entfallen’.“
Die Lösung? „Es müssen alle unnötigen Belastungen aus den Schulen genommen werden. Es braucht eine gerechte Bezahlung für Schulleiter, einen Ausbau von Supportpersonal im Bereich der Schulsozialarbeit und der Schulpsychologie und es braucht als Folge aus der COVID-19-Pandemie mehr Beratungslehrer und Krisenbegleitlehrer. Weiters müssen Anreize geschaffen werden, damit der Lehrerberuf wieder attraktiv wird.“ Vor allem aber müsse die Politik ihre Haltung ändern: „Die glauben alle, dass die Schulen die Herausforderungen schon schaukeln werden. Frei nach dem Motto: Lösen Sie das intern an ihrem Standort!“














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