30.05.2022 15:35 |

Pommers Feierabend

Ich habe den Parteitag der Wiener SPÖ überlebt

Einen schönen Montagabend.

Der menschliche Körper ist, unabhängig von der evolutionären Entstehungsgeschichte, ein Wunder. Er vermag in Extremsituationen standzuhalten und entwickelt in Notlagen Fähigkeiten, die an Superkräfte erinnern. Wer möchte schon Batman sein, wenn er auch Herbert Haupt sein kann? Der ehemalige Vizekanzler Österreichs hatte bis Oktober 2011 laut Wikipedia 14 Autounfälle, er überstand einen Flugzeugabsturz und einen Tauchunfall, wobei er zweimal klinisch tot war. Nach einem Autounfall im Jahr 1981 wurde er durch eine Bluttransfusion mit Hepatitis C infiziert, ist zu lesen, gilt aber inzwischen als geheilt. Zudem musste er sich einer Tumor-Operation an der Luftröhre unterziehen. Es gibt die Serie „1000 Wege ins Gras zu beißen“, und bei Herbert Haupt zähle ich 18 verschiedene Todesarten, aber der Mann lebt - wenn das kein Wunder ist. Da kann ich nicht mithalten, aber nach dem vergangenen Wochenende kann ich dennoch voller Stolz erklären: Ich habe den Landesparteitag der Wiener SPÖ überlebt. Und das ist auch nicht nichts.

Das allgemein gültige Prozedere: Nach den Reden der Parteigrößen (dieses Mal Bürgermeister Michael Ludwig und Pamela Rendi-Wagner) verwandelt sich die Halle traditionell in eine Art Wort-Mastanlage, in der die Delegierten so lange mit Endlostexten gekröpft werden, bis sie sediert genug für die Abstimmungen sind. Bis auf wenige Ausnahmen gelingt das auch ganz gut. Der Ablauf im Detail: Zu jedem Thema darf jeder auf die Bühne und für ein paar Minuten alles sagen. In der Halle D befanden sich am Samstag 1000 Delegierte. Rechnen Sie das hoch. Es ist wie die chinesische Wasserfolter, nur mit Worten. Der stundenlange Buchstaben-Nebel, der die Anwesenden einhüllt, holte sich am späteren Nachmittag seine ersten Opfer. Eine Frau fiel sitzend in einen tiefen Schlaf, nur an der Atmung konnte ich erkennen, dass sie noch aktives Parteimitglied war. Irgendwann begannen die Ersten mit der Weinbegleitung - das Spritzerglas in der linken, die Stimmkarte in der rechten Hand, oder auch umgekehrt, je nachdem was wichtiger war.

So ist nun einmal gelebte Demokratie, werden Sie vielleicht denken. Diskussionen sind doch gut. Nun ja, gleichzeitig ist die SPÖ aber eine Partei, die es gar nicht gerne sieht, wenn ehemalige Parteivorsitzende in Interviews ihre Meinung sagen. So erklärte die rote Machtarchitektin Doris Bures im „profil“ Richtung Christian Kern: „Ich halte viel davon, dass sich ehemalige Parteivorsitzende nicht zu stark in innenpolitische Diskussionen einbringen. Sonst hätten sie in der Politik bleiben können.“ Also, um es mit den Worten des Donaustädter Bezirksvorstehers Ernst Nevrivy auszudrücken: Goschen halten! Apropos Nevrivy: Vielleicht wollen uns die führenden Sozialdemokraten einmal erklären, wieso Kritiker von Michael Ludwig „Häusln“ genannt werden dürfen (eine „pointierte, erdige Wortmeldung“ sei das laut dem Wiener Bürgermeister gewesen), die SPÖ aber das komplette Empörungs-Arsenal auffährt, wenn eine Landeshauptfrau in einem internen Chat vom „roten Gsindl“ schreibt. Ich schlage eine stundenlange Diskussion beim nächsten Landesparteitag vor. Sollte die Schlafende immer noch dort sitzen, wecke ich sie auf.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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