20.05.2022 05:59 |

„Krone“-Interview

Neuer Ärztekammer-Chef: „Halte wenig von Zwang“

Der neue steirische Ärztekammer-Präsident Michael Sacherer im Interview über Corona, den Mangel an Kassen-Medizinern und neue Verpflichtungen für Studium-Absolventen.

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Wie verlief die Amtsübergabe mit Ihrem Vorgänger? Was sind die offenen „Baustellen“?
Im guten Einvernehmen, wir haben ein professionelles, freundschaftliches Verhältnis. Ziel der Übergabe war, die Erfahrung von Herwig Lindner mit Innovationsgeist zu verbinden. Das ist uns sehr gut gelungen. Die größte „Baustelle“ ist sicher der Mangel in den Gesundheitsberufen, der uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird.

Worauf wollen Sie sich zuerst „stürzen“?
Ich möchte mit den Partnern im Gesundheitssystem - der Politik, den Gesundheitskassen und den Spitalsträgern - in den offenen Dialog gehen. Wir können große Probleme nur gemeinsam in Angriff nehmen!

Bundeskanzler Karl Nehammer meinte jüngst, das Virus „kümmert uns nicht mehr“? Sie auch nicht?
Wie er diesen Satz gemeint hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur aus eigener Erfahrung, dass Corona mit uns Ärzten etwas gemacht hat: Die Pandemie hat in vielerlei Hinsicht Probleme und Schwachstellen aufgezeigt und viele Kollegen an ihre persönliche Grenze gebracht. Viele Ärzte haben sich aufgeopfert, teils mit Covid infiziert und massive Schäden davongetragen. Diese Situation wünschen wir uns sobald nicht wieder. Als Internist bin ich aber Realist: Wir müssen einen Weg finden, mit dem Virus zu leben. Und wie der Herbst wird, kann niemand sagen.

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Die Covid-Impfung ist noch besser als die an sich schon gute Influenza-Impfung.

Michael Sacherer

Es gibt einige Ärzte, die die Covid-Impfung vehement ablehnen. Wollen Sie Ihre Kollegen bekehren?
Sich impfen zu lassen, ist eine individuelle Entscheidung. Ich persönlich habe eine ganz klare Meinung: Ich bin geimpft, habe auch selbst geimpft und rate allen meinen Patienten, sich impfen zu lassen. Die Covid-Impfung ist noch besser als die an sich schon gute Influenza-Impfung. Wir hoffen aber natürlich auf ihre Weiterentwicklung und einen „gnädigen“ Herbst.

Wie stehen Sie zum geplanten Leitspital in Liezen?
Wir sehen: Durch den generellen Personalmangel ist es schwierig, bestehende Positionen zu besetzen. Insofern ist es wahrscheinlich noch schwieriger, Personen - in welcher Funktion auch immer - in neu geschaffene Positionen zu bringen. Wie auch immer die politische Entscheidung ausfällt, ist das ein Prozess, der nicht leicht sein wird.

Wie soll es gelingen, dass wieder mehr Ärzte Kassenstellen annehmen?
Wir müssen es schaffen, die kassenärztlichen Stellen so attraktiv zu gestalten, dass Kolleginnen und Kollegen sich aktiv dafür entscheiden.

Also mehr Geld?
Das ist sicher ein Punkt. Der Verrechnungskatalog spiegelt nicht die Realität wider. Nächster Punkt: Wir haben viele Medizinerinnen, die für eine Kassenstelle in Frage kämen. Allerdings müssen die Rahmenbedingungen soweit passen, dass auch eine Ärztin mit kleinen Kindern eine Kassenarztpraxis in einer ländlichen Region annehmen kann. Hier müssen wir mit der ÖGK neue Wege gehen.

Diskutiert wird derzeit der Vorschlag, dass Medizin-Absolventen verpflichtet werden sollen, einige Zeit als Kassenärzte zu arbeiten. Wäre das nicht fair, nachdem die öffentliche Hand das teure Studium ja finanziert?
37 Prozent der Medizin-Absolventen gehen aktuell nicht in den Arztberuf in Österreich. Ich persönlich bin überzeugt, dass wir sie nur mit attraktiven Rahmenbedingungen halten können. Ich halte wenig von Zwangskonstellationen - denn nur wer gerne und freiwillig arbeitet, ist auch gut in seinem Bereich.

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Wir müssen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicherstellen. Nur so können Notaufnahmen, Intensivstationen und Ambulanzen ausreichend besetzt werden.

Michael Sacherer

Überlastung und zu wenig Personal: In der „Krone“ gab es einen Hilferuf aus der Notaufnahme des LKHs. Wird sich bald etwas ändern?
Wenn Mediziner etwa krankheitshalber keinen Dienst mehr verrichten können oder in Pension gehen, führt das zu einer Verdichtung der Arbeit der übrigen Kollegen. Das ist vor allem in den Notaufnahmen so. Deshalb muss es uns beispielsweise gelingen, erfahrene Ärzte zu halten. An der medizinischen Universität Graz etwa sind Kollegen ab 60 Jahren nicht mehr verpflichtet, Nachtdienste zu machen. Das läuft auf freiwilliger Basis. Zudem müssen wir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicherstellen. Nur so können Notaufnahmen, Intensivstationen und Ambulanzen ausreichend besetzt werden.

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