26.03.2022 19:00 |

Ukraine-Flüchtlinge

„Gedanklich sind sie in ihrer Heimat“

Bernd Klisch ist Leiter der Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg. Die Betreuung von Schutzsuchenden aus der Ukraine stellt die Organisation vor manche Herausforderung.

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Der 24. Februar 2022 hat das Leben zahlreicher Menschen gravierend verändert. An diesem Tag begann der Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen den souveränen Nachbarstaat Ukraine. Mit einem Schlag war das normale Leben für die Bevölkerung vorbei: „Vor wenigen Tagen haben wir noch im Café mit Freunden zusammengesessen, jetzt sind wir auf der Flucht“, berichtete eine sichtbar geschockte junge Frau kurz nach Einmarsch der russischen Truppen einem Nachrichtenkorrespondenten.

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Beim Syrien-Krieg hat es Jahre gedauert, bis die Schutzsuchenden in Vorarlberg angekommen sind – im aktuellen Fall sind es nur Tage.

Bernd Klisch, Caritas Flüchtlingshilfe

Die Ukraine liegt im Osten von Europa und ist das zweitgrößte Land des Kontinents, die Winter sind sehr kalt, die Sommer warm. Vor Kriegsbeginn war die Ukraine bekannt für ihre zahlreichen orthodoxen Kirchen, die Schwarzmeerküste und die bewaldeten Gebirge. In der Hauptstadt Kiew befindet sich die Sophienkathedrale mit goldener Kuppel sowie Mosaiken und Fresken aus dem 11. Jahrhundert. Ein Ziel für Urlaubsreisen wird das Land auf absehbare Zeit jedoch nicht mehr sein: Bomben legen derzeit ganze Stadtviertel in Schutt und Asche, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Auch die Zahl der Schutzsuchenden, die in Vorarlberg eintreffen, steigt kontinuierlich. Bis zum 25. März wurden hierzulande laut Sicherheitslandesrat Christian Gantner 1035 ukrainische Kriegsflüchtlinge registriert.

Nicht mit dem Jahr 2015 vergleichbar
Das sei für das Land und die Hilfsorganisationen eine große logistische Herausforderung, berichtet Bernd Klisch, Leiter der Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg: „Die Organisationsstrukturen, die sich im Jahre 2015 gebildet hatten, konnten zwar rasch reaktiviert werden. Allerdings kann man nie wirklich auf so eine Situation vorbereitet sein. Vor ein paar Monaten hätten wohl nur die wenigsten einen Krieg mitten in Europa für möglich gehalten.“

Fakten

Ukraine-Hilfe
Das Land Vorarlberg hat Online-Formulare eingerichtet, um die Hilfe besser zu koordinieren. Wer eine Unterkunft zur Verfügung stellen oder spenden möchte, kann dies unter den nachstehenden Adressen tun: www.vorarlberg.at/unterkunft www.vorarlberghilft.at Weitere Informationen zu Hilfsangeboten und Möglichkeiten zum Spenden sind unter www.vorarlberg.at/ukraine und auf der Homepage der Caritas (www.caritas.at) aufgelistet.

Was derzeit passiert, sei nicht mit den Geschehnissen von 2015 zu vergleichen, als die Zahl der Asylwerber in den EU-Staaten regelrecht explodiert ist. Herkunftsländer waren damals hauptsächlich Syrien, Afghanistan, Irak, Somalia, Südsudan, Nigeria und die Demokratische Republik Kongo. „Von Beginn des Syrienkrieges bis zur Ankunft der Flüchtlinge in Vorarlberg dauerte es Jahre, im Falle des Krieges in der Ukraine sind es hingegen nur wenige Tage“, gibt Klisch zu bedenken. Zudem seien unter den Schutzsuchenden aus der Ukraine zahlreiche Kinder sowie betagte Personen und Menschen mit Handicap, was 2015 nicht der Fall gewesen sei, so der Leiter der Flüchtlingshilfe. Das stelle die Hilfsorganisation vor neue Herausforderungen. Eines der vorrangigsten Ziele ist es, die vielen Kinder so rasch wie möglich ins Bildungssystem zu integrieren.

Die Ukrainer, die flüchten mussten, haben nur das Wichtigste mitgenommen - dazu zählen für viele auch die vierbeinigen Familienmitglieder, vorrangig Hunde und Katzen. „Die Unterbringung von Personen mit Haustieren ist etwas, das wir bei unserer Arbeit bislang nicht berücksichtigen mussten“, sagt Klisch.

Hilfsbereitschaft ist überaus groß
Die Resonanz aus der Bevölkerung sei jedoch groß, betont der Fachbereichsleiter, viele wollen auf die eine oder andere Art helfen. Die Menschen in Vorarlberg würden sich ob der Geschehnisse in der Ukraine sehr betroffen zeigen. Derzeit betreut die Caritas gut 100 Familien mit insgesamt rund 400 Personen. „Jeden Tag kommen neue Schutzsuchende dazu. Wenn die Kriegshandlungen nicht gestoppt werden, rechnen wir mit einem Vielfachen dieser Zahl“, erläutert der Experte.

Die Menschen, die in Vorarlberg Obdach finden, würden oftmals unter Schock stehen: „Sie sind in Gedanken in ihrer Heimat, bei ihren Vätern, Ehemännern und Verwandten, die sie zurücklassen mussten. Ihr größter Wunsch ist Friede und die damit verbundene Möglichkeit, in Sicherheit in die Ukraine zurückzukehren.“

Rubina Bergauer
Rubina Bergauer
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