Di, 19. Juni 2018

"Krone"-Interview

22.05.2011 20:41

US-General Clark: "Das Zeitalter des Terrors überlebt"

Ex-US-General Wesley Clark spricht im "Krone"-Interview über den Tod des Terrorpaten Osama bin Laden und Libyens Machthaber Muammar al-Gadafi. Clark war 1999 der Oberbefehlshaber der NATO im Kosovo-Krieg. Nach seiner Entlassung bewarb er sich 2003 für die Demokraten um das Amt des US-Präsidenten, schied jedoch in den Vorwahlen aus. Das Interview fand im Rahmen des ersten Jahrestreffens des "Center for Global Dialogue and Cooperation" in Wien statt.

"Krone": Herr Clark, wie beurteilen Sie als ehemaliger NATO-Oberbefehlshaber die Situation in Libyen?
Wesley Clark: Herr Gadafi hat seine Legitimation verloren und sollte sich zurückziehen. Die Situation kann mit ihm in Libyen nicht gelöst werden. Aber es besteht kein Zweifel, dass er immer noch denkt, er hat eine Chance zu gewinnen. Wahrscheinlich würde er es als Schwäche sehen, wenn er jetzt aufgibt. Was er aber macht, ist so, als würde man dabei zusehen, wie man selber durch den Fleischwolf gedreht wird. Die NATO hat echte Stärke und Macht, und die Situation ist sehr ernst.

"Krone": Sie glauben, dass die NATO nicht mehr mit Gadafi verhandeln wird?
Clark: Für Menschen aus Systemen wie in Libyen ist es schwierig, ein demokratisches Gebilde wie die NATO zu verstehen. Für Gadafi wäre eine Diskussion innerhalb seiner Regierung ein Zeichen fehlender Führungsstärke. In der NATO ist dies jedoch ein Ausdruck einer gemeinschaftlichen Stimme. Jedes Land ist unterschiedlich und bringt seinen Standpunkt ein. Daraus entstehen Mandate und Einigungen. Männer wie Gadafi sollten die NATO nicht unterschätzen: Sie bewegt sich nicht so schnell wie eine autokratische Regierung, aber wenn sie einmal eine Entscheidung getroffen hat, wird diese durchgeführt.

"Krone": Wie sehen Sie die Rolle Russlands in dieser Frage?
Clark: Ich hoffe nicht, dass Wladimir Putin und sein Team an eine 20.-Jahrhundert-mäßige "Kalter Krieg"-Stategie glauben. Jeder, auch Russland, ist doch an einer Stabilisierung der Situation interessiert.

"Krone": Sie haben sich 2003 klar gegen eine Invasion des Iraks durch die "Koalition der Willigen" ausgesprochen. Wären im Fall von Saddam Hussein weitere Verhandlungen eine Alternative gewesen?
Clark: Es wäre viel besser für alle gewesen, wenn er geflüchtet wäre. Aber er hätte auch als Autokrat an der Macht bleiben können.

"Krone": Wie man sieht, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Autokraten von sich aus die Macht aufgeben?
Clark: Dennoch muss man die Konsequenzen bedenken, wenn man Menschen in den Krieg schickt. Wer hat damals gedacht, dass das noble Ziel, Saddam Hussein loszuwerden, Hunderte tote Zivilisten und Hunderttausende auf der Flucht fordern wird? Zu viele Menschen sind gestorben, und zu viele haben das Land verlassen müssen. Bei einer Einwohnerzahl von 27 Millionen hat man das voraussehen können. Die Folgen sind ein enormes Desaster für den Irak, und die Flüchtlingsströme haben sicher auch die aktuelle Situation in Syrien mit beeinflusst.

"Krone": Was sagen Sie zu den Spekulationen, dass die Revolutionen im arabischen Raum von der Al Kaida unterstützt wurden?
Clark: Das ist lächerlich. Die Al Kaida predigt keine Menschenrechte und ist nicht auf Facebook. Sie ist nicht an Demokratie, Redefreiheit oder mehr Rechten für Frauen interessiert, sondern will einen Gottesstaat installieren.

"Krone": Wo haben Sie die Nachricht erhalten, dass Osama bin Laden getötet wurde?
Clark: Ich war in Kalifornien, es war am Sonntag um zehn Uhr am Abend, und ich war ziemlich glücklich.

"Krone": Verstehen Sie die Kritik daran, dass er umgebracht und nicht festgenommen wurde?
Clark: Die Situation war folgende: Der Raum, in den die Soldaten vorgedrungen waren, war dunkel. Sie haben zwei Frauen, die vor Bin Laden standen, zur Seite geschoben. Er drehte sich um und hätte zu einer Waffe greifen können. Wenn er seine Hände nach oben gehalten und sich ergeben hätte, hätte man nicht auf ihn geschossen. Man wollte ihn einfach nicht davonkommen lassen.

"Krone": War er, dieser früh gealterte, isolierte Mann, tatsächlich noch jener Staatsfeind, der die größte Terrororganisation gelenkt hat?
Clark: Absolut. Seine Tagebücher zeigen, dass er jeden Tag damit beschäftigt war, wie man unschuldige Menschen überall auf der Welt umbringen kann.

"Krone": Unterscheiden Sie zwischen "Gut und Böse"?
Clark: Ich glaube nicht an das absolut Böse, aber daran, dass es ernsthaft fehlgeleitete Menschen gibt. Osama bin Laden war eine unglaublich fehlgeleitete Person.

Krone: Werden sich die Gesetze, die in den USA für den "Krieg gegen den Terror" beschlossen wurden, nun wieder ändern?
Clark: Nicht sofort. Es gibt weltweit sehr viele Terror-Organisationen, daher wäre es voreilig zu sagen, dass man nun den Top-Terroristen beseitigt hat und beruhigt sein kann. Osama bin Ladens Tod war die Wende im Anti-Terrorkampf, er muss aber noch zu Ende geführt werden.

"Krone": Leben wir nach dem "Kalten Krieg" nun im Zeitalter der Dekaden des Terrors?
Clark: Wir haben im Zeitalter des Terrors gelebt. Er wurde besiegt. Auch weil die Länder gelernt haben, sich zu verständigen und einen Dialog zu führen. Das war eine der großen Errungenschaften der vergangenen Jahre.

"Krone": Abschlussfrage: Würden Sie sich noch einmal um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika bewerben?
Clark: Wir haben mit Barack Obama einen hervorragenden Präsidenten, und ich bin derzeit mit meiner Position als Unternehmer sehr zufrieden und sehr ausgelastet.

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