13.02.2022 06:00 |

3 Betroffene berichten

Long Covid: Der lange Weg zurück ins Leben

Fast 15 Prozent der einst mit Corona Infizierten leiden an - teilweise schweren - Folgen der Krankheit. An Müdigkeit, Gedächtnisstörungen, Atemnot, Depressionen. Experten einer Reha-Klinik sprechen in der „Krone“ über Therapieoptionen. Und Patienten über ihre Schicksale.

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Bad Gleichenberg in der Steiermark: Schon Peter Rosegger hat einst von der wunderschönen Landschaft geschwärmt. Von sanften Hügeln, auf denen Obstbäume wachsen, von saftigen Wiesen, weitläufigen Wäldern und von der reinen Luft. Wenig verwunderlich also, dass hier seit 180 Jahren Menschen mit gesundheitlichen Problemen behandelt werden. Das örtliche Klinikum ist demnach bereits lange ein Ort, an dem etwa Lungen- und Stoffwechselerkrankungen auskuriert werden und Nachbetreuungen von Krebspatienten stattfinden.

Seit Ausbruch der Pandemie ist die 150-Betten-Reha-Einrichtung allerdings auch laufend mehr zu einer „Zufluchtsstätte“ für ehemals Corona-Infizierte geworden; für Männer und Frauen, die - sogar viele Monate nach einer Ansteckung - beeinträchtigt sind; an Atemnot, peinigender Müdigkeit - und in der Folge nicht selten an Depressionen - leiden.

„Wir wissen noch viel zu wenig über das Virus“
Warum das? „Dafür gibt es leider noch keine allgemein gültigen Erklärungen“, sagt Karl Horvath, der ärztliche Leiter des Klinikums. Denn Covid sei eben „bislang ziemlich unerforscht. Klar, wir wissen, dass ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen - und Ungeimpfte - in der Regel schlimmere, manchmal sogar tödliche, Krankheitsverläufe haben. Aber bis heute gilt es als ein Rätsel, wieso bei ähnlichen, oft sogar besten physischen Voraussetzungen einige eine Infektion gut überstehen und andere nicht.“

Wobei es, wie der Internist betont, „häufig nicht einmal darauf ankommt, wie massiv die Symptome während der Erkrankung waren“. Selbst, wenn zunächst bloß Beschwerden, gleich einer leichten Verkühlung, bestanden hätten - „können sich Wochen danach weitaus dramatischere einstellen“. „Nicht wenige der Betroffenen erzählen, dann plötzlich kaum noch fähig dazu gewesen zu sein, ihren Alltag zu bewältigen“, berichtet Maria Fradler, kaufmännische und Pflegedirektorin der Reha-Klinik.

Erschütternde Fälle
Die erschütterndsten Fälle unter den rund 1200 Long-Covid-Patienten, die mittlerweile in Bad Gleichenberg betreut wurden? Zum Beispiel der eines - bis zu seiner Ansteckung - völlig fitten Piloten um die 50, den Corona „wild erwischt“ und der dadurch Lungenschäden davongetragen hatte - die ihn berufsuntauglich gemacht haben. Oder der eines 35-jährigen Triathleten, der es nach einer Ansteckung nicht mehr zuwege brachte, ein paar Stiegen hinaufzugehen, ohne zwischendurch Pausen einzulegen.

„Doch bei beiden“, so das erleichternde Resümee von Karl Horvath, „ist es letztlich gelungen, sie wieder ,herzustellen‘.“

„Leiden werden oft nicht ernst genommen“
Die Wege bis dahin sind mitunter lange. „Auch, weil Ärzte die Klagen von Patienten zu wenig ernst nehmen“, weiß Maria Fradler, „vor allem, wenn keine Defekte an Organen festgestellt werden und Blutbilder keine Auffälligkeiten aufweisen.“

Diagnosen, die belastende Gefühlsspiralen auslösen können: „Die Betroffenen spüren, dass sie krank sind. Aber bestehen keine erkennbaren Ursachen dafür, beginnen ihre Kollegen, Freunde und Familienmitglieder - und letztlich sie selbst - zu glauben, dass sie sich ihre Beschwerden möglicherweise einbilden“, erklärt Christine Hadler, klinische Psychologin in der Reha-Klinik: „Und wenn sie - endlich - bei uns aufgenommen werden, leiden daher manche von ihnen bereits an Verstimmungen oder Angstzuständen.“

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Die Betroffenen spüren, dass sie krank sind. Aber bestehen keine erkennbaren Ursachen dafür, beginnen ihre Kollegen, Freunde und Familienmitglieder – und letztlich sie selbst – zu glauben, dass sie sich ihre Beschwerden möglicherweise einbilden.

Christine Hadler

Doch nicht nur fehlendes Verständnis von außen sei dafür verantwortlich. Untersuchungen von Neurologen belegen nämlich, dass eine Infektion mit dem Virus Veränderungen im Zentralnervensystem und im Gehirn, und damit Depressionen, Gedächtnisstörungen und Fatigue, hervorrufen kann.

„Furchtgefühle nehmen“
Christine Hadler: „In Gesprächen versuche ich, den Betroffenen Furchtgefühle zu nehmen, die Ursachen für ihre Traurigkeit herauszufinden - oder ich mache mit ihnen Übungen, die ihre Merkfähigkeit verbessern. Einigen Klienten verschreibe ich zudem Psychopharmaka.“ Bei Atemproblemen zielführend sind - egal, ob durch seelischen Stress oder echte Lungenschäden ausgelöst - Trainings, „die ,das Luftholen‘ einfacher machen“, so Physiotherapeutin Carina Gangl-Ranzmaier, „mithilfe von Geräten und durch Bewegung“.

Das oberste Gebot bei der Behandlung von Long-Covid-Patienten lautet: „Überanstrengungen vermeiden“, sagt Pflegedirektorin Maria Fradler: „Also die Heilungsprozesse in kleinen Schritten angehen.“ Wie viele bis zum Erfolg nötig sind, sei unterschiedlich: „Mitunter, das ist jetzt schon abschätzbar, dürften jahrelange Maßnahmen angebracht sein.“

„Auch Lockdowns können krank machen“
„Die Zahl der Menschen, die nach Corona-Erkrankungen gesundheitliche Schwierigkeiten haben“, gibt Primar Karl Horvath Hoffnung, „dürfte bald abflachen.“ Denn einiges spreche dafür, „dass das Virus in Hinkunft laufend ungefährlicher wird“. Ob er die derzeit vollzogenen Lockerungen dennoch für verfrüht hält? „Nein. Weil ja auch Lockdowns die Volksgesundheit gefährden. Einsamkeit, ein Zusammenbruch der Wirtschaft - und dadurch hervorgerufene Existenzsorgen - können schließlich ebenfalls schwere Krankheiten auslösen.“

Drei Betroffene berichten der „Krone“ über ihre Long-Covid-Erkrankung:

Manuel Blengl: „Ich will wieder Berge besteigen!“
Manuel Blengl (31) infizierte sich im September 2020 mit dem Virus. „Die Krankheit verlief bei mir eher mild. Eine Woche hindurch hatte ich Fieber und Kopfschmerzen - der Verlust meines Geruchs- und Geschmackssinns dauerte etwas länger an.“ Trotzdem, „nachdem die grippeähnlichen Symptome verschwunden waren, dachte ich eigentlich, ich hätte Corona ganz gut überstanden“. Und dass er bei körperlicher Anstrengung schnell müde wurde, ziemlich ins Schwitzen geriet und Atemprobleme hatte, „interpretierte ich zunächst als Folgeerscheinungen, wie sie ja auch nach schweren Verkühlungen auftreten können“.

Doch die Beschwerden verschwanden nicht. „Ich bin sehr sportlich“, erzählt der Angestellte, „seit meiner Jugend gehe ich bergsteigen, ich laufe regelmäßig und fahre viel mit dem Rad. Und plötzlich ging das alles nicht mehr wie früher. Weil ich dauernd aus der Puste geriet.“ Schließlich stellten Ärzte fest: Covid hatte bei dem jungen Mann eine Überempfindlichkeit des Bronchialsystems ausgelöst. Mit sanftem körperlichen Training, Atemtherapien und mit Lungensprays wird jetzt in Bad Gleichenberg versucht, seine gesundheitlichen Schwierigkeiten zu bekämpfen. „Ich spüre“, sagt er, „dass es mir mittlerweile besser geht.“ Sein großes Ziel: im kommenden Sommer einen Berg zu besteigen.

Christa Baumann: „Ich fühlte mich nur noch müde“
Christa Baumann (53) hatte sich im März 2021 mit Corona angesteckt, bei ihrem Ehemann. „Während ich ,bloß‘ an Hals- und Kopfweh, Schnupfen und mitunter an Fieber bis zu 38,5 Grad litt, verschlechterte sich sein Zustand am zehnten Tag so sehr, dass er in einem Spital aufgenommen werden musste. Er konnte da kaum noch atmen und hatte viel zu wenig Sauerstoff im Blut.“ Nach zwei Wochen in stationärer Behandlung wurde er aus dem Krankenhaus entlassen: „Es ging ihm wieder halbwegs gut, und auch ich fühlte mich okay.“ Doch bald stellten sich bei der Unternehmerin schlimme Probleme ein: „Ich fühlte mich völlig kraftlos; hatte Beklemmungen, war ständig extrem müde.“

Und ihr Gedächtnis funktionierte laufend schlechter. „Letztlich war mein Zustand so dramatisch, dass ich mich entscheiden musste: Gehe ich einkaufen oder koche ich. Beides brachte ich nämlich nicht mehr zuwege an einem Tag.“ Körperliche Ursachen für ihre Beschwerden wurden nicht gefunden, „weswegen nicht wenige Menschen in meinem Umfeld meinten, ich würde sie mir einbilden“. Schließlich wurde bei ihr die Diagnose Long Covid gestellt: „Die Therapien in der Reha-Klinik helfen mir nun sehr. Und ich hoffe, in ein paar Monaten wieder so fit wie früher zu sein.“

Daniela Lamisch: „Ich schaffte gar nichts mehr“
Daniela Lamisch (42) - und ihre ganze Familie - „erwischte das Virus“, wie sie sagt, im Mai 2021; eine Woche bevor sie ihre erste Impfung dagegen hätte bekommen sollen. „Die Symptome waren bei uns allen unterschiedlich.“ Der fünfjährige Sohn zeigte gar keine Krankheitsanzeichen, sein Bruder (15) „hatte quasi einen grippalen Infekt“, ihr Mann einen leichten, die Tochter (17) einen schweren Husten. „Am schlechtesten ging es mir“, erinnert sich die Buchhalterin: „Ich litt an hohem Fieber, Schmerzen im ganzen Körper, Atemnot - und ich verlor meinen Geschmacks- und Geruchssinn.“ Ihr Hausarzt habe ihr zu einem Spitalaufenthalt geraten: „Doch ich lehnte das ab. Weil ich auch in meinem schlimmen Zustand - zumindest ein bisschen - für meine Kinder da sein wollte.“

Also wurde die Frau daheim behandelt. Mit Antibiotika, Cortison, Thrombosespritzen: „Meine Lungenentzündung dauerte drei Monate lang an.“ Doch auch danach fühlte sie sich nicht gesund: „Ich war dauernd unfassbar müde, extrem kraftlos und hatte Probleme beim Luftholen.“ Ein Zustand, der bei ihr - „ich neige zum Perfektionismus“ - schließlich sogar Depressionen auslöste. In der Reha-Klinik lernt die Frau jetzt, sich zu entspannen, „loszulassen“, nicht immer „funktionieren“ zu müssen: „Und das tut mir gut.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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