Do, 18. Oktober 2018

Bin-Laden-Versteck

05.05.2011 12:07

Nachbarn: "Die Kinder durften nie draußen spielen"

Der Schock sitzt ihnen noch tief in den Gliedern, den Anrainern um das Versteck des Terrorpaten Osama bin Laden in der pakistanischen Stadt Abbottabad. "Wir haben neben dem Haus oft Cricket gespielt, aber die Kinder durften nie mitspielen", erzählt der zwölfjährige Nabeel einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Jetzt, wo klar ist, wer in dem Haus gewohnt hat, können sich die Nachbarn des meistgesuchten Terroristen der Welt langsam einen Reim auf die vielen eigenartigen Vorgänge in den letzten Jahren machen. Und sie sind wütend.

"Die Kinder gingen nie zur Schule, zumindest haben wir sie nie in der Schule gesehen", erzählt Nabeel weiter. Mit Osama bin Laden persönlich dürfte in den bis zu sechs Jahren, die der Terrorpate in der Siedlung vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt gelebt haben könnte, niemand Kontakt gehabt haben. Gleichwohl gab es einige Begegnungen mit Bewohnern bzw. Bediensteten des wie eine Kaserne abgesicherten Komplexes. Eine Frau schilderte einem Reporter der Associated Press, wie sie einmal Kinderlähmungsimpfungen in der Siedlung durchführen sollte. An Bin Ladens Haus sei sie von den Wachen am Eingang abgewiesen worden, davor bedienten sich die Männer aber großzügig am Impfstoff.

23 Kinder und neun Frauen sollen in dem Haus mit Bin Laden und seinen Gefolgsleuten gelebt haben. Die 70-jährige Khushid Bibi nahm einer der Wächter einmal mit dem Auto mit zum Markt, als sie im strömenden Regen am Straßenrand ging. Sie behauptet, ihre Enkelkinder hätten mit den Kindern aus dem Haus öfter gespielt. Als Dank sei ihrer Familie Hasenfleisch geschenkt worden. Dass man die Frauen nie außer Haus gesehen habe, erklärten sich die Nachbarn damit, dass die Familie wohl besonders religiös sein müsste.

"Es hieß, die Leute da drin wären Drogenhändler"
Dem 45-jährigen Bauern Mashood Khan, der neben dem Bin-Laden-Haus nahezu täglich sein Gemüsefeld bestellte, waren die Bewohner des stark abgesicherten Hauses hingegen seit jeher suspekt gewesen. Sie hätten sich nie an gesellschaftlichen Ereignissen wie Hochzeiten oder Beerdigungen beteiligt. Wenn sich die Nachbarn an Feiertagen gegenseitig mit Süßigkeiten beschenkten, sei man beim größten Haus in der Umgebung vor verschlossenen Türen gestanden. Irgendwann hätten die Leute dann eben akzeptiert, dass die Bewohner keine sozialen Kontakte erwünschten. Getratscht wurde trotzdem: "Es hieß, die Leute da drin wären Drogenhändler - und geizig, weil sie offensichtlich reich waren, aber nie etwas abgaben", so Khan zur Associated Press.

Nur einmal seien zwei Männer zu einem Begräbnis gekommen. Dort hätten sie sich als Cousins der Familie aus dem Nordwesten ausgegeben. Offiziell gehörte das Haus laut arabischen Berichten einem pakistanischen Brüderpaar, das sich - je nach Aussagen der Siedlungsbewohner - mehr oder weniger oft in der Öffentlichkeit blicken ließ, dabei aber durchwegs freundlich gewesen sein soll.

Coca-Cola und Pepsi waren tabu
Die Aussagen interviewter Anrainer präsentieren sich recht unterschiedlich. "Osama habe ich nie gesehen", meinte der 32-jährige Abdul Rashid, der in Sichtweite des Hauses einen kleinen Lebensmittelladen betreibt, gegenüber einem Reporter der deutschen Agentur dpa. "Ich wusste nur, dass dort zwei Brüder und ihre Familien leben. Sie nannten sich Arshad und Tariq und waren gute Menschen." Rashids Kunden nicken zustimmend.

Laut seinen Auskünften gab es sehr wohl einigen Kontakt zur Außenwelt. "Die Männer kamen in mein Geschäft und haben Kekse, Schokolade und Eis für die Kinder des Hauses gekauft", berichtet Rashid. "Oft haben sie die Kleinen auch mitgebracht, manchmal fünf oder sechs auf einmal." Nur eine Sache sei vielleicht ein bisschen ungewöhnlich gewesen: "Sie haben den Kindern nie erlaubt, Coca Cola oder Pepsi zu kaufen." Die Getränke der beiden US-amerikanischen Hersteller seien tabu gewesen. Wenn die Kinder draußen spielen durften, seien immer Männer dabei gewesen. Kontakt zu Gleichaltrigen war verboten.

Anrainer wütend, dass sie jahrelang in Gefahr lebten
Bei den Berichten, die sie in den letzten Tagen im Fernsehen verfolgt haben, läuft es den Siedlungsbewohnern nicht nur kalt den Rücken hinunter. Viele packt auch die Wut. Sie fragen sich, wie es passieren konnte, dass einer der gefährlichsten Männer der Welt jahrelang unter ihnen lebte. Und was alles passieren hätte können. Was, wenn die US-Armee statt einem Elitekommando ein Bombergeschwader geschickt hätte? Den Verdacht, den viele amerikanische Politiker derzeit artikulieren, nämlich dass Bin Laden von den pakistanischen Behörden gedeckt wurde, sprechen sie aber nicht öffentlich aus.

Der Polizeichef von Abbottabad, dessen Einheiten täglich in den Hotels die Reisepässe ausländischer Hotelgäste überprüfen und auch ausländischen Mietern regelmäßig Besuche abstatten müssen, sagt, dass seine Männer stets alle Regeln befolgen - "aber wir sind auch nur Menschen und da passieren manchmal Fehler". Die Anrainer hoffen indes, dass die Dutzenden TV-Kameras und Wachsoldaten in ihrer Siedlung bald wieder abziehen - und dass ihre Stadt wie bisher von Terroranschlägen verschont bleiben möge.

Reger Zustrom zum Bin-Laden-Versteck
Nach Ruhe sieht es in Abbottabad derzeit aber nicht aus. Hunderte Reporter strömten in den letzten Tagen zum Bin-Laden-Versteck. Das pakistanische Militär hat Zufahrtskontrollen errichtet und bewacht den Komplex nach wie vor mit mehreren Dutzend Mann. Bis an die Außenmauern dürfen Reporter und Anrainer aber herangehen. Aus dem Inneren gibt es nach wie vor nur spärlich Fotos. Die Nachrichtenagentur Reuters veröffentlichte am Mittwoch einige Bilder - darunter auch Fotos getöteter Bin-Laden-Gefolgsleute -, die sie laut eigenen Angaben einem pakistanischen Geheimdienst-Mitarbeiter abgekauft hat. Die Bilder seien eine Stunde nach dem Seals-Einsatz in dem Versteck aufgenommen worden.

Die ehemaligen Nachbarn des Terrorpaten streifen derweil durch die Felder um das Gebäude, tauschen sich untereinander aus und geben manchmal auch Interviews. Stolz hält ein Jugendlicher ein Teil des US-Hubschraubers, den die Seals bei ihrem Einsatz - laut offiziellen Angaben wegen eines technischen Gebrechens - zurücklassen mussten. Die Soldaten wollten den Hubschrauber, bei dem es sich laut US-Berichten um ein bisher unbekanntes Tarnkappenmodell mit extrem leisem Rotorgeräusch gehandelt haben soll, vernichten. Die Sprengung zerstörte das Fluggerät nicht ganz, schleuderte dafür aber Wrackteile auf die angrenzenden Felder.

Viele Fragen an USA und Pakistan
Vier Tage nach der "Kill Mission" gegen Bin Laden sind noch Dutzende Fragen offen. Viele Details der Kommandoaktion sind nach wie vor nicht geklärt, vor allem aber gibt es keine Angaben über verhaftete Bin-Laden-Mitbewohner. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat am Donnerstag die USA und Pakistan aufgefordert, diese offenen Fragen rasch zu klären. Informationen verlangt Amnesty insbesondere über den Zustand und den Verbleib der Personen, die sich während der Operation im Haus befanden.

"Wir verlangen von den US- und den pakistanischen Behörden Auskunft darüber, wie viele Personen sich zur Zeit der Operation in dem Gebäudekomplex befanden, was mit ihnen geschah und insbesondere in welchem Zustand sich die Überlebenden befinden", so Amnesty-Generalsekretär Claudio Cordone. Laut Amnesty sollen sich während der Stürmung des Gebäudes 18 Personen dort aufgehalten haben. Nach US-Angaben wurden während der Aktion fünf Personen getötet und zwei Frauen verletzt. Anfängliche Berichte über Gefangennahmen durch die Navy Seals wurden seither nicht mehr offiziell kommentiert.

Arabischer Bericht zitiert Bin-Laden-Tochter
Amnesty behauptet, nach der Operation seien die beiden verletzten Frauen mit mindestens sechs Kindern in dem Haus zurückgelassen worden. Für Aufregung sorgt diesbezüglich ein Bericht des arabischen Nachrichtennetzwerks "Al Arabiya", wonach eine zwölfjährige Tochter Bin Ladens gegenüber pakistanischen Sicherheitskräften aussagte, sie habe die Tötung ihres Vaters mitangesehen und dass diese erst erfolgt sei, nachdem die US-Soldaten den Terroristen schon in Gewahrsam hatten.

Laut dem Bericht, der sich Bericht zitierten Quellen, die sich stellenweise widersprechen, behaupten weiters, weder Bin Laden noch seine Leute seien bewaffnet gewesen und hätten daher auch nicht auf die US-Soldaten feuern können. Dass Bewohner des Hauses zurückgelassen wurden, liege daran, dass nach dem Verlust des Helikopters nicht mehr ausreichend Platz für Gefangene war.

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