31.12.2021 11:00 |

Ausstellung in Graz

Die giftigen Seiten der steirischen Geschichte

Aufs Butterbrot gebröselt, in den Schnaps gemischt und unter das Pferdefutter gestreut: In der Steiermark wurde über Jahrhunderte im Geheimen das giftige Arsen konsumiert. Das Grazer Volkskundemuseum entführt mit dem Künstler und Fotografen Simon Brugner in die Welt der steirischen Arsenikesser. Eine Schau voller Andeutungen und Assoziationen.

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Lange Zeit breitete man den Mantel des Schweigens über den in der Steiermark ziemlich weit verbreiteten und nicht gerade ungefährlichen Brauch des Arsen-Konsums aus. Den in Hartberg geborenen Fotografen und Künstler Simon Brugner hat dieses Nicht-Darüber-Reden fasziniert, also hat er nachgefragt. Nur langsam konnte er die Mauer des Schweigens durchbrechen und die „Arsenikesser“ aus der Vergessenheit holen.

Leistungssteigerung bei Mensch und Pferd
Doch was ist es, das dieses weiße, gelbe oder hellbraune Pulver so verrufen macht: Arsenik, hierzulande auch als Hittrach (Hüttenrauch) bekannt, ist ein Aufputschmittel, das nicht nur hart arbeitenden Holz- und Rossknechten, Bergarbeitern, Jägern und Wilderern mehr Ausdauer und Standfestigkeit bescherte, sondern auch bei Pferden zur Leistungssteigerung eingesetzt wurde.

Dass die Tiere zudem gesünder und kräftiger ausgeschaut haben und ein glänzendes Fell hatten, nützten windige Pferdehändler, um auch alte Mähren noch gewinnbringend an den Mann zu bringen.

Hittrach im Schnaps für mehr Standfestigkeit
Leistungssteigernd war das Arsenik auch in anderer Hinsicht, so geht die Mär, dass Sennerinnen im Ennstal den fensterlnden jungen Männern Hittrach in den Schnaps mischten. Etwaige unerwünschte Folgen dieser Zusammentreffen wurden ebenfalls mit dem Arsenik behoben - was nicht selten tödliche Folgen hatte.

Dieses Anti-Age- und Dopingmittel der Vergangenheit war nämlich hochgiftig, das brachte ihm nicht zuletzt die Beinahmen „Witwenmacher“ oder „Erbschaftspulver“ ein. In die Geschichte eingegangen ist der „Blaubart von Großlobming“, der seine sechs Ehefrauen mit Arsenik vergiftet haben soll.

Wie bei vielen Drogen erhöht eine vermehrte Einnahme die Toleranzschwelle. Und so gab es in den 1930er-Jahren Arsenikesser, die in Medizin-Vorlesungen vorgeführt wurden und locker eine sonst tödliche Dosis wegstecken konnten.

Arsenbergbau in der Steiermark
Die Steiermark galt noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Hochburg der Arsenikesser. Grund dafür war der umfangreiche Abbau von Arsen, etwa in der Breitenau oder der Karchau (bei St. Lambrecht). Benötigt wurde das Gift für die Herstellung diverser Arzneimittel, vor allem aber zur Glaserzeugung. Hauptabnehmer waren daher die venezianischen Glasbläser auf der Insel Murano, die das Arsen zu einem steirischen Exportschlager in den vergangenen Jahrhunderten machten.

Bei der Verhüttung entstand quasi als Abfallprodukt der Hittrach, dessen stimulierende Wirkung seit der Antike bekannt ist und der in der Steiermark über Generationen hinweg konsumiert wurde. Allerdings hatten Arsenik-Konsumenten auf dem Land einen ebenso schlechten Ruf wie die Opium-Esser in der Stadt.

Schau im Volkskundemuseum: Künstlerische Annäherung an das Thema
„Erinnerung an steirische Arsenikesser“ nennt Simon Brugner seine Ausstellung im Grazer Volkskundemuseum. Sie ist aber weniger eine Dokumentation mit Originalstücken, sondern vielmehr eine Reihe von Assoziationen, die der Fotograf und Künstler dazu hatte. Er kombiniert darin Fotografien, die er im Zug seiner Recherchen gefunden hat, mit Sammlungsstücken des Volkskundemuseums und eigenen Fotos, die seine Gedanken zu dieser geheimen Geschichte der Steiermark widerspiegeln.

Gezeigt wird das in alten, wunderschön bemalten Vitrinen, die noch aus der Zeit des Museumsgründers Viktor von Geramb stammen, sowie auf grauen Wänden, wo die Leerräume zwischen den Fotos das Eigentliche erzählen. Brugner und Kuratorin Birgit Johler vom Volkskundemuseum haben diese Form der Präsentation gewählt, weil die Geschichte der Arsenikesser kaum dokumentiert ist und hauptsächlich durch Erzählungen hinter vorgehaltener Hand tradiert wurde.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 6. März. Wer sich mehr in Simon Brugners Assoziationen vertiefen möchte, dem sei sein bilderreiches Buch „The Arsenic Eaters“ (nur in englischer Sprache) empfohlen.

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