29.12.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Das Drama umarmen: „Manchmal weint sie“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über toxischen Optimismus zur Jahreswende.

Als Soziologin unterhalte ich mich gerne mit Leuten. Ein Bekannter, nennen wir ihn Oliver, hat mir erzählt, dass er eigentlich bei einer Silvesterparty „unter die Leute“ (lies: zu einem netten Gspusi) kommen wollte. Aber eigentlich glaubt er selbst nicht mehr daran. Die geplante „Homeparty“ zum Jahreswechsel bei seiner Freundin Mariella wird wohl gedämpft verlaufen. Mariella reicht es nämlich schön langsam, mit ihrer Partnerin, in der kleinen Wohnung, erfährt man im Hintergrundgespräch: „Manchmal weint sie, immer häufiger hängt sie depressiv am Sofa herum und ist zu nichts zu motivieren.“ Spaß über die Feiertage sieht anders aus.

Man kann ihnen nur viel Glück wünschen, jenen Menschen, die auf Datingportalen „no drama“ in ihr Suchprofil schreiben. Die Stimmung in der Bevölkerung ist unterirdisch. Noch nie war die Zukunftserwartung in den letzten 50 Jahren in Österreich so negativ wie jetzt, zeigt die aktuelle IMAS-Neujahrsumfrage. Das letzte Jahr war für die Mehrheit der Menschen kein gutes.

Das sind schlechte und gute Nachrichten zugleich. Es macht nämlich ein Ende mit der toxischen Positivität, die dazu führt, dass es einem schlecht geht, weil man sich nicht gut fühlt. Verstehen Sie?

Wer sich viel Glück erhofft und dann enttäuscht wird, stürzt emotional tiefer als Menschen, die halbwegs realistisch bleiben. Die Kritik am Glücksversprechen hat ihren Weg sogar ins Journal of Positive Psychology gefunden - das ist just jene wissenschaftliche Fachzeitschrift, in der normalerweise der Optimismus optimiert wird. Australische Psychologen haben herausgefunden, dass es nach hinten losgehen kann, wenn Menschen zu viel Wert auf Glücklichsein legen. Denn wenn sich dann das Glücklichsein nicht wie erwartet einstellt, geben Menschen sich oft selbst die Schuld für ihr Scheitern am Glücksversprechen. Das macht schlechte Laune. Und manchmal sogar Depressionen.

Mitten in einer Gesellschaftskrise darf man sich ruhig auch ein bisschen schlecht fühlen. Nicht jedes momentane Unwohlsein muss man sofort wegmachen - auch wenn diese Erkenntnis für die Alkoholindustrie ein Schlag in die Magengrube sein mag. Negative Gefühle, Schmerz, Verlust, Enttäuschung und Scheitern gehören zum Leben dazu. Statt krampfhaft gut drauf sein zu wollen, kann man sich zum Jahreswechsel ein paar sinnvolle Aktivitäten für die nächste Zeit vornehmen. Etwas schwieriges zu schaffen. Jemand zu helfen. Regelmäßig etwas zu machen, das einem gut tut. Positive Dinge in seinem zukünftigen Leben zu verankern ist nicht toxisch. Schädlich sind nur überzogene Erwartungen an Spaß und Glücklichsein während einer Gesellschaftskrise, die jeder Erwartbarkeit den Garaus gemacht hat. Manchmal ist es wichtig, das Drama zu umarmen. Schreiben Sie das mal in Ihr Suchprofil.

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Barbara Rothmüller
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