19.12.2021 06:00 |

Angst, Erkenntnis

Corona: „Geständnisse“ von vier Impfnachzüglern

Vier Menschen erzählen, warum sie sich erst kürzlich ihren ersten Stich geholt haben. Und ein Arzt und eine Psychiaterin sprechen über „Unerreichbare“.

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„Ich muss gestehen: Ich habe das Virus unterschätzt. Schwer unterschätzt“, sagt Theresa P. Lange Zeit hindurch habe sie nämlich gedacht, es könne ihr – genauso wie ihrer Familie und ihren Freunden – „nicht wirklich gefährlich“ werden.

„Ich habe kapiert, wie gefährlich Corona ist“
„Wir leben alle gesund, ich selbst hatte bislang nur kleine Verkühlungen, musste kaum jemals Medikamente nehmen.“ Und darum glaubte die 32-Jährige, sie würde die Pandemie auch ohne Immunisierung unbeschadet überstehen. Aber dann kam bei ihr das große Umdenken. Als ihre Mutter (63) und ihr Vater (74) - trotz zweifacher Impfungen - vor knapp zwei Monaten schwer an Covid erkrankten.

„Davor so extrem aktive Menschen“
„14 Tage hindurch ging es beiden extrem schlecht, sie hatten hohes Fieber, starken Husten, entsetzliche Kopf- und Gliederschmerzen. Und selbst in den drei Wochen danach konnten sie kaum ihre Betten verlassen.“ Bis heute seien ihre Eltern gesundheitlich angeschlagen - „diese davor so extrem aktiven Menschen“, für die nun jede kleine Tätigkeit eine Überwindung bedeutet, weil sie in der Folge total erschöpft sind.

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14 Tage hindurch ging es beiden extrem schlecht, sie hatten hohes Fieber, starken Husten, entsetzliche Kopf- und Gliederschmerzen.

Theresa P. über die Corona-Erkrankung ihrer Eltern

„Mein Papa hat mich schließlich davon überzeugt, mich impfen zu lassen. Denn er ist sich sicher: Wären meine Mama und er nicht geimpft gewesen, hätten sie die Infektion nicht überlebt.“

Und immer öfter ist die Leiterin eines Wiener Nobelfriseursalons zudem mit Kunden konfrontiert, die nach Ansteckungen mit dramatischen Problemen zu kämpfen haben, „einige von ihnen leiden an Long Covid, manche von ihnen haben ihre Haare verloren“. Vor wenigen Tagen hat Theresa P. ihren zweiten Stich bekommen: „Und ja, ich bin deshalb sehr erleichtert.“

Die Motive vieler „Erstlinge“
Anders sehen das Jasmin H. (31), Ordinationsassistentin, und Malak A. (20), Kindergartenhelferin. Beide wurden vor Kurzem zum ersten Mal vakziniert. Nicht weil sie meinen, eine Impfung würde gut für sie sein, sondern weil sie bei einer Verweigerung ihre Arbeitsplätze verloren hätten. Und die zwei Niederösterreicherinnen sind sich einig: „Wir haben nach wie vor Angst davor, dass der Wirkstoff in unseren Körpern Schlimmes anrichten, uns vielleicht sogar unfruchtbar machen könnte.“

Preva Petrovic hingegen gibt sich geläutert. Der 45-jährige Wiener ließ sich am vergangenen Wochenende zum ersten Mal einen Stich setzen. Warum erst so spät? „Ich habe einfach lange nicht kapiert, dass ich mit meinem ,Status‘ meine Mutter gefährden könnte. Zwei Freundinnen haben mich letztlich dazu überredet, das Notwendige zu tun“, erklärt der Gastronom. „Und außerdem“, gibt er zu, „wollte ich keine Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen – und nicht in einem ewigen Lockdown bleiben.“

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Ich habe einfach lange nicht kapiert, dass ich mit meinem „Status" meine Mutter gefährden könnte.

Preva Petrovic

„Das häufigste Motiv der Nachzügler, sich – endlich – vakzinieren zu lassen, ist auf die kommende Impfpflicht zurückzuführen“, berichtet der Wiener Neudorfer Allgemeinmediziner Alireza Nouri: „Weil die Betreffenden befürchten, von ihren Dienstgebern gekündigt zu werden. Und weil sie weiterhin Lokale besuchen und shoppen gehen wollen.“

Der Kampf gegen den „gemeinsamen Feind“
Die Zahl der so Gewonnenen sei „aber zu gering. Von den rund 200 Menschen, die ich wöchentlich ,steche‘, sind immer bloß etwa zehn Prozent ,Erstlinge‘“. Ein fast besserer Schnitt, als auf unseren Impfstraßen verzeichnet wird. Wie noch die Abertausenden, die – trotz Omikron – weiterhin eine Vakzinierung ablehnen, überzeugen? „Manchmal gelingt es mir durch lange Aufklärungsgespräche“, so der niederösterreichische Arzt.

Psychiaterin Sigrun Rossmanith zeichnet diesbezüglich ein ziemlich düsteres Bild: „Es gibt mittlerweile einen harten Kern von Impfgegnern, der – meinen Erfahrungen und Empfindungen nach – laufend größer und militanter wird.“

Wer sind diese Menschen? Waren sie bis zum Ausbruch der Pandemie völlig unauffällig? „Eher nicht, doch sie hatten bis dato kaum Gründe, öffentlich laut zu werden; verarbeiteten ihre häufig unberechtigten Frustrationen damit, ein wenig aufmüpfig zu sein, im Kontakt mit Vorgesetzten, oder – überhaupt – mit Andersdenkenden.“ Jetzt hätten sie allerdings einen gemeinsamen Feind, den Staat, „gegen den sie in der Gruppe anzukämpfen bereit sind. Um das, was sie für ihr Recht halten, durchzusetzen.“ Nachsatz: „Hoffentlich nicht um jeden Preis.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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