31.10.2021 09:00 |

„Krone“-Kolumne

Halloween und die Lust an der Angst

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller anlässlich von Halloween zur Lust an der Angst.

Die Kombination von Angst und Lust ist ein komplexes Gefühl, dass sich zu Halloween wieder hervorragend beobachten lässt. Kinder wie Erwachsene lieben die wohldosierte Aufregung und gruselige Geschichten, in denen am Ende das Gute siegt. Vampirserien, Thriller, Kriminalromane, Kriegsfilme: Sie alle ziehen Menschen an, die Spaß an der Angst haben. Oder zumindest an der probeweisen Überwindung ihrer Angst in der Fantasie. Für viele Menschen gehört Angstlust zu einem lustvollen Freizeitprogramm dazu - von Computerspielen über Kinobesuche bis zur Flucht aus einem Escape Room.

Horrorfilme haben etwas mit Pornografie gemeinsam: Sie zählen zu den Körper-Genres der Filme, weil sie unmittelbar bestimmte körperliche Reaktionen hervorrufen, etwa Spannung und Erregung, die als lustvoll erlebt werden. Ähnliches beschreibt die Filmtheoretikerin Linda Williams für filmische Dramas. Angesichts einer tragischen Geschichte muss man unwillkürlich mitweinen - und fühlt sich danach gut.

Noch intensiver als das Lustempfinden beim Medienkonsum ist die Suche nach Aufregung im realen Leben. Ein Mehrwert von Sex an öffentlichen Orten ist nicht zuletzt die Angst, entdeckt zu werden. Auch eine geheime Affäre putscht die Angstlust in die Höhe. Manche Menschen reizen den Nervenkitzel gerne aus - und verschätzen sich dabei schon mal.

Nicht alle Menschen suchen allerdings nach neuen, aufregenden und intensiven Reizen im sexuellen Bereich. Einigen reicht die mediale Angstlust völlig aus - und manchen ist selbst das zu viel. Mediale Angstgefühle können Menschen an reale Erfahrungen extremer Angst oder Demütigung erinnern. Betroffene von Gewalt empfinden deshalb manchmal wenig Spaß an Gewaltfilmen. Sie sind froh, wenn ihr Körper nicht ständig in ängstlicher Daueranspannung ist. Traumatische Erfahrungen können es allerdings auch begünstigen, dass sich Menschen immer wieder realen Angstsituationen aussetzen - und versuchen, das Grauen in der Wiederholung zu bewältigen.

Im Fall von Halloween wird die Angstlust noch um einen Aspekt bereichert: Man kann selbst in die Rolle einer mächtigen, finsteren Figur schlüpfen, die anderen Menschen das Fürchten lehrt. Der Spaß am Gruseln schlägt hier in sein Gegenteil um und wird zum Spaß daran, fürchterlich zu sein und dafür gefürchtet zu werden. Gerade wenn man noch klein ist - oder sich klein fühlt -, ist das Gefühl von Macht über „die Großen“ besonders interessant.

Vielleicht lieben Kinder deshalb die Geschichte vom „Grüffelo“ so sehr: Ein riesiges Fantasie-Ungeheuer, das die bedrohlichen Feinde so einschüchtert, dass die kleine Maus hocherhobenen Hauptes durch den gefährlichen Wald spazieren kann - und in Ruhe gelassen wird. Dabei bringt die Maus den fürchterlichen Grüffelo sogar selbst mit ihrer Fantasie dazu, sich zu fürchten. Ein Rollenspiel von Macht und Angstlust, das sich kaum von den Gruselbegeisterten zu Halloween unterscheidet.

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Barbara Rothmüller
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