03.10.2021 07:30 |

Interview

„Es reicht nicht, nur die Honigbiene zu retten“

Das Insektensterben ist auch in Vorarlberg längst ein Thema. Besonders prekär ist die Lage bei den Wildbienen. Der Biologe und Wildbienen-Experte Johann Neumayer kennt die Ursachen dafür.

„Krone“: Herr Neumayer, wie geht es den Wildbienen?
Johann Neumayer: Es lassen sich zwei verschiedene Entwicklungen beobachten. Anspruchsvolle Arten, die bestimmte Lebensräume oder Futterpflanzen brauchen, sind in den vergangenen Jahren vielerorts sehr viel seltener geworden oder sogar lokal ausgestorben. Es gibt etwa zahlreiche Bienenarten, die auf Glockenblumen angewiesen sind. Diese Pflanzen kommen in den landwirtschaftlich intensiv genutzten Talräumen kaum noch vor. Wärmeliebende Bienen mit weniger hohen Ansprüchen treten dagegen häufiger auf. In Österreich spürt man diesbezüglich den Klimawandel recht stark - Tiere, die früher nur im pannonischen Raum zu Hause waren, dringen mittlerweile bis ins Rheintal oder ins Donautal vor.

Fakten

Was ist der „Wildbienenrat“?

Seit Februar 2019 besteht der Österreichische Wildbienenrat, der aktuell 40 Expertinnen und Experten umfasst, die sich wissenschaftlich mit Wildbienen befassen (Faunistik, Ökologie, Taxonomie, Genetik etc.). Zentrales Anliegen ist der Schutz der rund 700 heimischen Wildbienenarten, zudem soll auf deren Rolle als Bestäuber aufmerksam gemacht werden. Allem voran steht die Forderung nach mehr Vielfalt.

Was sind Beispiele hierfür?
Ein Beispiel ist die Holzbiene. Dabei handelt es sich um eine auffällig große, schwarze Biene mit dunklen Flügeln. Durch das milder werdende Klima ist sie mittlerweile auch im Alpenvorland anzutreffen, davor war sie auf wärmebegünstigte Lebensräume beschränkt. Ein Beispiel für eine stark zurückgedrängte Art ist die Knautien-Sandbiene. Diese ist spezialisiert auf die Pollen der Acker-Witwenblume und der Tauben Skabiose. Durch Überdüngung sowie häufiger Mahd sind deren Lebensgrundlage und somit der Bestand stark gefährdet.

Haben die Wildbienen mit denselben Problemen zu kämpfen wie die domestizierte Honigbiene?
Das Problem, das alle gemeinsam haben, ist das niedrige und sehr fragmentierte Blütenangebot. Die Honigbiene kann Durststrecken aber besser überdauern als Wildbienen. Zum einen, weil sie größere Vorräte im Stock gelagert hat und zum anderen, weil sie im Notfall von ihren Imkerinnen und Imkern versorgt wird.

Woran liegt es, dass das Nahrungsangebot für Bienen immer knapper wird?
In Österreich haben wir einerseits viele landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen ohne Grünstreifen oder artenreiche Waldränder, anderseits gefährden aber auch naturfern gestaltete Landschaften und die immense Bodenversiegelung die Biodiversität erheblich. Gerade im privaten Bereich hat sich die Nutzung in den vergangenen Jahrzehnten stark geändert. Waren früher noch Obstbäume und Gemüsepflanzen in den Gärten zu finden, dominieren heute Rasen- oder Steinwüsten ohne Nutzen für Mensch oder Tier.

Sind Honigbiene und Wildbiene bei dem knapp bemessenen Nahrungsangebot auch Konkurrenten?
Hierzu gibt es aktuelle Studien aus Skandinavien, die klar zeigen, dass die Honigbiene eine Konkurrentin sein kann, dies aber erst schlagend wird, wenn das Blütenangebot stark reduziert ist. Die Honigbiene hat prinzipiell eine andere Sammelstrategie als die meisten Wildbienenarten. Sie nutzt immer Massenblüten wie den Löwenzahn oder die Rapsblüte - die ist also immer dort zu finden, wo es viel zu ernten gibt. Wildbienenarten nutzen hingegen in den meisten Fällen kleinere Pflanzenbestände. Wenn die Landschaft aber ausgeräumt ist, dann herrscht durchaus Konkurrenz zwischen den Bienenarten um das Wenige, das noch blüht.

Sie sind Vorstand im Wildbienenrat. Was ist Ziel dieses Gremiums?
Der Wildbienenrat ist im Februar 2019 gegründet worden. Die Grundidee war die Vernetzung von Experten. Derzeit sind wir an die 40 Personen, die sich in irgendeiner Weise wissenschaftlich mit dem Thema Wildbienen beschäftigen. Wir wollen in der Öffentlichkeit auf die Rolle der Wildbienen und anderer Insekten aufmerksam machen. Denn damit Bestäubung funktioniert, braucht es mehr als nur die Honigbiene. Marillenbäume beispielsweise werden - vor allem wenn das Wetter noch kühl ist - hauptsächlich von Hummeln und Mauerbienen bestäubt.

Zitat Icon

Heute dominieren Rasen- oder Steinwüsten die Gärten, ohne Nutzen für Mensch oder Tier

Johann Neumayer

Die Folgen des Verlusts solcher Bestäuberarten würde also auch der Mensch zu spüren bekommen?
Ja, denn ein funktionierendes Bestäubernetzwerk ist schlussendlich unsere Lebensgrundlage. Das Thema Biodiversität erfährt im Zuge der Umwelt- und Klimadiskussion nun mehr Aufwind. Ich denke, dass langsam auch ein Bewusstsein für die Problematik des Artenverlusts entsteht. Mit der Rettung der Honigbiene allein ist es nicht getan. Der Mensch ist auf ein funktionierendes Ökosystem angewiesen.

Was kann jeder privat tun, um die Bienen zu unterstützen?
Jeder, der Grund hat - dazu gehört auch ein Balkon mit Blumenkisten -, sollte auf Vielfalt statt Einfalt setzen. Vielfalt wird von vielen Menschen zunächst einmal als unordentlich und chaotisch empfunden. Die Natur ist in gewissem Maße ein wildes Durcheinander - aber kein Saustall. Wir als Gesellschaft haben eigenartige, naturferne Schönheitsideale entwickelt. Der Garten soll am besten reinlich und aufgeräumt sein. Das funktioniert aber ökologisch nicht. Hier ist ein Paradigmenwechsel notwendig, aber so etwas geht nicht von heute auf morgen.

Haben wir diese Zeit noch?
In Sachen Biodiversität müssen wir jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, dass sich etwas zum Positiven verändert. Es gibt bereits einige gute Aktionen wie beispielsweise die Initiative „blühendes Vorarlberg“. In der Stadt Salzburg werden öffentliche Flächen als Wiesen und nicht mehr als Rasen gestaltet. Wenn es Landwirten ermöglicht würde, zunehmend Konzepte wie die abgestufte Wiesennutzung umzusetzen, dann wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Es braucht dringend Räume für die Artenvielfalt.

Rubina Bergauer
Rubina Bergauer
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