26.09.2021 15:05 |

Mangel an Lkw-Fahrern

„Weihnachten retten“: London vergibt Arbeitsvisa

Der durch den Brexit verursachte Mangel an Lkw-Fahrern in Großbritannien sorgte nicht nur dafür, dass Lebensmittel und Treibstoffe knapp wurden, auch Christbäume dürften in diesem Jahr empfindlich teurer werden. Um die Lieferketten vor Weihnachten wieder zum Laufen zu bekommen, vergibt die Regierung in London nun kurzerhand 5000 Arbeitsvisa für Lastwagenfahrer - der Erklärung zufolge sollen nun die ausländischen Fachkräfte Weihnachten retten.

Nach dramatischen Bildern von Warteschlangen an Tankstellen hat die britische Regierung ihre starre Haltung über den Haufen geworfen. Neben den erleichterten Arbeitsbedingungen für Lkw-Fahrer sollen zudem 5500 Fachkräfte für die Geflügelverarbeitung angelockt werden. „Nach sehr schwierigen 18 Monaten weiß ich, wie wichtig dieses Weihnachtsfest für uns alle ist“, sagte Verkehrsminister Grant Shapps. Noch am Freitag hatte er es abgelehnt, ausländische Spezialisten ins Land zu holen.

Die Lage ist dramatisch
Weil an allen Ecken Lastwagenfahrer fehlen - der Branchenverband Road Haulage Association (RHA) nennt als Zahl bis zu 100.000 -, blieben in Supermärkten Lebensmittelregale leer, auch viele andere Waren gab es vorübergehend nicht, von Matratzen bis zu bestimmten Biersorten. Aber erst, als bekannt wurde, dass Energiekonzerne Dutzende Tankstellen nicht mehr beliefern konnten, griff die Regierung ein. Ein Grund für den eklatanten Engpass sind die schärferen Einwanderungsregeln seit dem Brexit, EU-Bürger benötigen nun teure Arbeitsvisa.

Vertreter der Logistikbranche sowie der Nahrungsmittelindustrie begrüßten die Regierungspläne. Zugleich machten sie deutlich, dass die insgesamt 10.500 Fachkräfte nicht ausreichten. „Das ist, als ob man ein Lagerfeuer mit einem Fingerhut Wasser löschen will“, sagte die Präsidentin der Britischen Handelskammer, Ruby McGregor-Smith.

Arbeitsvisa „keine nachhaltige Lösung“
Hingegen beharrte das Verkehrsministerium darauf, dass der Import von Arbeitskräften keine nachhaltige Lösung des Problems darstelle. Minister Shapps weigerte sich, den Brexit als Grund für die Nöte anzuerkennen. Helfen sollen nun ein Maßnahmenpaket und das Militär. Vorgesehen ist etwa, dass Fahrlehrer der Armee helfen, den enormen Rückstau an Fahrprüfungen aufzuarbeiten, der auch durch die Corona-Pandemie entstanden ist. Shapps schloss nicht aus, dass Soldaten sogar als Fahrer einspringen könnten.

Zugleich versuchte die Regierung, die Bevölkerung zu beruhigen. Es sei genügend Kraftstoff vorhanden, sagte Minister Shapps. Die Menschen sollten sich vernünftig verhalten. Seine Kabinettskollegin Nadine Dorries twitterte: „Es gibt keinen Kraftstoffmangel. Ich wiederhole: ES GIBT KEINEN KRAFTSTOFFMANGEL!!“

Ausländer müssen einspringen
Ein Versprechen des Brexit war, die Freizügigkeit am Arbeitsmarkt zu beenden. Nun sollen die Ausländer doch helfen. Die RHA zweifelt aber daran, dass die erhofften Fachkräfte überhaupt kommen. Die Zeit sei knapp, und es sei fraglich, ob Fahrer, die auch in der EU händeringend benötigt werden, sich auf ein zeitlich begrenztes Abenteuer einließen, sagte RHA-Manager Rod McKenzie der Nachrichtenagentur PA.

Weihnachtsgeschäft auf der Kippe
Andere Branchen gehen ebenfalls davon aus, dass das Weihnachtsgeschäft auf der Kippe steht. Das liegt auch an einer Energiekrise mit stark gestiegenen Gaspreisen, die sich etwa auf die Lebensmittelproduktion auswirken. Zudem warnten Weihnachtsbaumproduzenten gegenüber dem Sender Sky News vor einem drastischen Preisanstieg. Es sei fraglich, ob jeder, der wolle, einen echten Christbaum aufstellen könne.

Truthahn-Verband: Brexit „zu 100 Prozent“ Ursache für Krise
Noch gefährdeter ist der traditionelle Festschmaus. Bereits vor Weihnachten werde es keine Truthähne mehr geben, sagte die Chefin des Verbands Traditional Farm Fresh Turkey Association, Kate Martin. Im Gegensatz zu Minister Shapps ist sie überzeugt, dass der Brexit Schuld an den Lieferproblemen ist. Bei den großen Produzenten sei „zu 100 Prozent“ der Brexit die Ursache für die Knappheit an Arbeitskräften.

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