Experte zu Stufenplan:

„Bis wir bremsen, ist es vielleicht zu spät“

Politik
10.09.2021 08:35

Der von der Bundesregierung am Mittwoch präsentierte „Stufenplan“ mit seinen vorgesehenen Verschärfungen nach dem Erreichen bestimmter Covid-Belegungszahlen auf Intensivstationen sei „im Prinzip richtig gedacht“. Allerdings sei der „Bremszeitpunkt falsch gewählt“, so der Leiter des Complexity Science Hub Vienna (CSH), Stefan Thurner. Auch sein Kollege Peter Klimek ortet noch einige Schwächen bei den Corona-Maßnahmen.

Die Situation sei vergleichbar mit einem Auto, das auf eine Wand zufährt. Dass in Stufe 2 und Stufe 3 des neuen Maßnahmenplans Verschärfungen erst sieben Tage nach dem Überschreiten der Intensivbettenbelegung von zuerst 15 und dann 20 Prozent eintreten sollen, sei zu spät. In einer Woche könnten sich die Zahlen so stark erhöhen, „dass wir an der Wand dran sind“, so Thurner im Gespräch mit der APA.

„Lineare Logik für exponentielle Entwicklung“
Für Peter Klimek ist das Prinzip vergleichbar mit einer Sturmwarnung nach aktuellen Messungen der Windgeschwindigkeit: „Wenn ich bei 200 Kilometern pro Stunde sage: ,Fahrt ins Landeinnere dem Hurrikan davon‘, ist das zu spät.“ Bis sich dann in der Folge ein Effekt auf den Intensivstationen zeigt, vergehe zudem noch viel Zeit. Große Anstiege „kann es in ein paar Tagen geben“, so der Forscher vom CSH und der Medizinischen Universität Wien: „Da ist etwas in einer linearen Logik gedacht, was dann auch exponentiell gehen kann.“

Die Pandemie werde aktuell vor allem von jüngeren, nicht geimpften Personen vorangetrieben. Dementsprechend gelang ein Einbremsen der Fallzahlen in manchen Ländern durch Beschränkungen oder Schließungen in der Nachtgastronomie oder nächtliche Ausgangssperren. Wie gut der österreichische Stufenplan dann funktionieren wird, hänge auch davon ab, wie strikt etwa 2G in der Nachtgastronomie auch kontrolliert wird.

„Vielleicht waren keine Pläne da“
Die Pandemie sei ein „kollektives Problem“, für das es gesellschaftsübergreifende Lösungen brauche, betonte Thurner. Dafür müssten aber langfristig Debatten gestartet werden und die Menschen darüber informiert werden, was bei verschiedenen Szenarien passieren soll. Leider sei eine solche Debatte im Sommer „für kein Szenario“ geführt worden. Es liege daher der Schluss nahe: „Vielleicht waren keine Pläne da.“

Herdenimmunität noch nicht erreicht
Was die viel zitierte und oft erhoffte Herdenimmunität angeht, so sind sich beide Wissenschaftler einig, dass Österreich davon noch entfernt ist, aber: „Vielleicht liegen wir nur zehn Prozent daneben“, so Thurner und Klimek. Leider fehle es noch immer an gezielten Kampagnen, um Impfskeptiker zu überzeugen. Es bräuchte für jede Gruppe eigene Strategien.

Selbst wenn man möglicherweise nur ein kleines Stück von einem Anteil an weitestgehend immunisierten Personen in Österreich entfernt sei, der die aktuelle vierte Welle abebben ließe, „zeigen die steigenden Fallzahlen“, dass dem jetzt eben noch nicht so sei, betonte Thurner. Angesichts der ansteckenderen Delta-Variante und des relativ großen Anteils an noch immer ungeschützten Menschen, ist das Virus nun wieder recht durchschlagskräftig - auch weil mit dem Sommer nun die epidemiologisch „beste Zeit“ ihr Ende findee.

„Ein sehr weiches Konzept“
Die Herdenimmunität beginnt in klassischen Lehrbüchern bei einer Immunitätsrate von rund 50 Prozent, die einen gewissen kollektiven Schutz biete. Bei 70 Prozent Durchimpfung sollte es dann eigentlich kaum noch Ausbrüche geben. Bei diesen Annahmen gehe man aber immer davon aus, dass jede Person gleich viele Kontakte pflegt.

Seit einigen Jahren sei diese Sichtweise aber überholt, was nicht zuletzt die Corona-Pandemie zeigt. Der Herdenschutz sei vielmehr „ein sehr weiches Konzept“, so Thurner, der auch Teil des Covid-Prognose-Konsortiums ist. Auch wenn 30 oder 35 Prozent der Bevölkerung ungeschützt sind, könne es eben noch zu größeren Ausbrüchen kommen.

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