08.08.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Bitte ankreuzen: Ja, Nein, Vielleicht, Weiß nicht

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal dazu, wie man sexuelle Einvernehmlichkeit gestaltet.

Wenn Menschen Lust auf etwas haben, ist ihnen das zumeist deutlich anzumerken. Ein riesiger Eisbecher mit Schokosauce. Mhh. Glücksgefühle beim Wandern und Joggen. Stehen Sportlern ins Gesicht geschrieben. Und beim Sex? Glückshormone, Augenkontakt, Lächeln, schwere Atmung, Stöhnen, Körperflüssigkeiten, Erektion, Begeisterung - es ist meist kaum zu übersehen, wenn sexuelles Begehren lodert.

Ist keines dieser Signale vorhanden, stehen die Zeichen eher nicht auf Sex. Dann ist Feingefühl gefragt: Selbst wenn Menschen zu Beginn Lust auf Küssen und Sex hatten, kann sich das im Laufe der Aktivitäten verändern. Nur weil jemand nackt herumliegt und nicht Nein sagt, ist das ja noch keine Zustimmung zu Sex. Wirkt jemand beim Sex erstarrt und abwesend oder vermeidet Augenkontakt, ist eine Nachfrage angebracht. Zum Beispiel: Ist alles okay? Willst du noch weitermachen? Wir können jederzeit aufhören. Gibt es etwas, das ich anders machen kann? Wenn man es nicht schafft zu fragen, kann man auch abwarten, ob die andere Person sexuelle Handlungen initiiert. Tut sie das nicht, ist recht klar, dass sie nicht weitermachen möchte.

Manchmal ist sexuelles Einverständnis schwierig, weil die Situation nicht ganz eindeutig ist. Zum Beispiel, weil man noch nicht genau weiß, wie begeistert man sein wird, wenn man sexuell etwas Neues ausprobiert. Oder weil Einverständnis und Wunsch nach Sex nicht zusammenspielen. Menschen können Lust auf Sex haben, es aber keine gute Idee finden und deshalb sexuelle Aktivitäten ablehnen. Etwa, durchaus empfehlenswert, nicht mit dem attraktiven Büroassistenten oder der Exfreundin. Umgekehrt stimmen Menschen manchmal Sex zu, obwohl sie keine Lust haben. Vor allem Frauen werden teilweise dazu erzogen, immer nett und nie aggressiv zu sein. Sie wollen vielleicht ihre Sexpartner oder -partnerin nicht vor den Kopf stoßen. Oder ihnen das Gefühl geben, sie wären schlecht im Bett. Manchmal gibt es auch Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen, die dazu beitragen, dass man sich dreimal überlegt, wie explizit man Avancen ablehnt. Aber wenn sich Sex nicht mehr so lustvoll anfühlt wie zu Beginn, hat man jedes Recht nachzuverhandeln: Können wir eine Pause machen? Ich möchte etwas anderes machen. Das war schön, aber jetzt mag ich nicht mehr.

Umgekehrt ist es auch nicht selbstverständlich, dass Menschen ihre sexuelle Lust enthusiastisch zeigen. Es gibt zwar viele Argumente dafür, warum es gut ist, seine Lust deutlich auszudrücken. So finden Menschen die Lust der anderen oft sehr erregend. Stöhnen fördert wegen der tiefen Atmung den eigenen Orgasmus. Und wenn man sich daran gewöhnt hat, kann es sogar anturnend sein, über Sex während dem Sex zu sprechen. Aber in ihrer Lust sind Menschen sehr unterschiedlich. Je nach Partner wird sexuelle Begeisterung also anders aussehen. Passive Zustimmung macht es dem Partner oder der Partnerin schwerer, ohne zu reden herauszufinden, ob der Sex noch Spaß macht. Und über Sex zu reden haben viele Menschen leider nie geübt.

Dabei sind Worte beim Sex praktischer, weil eindeutiger, als Körpersignale und Körpersprache. Es ist zum Beispiel ein Missverständnis zu denken, dass eine feuchte Vagina oder ein erigierter Penis ein verlässliches Zeichen dafür sind, dass jemand Sex haben will. Kann sein. Muss aber nicht. Im Zweifelsfall ist es deshalb besser zu fragen. Ein enthusiastisches Ja verscheucht die Unsicherheit sofort aus dem Raum: Ja, das fühlt sich super an. Ja, das möchte ich ausprobieren. Ja, bitte berühre mich hier und da. Mehr. Ja! Das ist das geheime Geheimrezept, wie man Sex über viele Jahre lustvoll gemeinsam mit anderen Menschen lebt: Im Einverständnis.

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Barbara Rothmüller
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