01.08.2021 12:14 |

Nachhaltige Mobilität

„So oft wie möglich auf das Auto verzichten“

Krone Vorarlberg:Herr Reis, ein wesentlicher Vorteil von Elektrofahrzeugen ist, dass die Emissionen in der Gesamtbilanz deutlich niedriger sind als jene von Pkw mit Verbrennungsmotoren. Was sind denn weitere Vorteile?

Martin Reis: Zum Beispiel, dass sie wesentlich leiser unterwegs sind. Somit tragen E-Autos nicht nur dazu bei, dass die Luft frei von schädlichen Abgasen wie Kohlenmonoxid, Stickoxiden und Rußpartikel ist, sondern dass es auf unseren Straßen und damit in den Gemeinden und Städten tendenziell ruhiger wird. Komplett geräuschlos sind aber auch E-Autos nicht - ab 50 km/h dominiert das Rollgeräusch der Reifen, zudem ist es aus Sicherheitsgründen gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Auto unter 30 km/h einen Ton abgeben muss. Elektrofahrzeuge singen eher, wenn man das so bezeichnen will. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei elektrisch betriebenen Autos deutlich weniger Reparaturen anfallen, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein Elektromotor nur rund 20 bewegte Teile hat. Ein klassischer Verbrennungsmotor hat hingegen deutlich über 1000 bewegliche Teile, die natürlich auch kaputt gehen können.

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Ein weiterer Vorteil ist, dass bei elektrisch betriebenen Autos deutlich weniger Reparaturen anfallen, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein Elektromotor nur rund 20 bewegte Teile hat.

Martin Reis

Ganz ohne Emissionen geht es aber auch beim E-Auto nicht. Etwa, weil der Strom mitunter nicht aus nachhaltigen Quellen kommt. Laut VCÖ ist derzeit nur ein Prozent aller 5,1 Mio. Pkw in Österreich emissionsfrei unterwegs. Wie kann sichergestellt werden, dass auch Ökostrom „getankt“ wird?

Unter anderem durch die aktuelle Bundesförderung. Um diese zu beziehen, muss das Fahrzeug zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energieträgern betrieben werden. Das heißt: Man muss einen Nachweis bringen, dass die Ladestation, an der das Auto vorwiegend geladen wird, Ökostrom liefert. Da es mittlerweile etliche Stromanbieter gibt, die ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien anbieten, ist das im Prinzip nur eine Vertragsfrage.

Und wer die Förderung nicht in Anspruch nimmt, kann auch ohne Ökostrom fahren...

Ja, wobei man dann immerhin auf 2500 Euro verzichten würde. Zusammen mit dem Händlerrabatt von 1500 Euro würde man sich da schon eine recht hohe Summe entgehen lassen. Abgesehen davon sollte davon ausgegangen werden, dass Menschen, die einen elektrisch betriebenen Pkw fahren auch ein entsprechendes Bewusstsein mitbringen und somit in vielfacher Hinsicht auf nachhaltige Technologien setzen möchten.

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Die Kinderarbeit beim Abbau von Kobalt ist definitiv ein Problem. Es wird jedoch an Batterien gearbeitet, die ohne Kobalt auskommen - diese werden bereits in den kommenden Jahren am Markt sein.

Martin Reis

Apropos Bewusstsein: Viele argumentieren, dass die Herstellung der Batterien alles andere als umweltfreundlich und ethisch betrachtet problematisch sei...

Was die Umweltfreundlichkeit angeht, stimmt das zum Teil. Denn die Zellfertigung passiert nach wie vor vorwiegend in Asien, zusammengesetzt werden die Batteriepakete jedoch immer öfter in Europa. Mittelfristig muss das Ziel natürlich sein, dass die gesamte Produktion mit erneuerbaren Energien stattfindet. Das soll bis 2040 auch der Fall sein. Die Kinderarbeit beim Abbau von Kobalt ist definitiv ein Problem. Es wird jedoch an Batterien gearbeitet, die ohne Kobalt auskommen - diese werden bereits in den kommenden Jahren am Markt sein. Bis dahin muss man darauf vertrauen, dass die Autokonzerne die Lieferketten überwachen und keine Batterien zukaufen, bei denen Kobalt aus unreguliertem Kleinbergbau, wo Kinderarbeit nach wie vor an der Tagesordnung steht, verwendet wird.

Gibt es für die Batterien eigentlich adäquate Entsorgungsmöglichkeiten?

Die Batterien von E-Autos werden nicht nur entsorgt, sondern zu einem großen Teil in Wertstofffabriken recycelt. Das macht beispielsweise die belgische Firma Umicore. Dort werden die Batterien derart zerlegt, dass hochaktive Materialien wie Kupfer, Nickel usw. erneut in Batterien eingesetzt werden können. Laut Umicore soll es dabei zu keiner Schädigung der Umwelt durch gefährliche Stoffe kommen. Einzig Lithium wird derzeit noch verbrannt und somit thermisch verwertet. Sobald es aber entsprechende Mengen gibt, soll Lithium ebenfalls recycelt werden. Das ist auch notwendig, denn wenn die Nachfrage nach E-Autos steigt, werden die natürlichen Quellen über kurz oder lang versiegen. Soweit ich weiß ist etwa Umicore derzeit noch nicht ausgelastet, weil es schlichtweg noch nicht genügend Batterien gibt, die recycelt werden müssen. Das hat wohl damit zu tun, dass die Batterien mit bis zu 16 Jahren eine längere Lebensdauer haben als anfangs angenommen. Zudem sind sie sehr leistungsstark und werden, wenn sie für den Betrieb eines Fahrzeuges nicht mehr genutzt werden können, noch einige Jahr anderweitig eingesetzt - beispielsweise in Rechenzentren für die Sicherung vor Stromausfällen.

Und was sagen sie zu jenen Menschen, die E-Mobilität lediglich als Zwischenentwicklung zwischen Verbrennungsmotor und Wasserstoffantrieb sehen?

Wasserstoff kann meiner Meinung im Pkw-Bereich nicht flächendeckend eingesetzt werden. Sehr wohl aber könnte Wasserstoff ein Thema im Flugverkehr und im Lkw-Transport, speziell bei Langstrecken, sein. Wasserstoff hat - wie auch Verbrennungsmotoren - eine große Energiedichte, ist also sehr leistungsstark, muss allerdings mit erheblichem Aufwand erzeugt werden. Möchte man das nachhaltig machen, braucht es dafür wiederum Ökostrom - und zwar im Vergleich zur Elektromobilität drei Mal so viel. Das macht keinen Sinn. Zumal wir Wasserstoff dringend für andere Bereiche benötigen - neben den genannten Anwendungsfeldern etwa für industrielle Prozesse. Am bleibt Fakt: Nachhaltige Mobilität ist weit mehr als nur der Umstieg auf Elektroautos. Es braucht verschiedene Technologien und ein verändertes Mobilitätsverhalten. Wir müssen die Menschen dazu bringen, so oft wie möglich auf das Auto zu verzichten. Damit das allerdings möglich ist, muss es attraktive und einfach zugängliche Alternativen geben - vom funktionierenden öffentlichen Verkehrsnetz über Carsharing-Angebote und Fahrgemeinschaften bis zum Umstieg auf das Rad.

Fakten

Martin Reis leitet im Energieinstitut Vorarlberg den Bereich Mobilität und ist zudem stellvertretender Geschäftsführer. Der Familienvater fährt selbst ein E-Auto, sofern er nicht mit seinem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist.

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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