18.07.2021 12:00 |

„Krone“-Interview

„Koma-Patientin wird immer Hilfe benötigen“

Nach elf Monaten erwachte die 30-jährige Italienerin Christina Rosi in Hochzirl wieder aus dem Koma - die „Krone“ berichtete. Das Erwachen klingt wahrlich wie ein Wunder, doch es ist das Ergebnis medizinischer Arbeit. Die „Tiroler Krone“ hat mit der Primaria der Neurologie im Krankenhaus Hochzirl, Dr. Elke Pucks-Faes, gesprochen.

„Tiroler Krone“: Frau Dr. Pucks-Faes, wie kann es passieren, dass eine so junge Frau ins Koma fällt?
Dr. Pucks-Faes: Bei ihr war es Sauerstoffmangel im Gehirn durch einen Herz-Kreislauf-Stillstand in der 33. Schwangerschaftswoche (Anm.: die kleine Tochter wurde per Kaiserschnitt geboren). Sie hatte eine bekannte Herzerkrankung und war bis zu diesem Zeitpunkt stabil, aber dann ist es zu einer Rhythmusstörung gekommen und die Patientin musste wiederbelebt werden. Wie bei allen Wiederbelebungs-Patienten ist es so, dass je länger der Sauerstoffmangel im Gehirn anhält, desto größer die Schäden im Gehirn sind. Bei ihr war die Zeit relativ lange und daher ist sie in diese schwere neurologische Situation gekommen. Letztendlich in dieses Wachkoma.

Was ist ein Wachkoma?
Die Patientin hat selbstständig geatmet, das ist das Zeichen des Wachkomas. Die Patienten entwickeln auch einen Schlaf-Wach-Rhythmus. Aber, und das ist beim Wachkoma häufig so, die anderen Funktionen wie zum Beispiel Schlucken haben nicht funktioniert. Beim Wachkoma gibt es acht Phasen der Remission - Rückbildungsphasen, aber in jeder Phase kann der Patient stehen bleiben. Das hängt vom Ausmaß der Hirnschädigung ab. Je mehr diese geschädigt ist, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Patienten wieder selbstständig werden. Das ist selten, dass Patienten wieder nach einem schweren Hirnschaden selbstständig werden können.

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Die Patientin hat selbstständig geatmet, das ist das Zeichen des Wachkomas.

Dr. Elke Pucks-Faes

In welchem Zustand war die Patientin, als Sie bei Ihnen eingeliefert wurde?
Die Patientin ist eben in genau dieser schweren Phase zu uns gekommen. Sie hat eine Sepsis (Blutvergiftung) hinter sich - da war die Diskussion, wie man weiter tut. Es gibt eine spezielle Form der Therapie, bei der man das Medikament direkt ins Hirnwasser verabreicht, um die Patienten aus der Spastik (Muskelkrämpfe) zu bekommen. Diese kommen durch die schwere Hirnschädigung zustande. Wir sind ein Referenzzentrum für diese Therapieform. Mein Vorgänger, Professor Leopold Saltuari, hat dies etabliert, primär zur Spastik-Behandlung, aber ein Nebeneffekt ist, dass die Patienten wacher werden. Einerseits, weil sie aus diesem spastischen Käfig - das hat mein Vorgänger auch immer so genannt - befreit sind, und andererseits haben wir auch die Theorie, dass das Medikament, weil es ein Botenstoff im Hirn ist und es da zu einem Ungleichgewicht kommt, die Patienten wacher macht. Das haben wir auch bei der Patientin gesehen: Wir konnten ihr den Stress und die Spastik nehmen, damit wurde sie auch wach und zugewandter. Das Medikament bekommen die Patienten dauerhaft, das ist eine Dauertherapie.

Wird die Patientin das Medikament für immer brauchen?
Patienten brauchen es meist ein Leben lang, ja.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nach elf Monaten aufwacht?
Wir haben schon erlebt, dass Patienten sehr lange in dieser Phase gefangen sind. Sie sind motorisch eingesperrt. Man hat ständig eine Herzfrequenz von 140, man hat einen hohen Blutdruck, man schwitzt, man stresst ununterbrochen. Da ist das Gehirn gar nicht bereit, andere Dinge aufzunehmen. Das ist wie bei einem Entzug von einer Droge. Wir haben sehr wohl Patienten, die wir nach einem halben Jahr oder Jahr bekommen, um diese Methode zu probieren. Wir haben gesehen, dass Patienten die Möglichkeit haben, sich auch noch nach Monaten zu verbessern.

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Das ist wie bei einem Entzug von einer Droge.

Dr. Elke Pucks-Faes

Sie haben die körperlichen Symptome genannt, wie ist es mit dem Bewusstsein?
Das ist eine der entscheidendsten Fragen, auch für die Angehörigen. Bei einer schweren Hirnschädigung wird das Bewusstsein mitgeschädigt. Es gibt nur eine Erkrankung, bei derer der Patient bei Bewusstsein ist, sich aber nicht bewegen kann: das Locked-In-Syndrom. Bewusst reflektieren die Patienten nicht, es ist wie bei einem Säugling: Die Patienten reagieren auf einer emotionalen Ebene. Das war bei unserer Patientin auch so: Wenn ihr Mann oder ihre Mutter da waren, hat sie wie ein Kleinkind reagiert und sie hat auch anders reagiert, als wenn wir da waren. Mittlerweile hat sich das verändert. Aber sie liegt sicher nicht da und denkt über ihren Zustand nach. Dazu braucht es eine hohe komplexe Bewusstseins-Funktion, die hat sie nicht.

Wie geht es Christina Rosi denn zur Zeit?
Sie fängt an, zu laudieren, was die Angehörigen natürlich immer als Wörter interpretieren. Und sie ist zugewandter. Ganz entscheidend ist auch der Augenkontakt, ob die Patienten einen fixieren und anschauen - und das ist bei ihr der Fall. Die Patientin wird aber schwer betroffen bleiben. Für die Angehörigen ist ein Wunder passiert, aber es ist in Wahrheit kein Wunder, sondern eine normale Remissionsphase, die wir Gott sei Dank jetzt so erzielen konnten.

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Für die Angehörigen ist ein Wunder passiert, aber es ist in Wahrheit kein Wunder, sondern eine normale Remissionsphase, die wir Gott sei Dank jetzt so erzielen konnten.

Dr. Elke Pucks-Faes

Was ist das Ziel?
Das erste Ziel war das selbstständige Schlucken, das haben wir geschafft. Das nächste ist das eigenständige Essen und auch die Kommunikation. Ich hoffe, dass sie die Sprache findet. Das Ziel ist, dass man anfängt, die Patientin zu mobilisieren, auch in die aufrechte Position zu bringen. Dadurch wird sie auch wacher. Wir werden mit Physiotherapie, konventioneller und Robotik-Therapie probieren, die Patientin zu mobilisieren. Mit der Mobilisierung wird außerdem auch lernfähiger. Und natürlich werden Medikamente eingesetzt.

Ganz wie früher kann Frau Rosi aber nicht mehr werden?
Nein, auf keinen Fall. Denn dafür ist der Hirnschaden einfach viel zu groß.

Erkennt die 30-jährige Italienerin ihre Tochter?
Sie hat ihre Tochter ja nie selbst gesehen, sondern nur Bilder von ihr. Sie reagiert total gut auf ihren Mann und auf ihre Mutter. Das Ziel ist, dass man sie nach Hause bringt und dass sie so gut wie möglich in einem Zustand ist, wo sie leicht zu pflegen ist. Aber sie wird mit Sicherheit immer Hilfe in ihren banalen Tätigkeiten des Lebens brauchen.

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"Sie hat ihre Tochter ja nie selbst gesehen, sondern nur Bilder von ihr."

Dr. Elke Pucks-Faes

Vielen Dank für das Gespräch. Möchten Sie noch etwas hinzufügen?
Weil in den sozialen Medien oft von „Wunder“ gesprochen wird, möchte ich lediglich sagen, dass dahinter viel Engagement des medizinischen Teams steckt.

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