28.06.2021 06:00 |

Fußball und Politik

Wer Antirassismus auspfeift, ist ein Idiot

Ende Juni sollte an dieser Stelle eine politische Halbjahresbilanz stehen. Doch König Fußball sorgt dafür, dass sich heute kaum jemand für türkise, rote, blaue, grüne oder pinke Politiker interessiert. Alles dreht sich um Österreichs Krimi gegen die Italiener. Rund um das runde Leder geht es freilich um nichts Geringeres als Frieden, Völkerverständigung und Antidiskriminierung.

Stehsätze vom unpolitischen Sport sind Unsinn. Wer argumentiert, der Fußball müsse sich aus der Politik heraushalten, handelt naiv oder gemeingefährlich. Weil man die politische Bühne nicht kampflos jenen überlassen darf, die Sportereignisse für üble Zwecke missbrauchen. Wie Adolf Hitler, der 1936 die Olympischen Spiele in Berlin zu einem Propagandaspektakel der Nazis machte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte das mit der dummen Ausrede gerechtfertigt, dass man sich nicht mit Politik befassen wolle.

Geistige Nullen im Publikum
In der aktuellen Fußball-EM gab es bislang jenseits aller Fouls beim Balltreten ebenfalls schlimme Vorkommnisse. Vor allem zeigte sich ein Rassismusproblem. Gemeint sind geistige Nullen im Publikum, die mit echten Fans nichts zu tun haben. In Budapest gab es etwa beim Match von Ungarn gegen Frankreich widerliche Rassisten, die alle Aktionen von Kylian Mbappé & Co. mit Affenlauten begleiteten.

Mehrere Mannschaften – darunter Belgien in Moskau Seite an Seite mit dem Schiedsrichterteam – knieten nieder, um gegen Rassismus zu protestieren. Leider waren unter den russischen Zusehern zahllose Schwachdenker, welche diese Aktion auspfiffen. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er die Geste des Niederkniens persönlich mitmachen will oder nicht. Doch wer Antirassismus auspfeift, der ist ein Idiot. Oder ein Rassist. Oder beides.

Regenbogenwerbung muss akzeptiert werden
In beiden Fällen hat der europäische Fußballverband UEFA keine Untersuchung eingeleitet. Obwohl er für Vielfalt und Respekt wirbt. Doch werden die Werbeaufschriften auf Trikots und Fernsehspots der UEFA für die Anerkennung aller Kulturen zur Alibikommunikation, wenn man zu den Vorkommnissen bei Veranstaltungen schweigt. Jetzt müssen UEFA und Ungarn die Regenbogenwerbung ihrer Sponsoren akzeptieren.

Es geht ausdrücklich nicht um den Fall Marko Arnautovic. Dessen sprachliches Fehlverhalten wurde untersucht, als Beleidigung beurteilt, und eine Spielsperre wurde ausgesprochen. Arnautovic hat sich entschuldigt, die Strafe abgesessen und mit einer Spende tätige Reue gezeigt. Das ist abgehakt. Nur machen wir uns nichts vor: Das Problem reicht bis in die kleinste Bezirksliga, wo es hierzulande genauso schlimme Beschimpfungen von Spielern fremder Herkunft und dunkler Hautfarbe gibt.

Im Widerspruch zu ihrem unpolitischen Wesen formuliert die UEFA daher in Artikel 2 ihrer Statuten selbst politische Ziele: Für den Frieden, für eine Verständigung zwischen allen Ländern und für Antidiskriminierung. Das kann hoffentlich jeder unterschreiben. Wer ist für Krieg und gegen Menschenrechte?

München-Verbot als Armutszeugnis
Jenseits ihrer schönen Worte hat die UEFA versagt. In ihren eigenen Regeln steht, dass kein Mensch infolge des Geschlechts diskriminiert werden darf. Die Zeiten, als Frauen Fußball weder spielen noch kommentieren durften, sind zum Glück lange vorbei. Diskriminierungen infolge der sexuellen Orientierung werden leider toleriert. Warum gibt es keine aktiven Fußballer, die über ihre Homosexualität sprechen? Der Anteil schwuler Kicker wird sicher gleich hoch sein wie unter allen Männern. Nur redet niemand darüber, weil es den Betroffenen schlecht ergeht.

Daher war es ein Armutszeugnis der Fußballfunktionäre, die Beleuchtung des Münchner Stadions in Regenbogenfarben zu verbieten. Was übrigens sehr konservative und erzkatholische Politiker wie der bayrische Ministerpräsident Markus Söder wollten. Weil es keine politische Neutralität für und gegen Menschenrechte oder zwischen Homosexuellen und Schwulenhassern gibt.

Warum also verweigerte sich die UEFA dem Symbol gegen die Diskriminierung von Menschen, die jemanden gleichen Geschlechts lieben? Die Begründung war, dass man – Deutschland spielte ja gegen Ungarn – zu einem diskriminierenden Verfassungsgesetz im „Orbánland“ nicht Stellung nehmen wolle. Sollen wir uns auch neutral dazu verhalten, dass 2022 im WM-Veranstalterland Qatar Menschen allein wegen ihrer Sexualität bis zu fünf Jahre eingesperrt werden? Oder macht man für die katarischen Sponsoren der EM einen Kniefall im Vorhinein?

Ein häufiges Gegenargument ist, dass der Fußball allein weder die Welt besser machen kann noch eine völkerverständigende Weltsportart wäre, würden nur demokratische Länder mitspielen dürfen. Ja eh. Was aber hindert den Europa- oder Weltfußballverband daran, wenigstens Mindeststandards von Demokratie und Menschenrechten einzufordern, und das bei der Auswahl von Veranstaltungsländern und -orten zu berücksichtigen?

Peter Filzmaier
Peter Filzmaier
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