16.06.2021 17:02 |

Verschwörungstheorien

„Panik, dass geimpften Angehörigen etwas passiert“

Verschwörungsmythen wurden während der Pandemie extremer. Das Problem ist so dringlich geworden, dass die Regierung kürzlich eine Pressekonferenz zur Aufklärung gehalten hat und dass künftig Polizeidienststellen Informationsmaterial für Angehörige zur Verfügung stellen sollen. Woher kommen diese Verschwörungsmythen und wie bekommen wir die wieder weg? Psychologin Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen klärt im Gespräch mit Damita Pressl auf.

Verschwörungsmythen dienen dazu, das Gefühl von Kontrollverlust zu kompensieren und liefern simple Erklärungen für komplexe Probleme, wie die Coronavirus-Pandemie eben eines ist. „Derzeit herrscht eine viel breitere Akzeptanz von Verschwörungstheorien als früher“, erklärt die Psychologin Ulrike Schiesser. Oft würden hier auch Menschen in die Irre geführt, die sonst eigentlich sehr vernünftig seien und einen hohen Bildungsgrad aufweisen würden. „Die Idee, man würde gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen, verbindet auch Lager, die sonst vorher nie gemeinsam auf einer Demonstration gewesen wären.“ So würden Menschen oft gar nicht merken, dass sie sich radikalisieren, und die Grenzen des Sagbaren sich verschieben.

Doch nicht nur die Verschwörungen werden extremer, auch die Reaktionen, die diese auslösen. „Da gibt es Beziehungsbrüche in der Familie, Menschen, die etwa sagen: Wenn du dich impfen lässt, lasse ich mich scheiden!“ Insbesondere um die Impfung würden sich derzeit Mythen ranken. Manche würden es vermeiden, mit Geimpften in einem Raum zu sein - und es reicht bis zur Gewalt. Schiesser sieht eine „neue Eskalationswelle“, die „wirklich Leid in Familien verursacht“. Auch für die Betroffenen sei das keine einfache Situation: „Die haben wirklich die Panik, dass ihren Angehörigen, die sich impfen lassen, etwas passiert, und das ist sehr anstrengend.“

Was also tun, wenn jemand in der Familie oder im Freundeskreis abrutscht? „Es hat wenig Sinn, mit Informationen zu kommen“, sagt Schiesser. Stattdessen rät sie, auf die persönliche Ebene zu gehen, und zu fragen, wie man einen Kompromiss finden kann, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Aber: „Das heißt nicht, dass ich so tue, als würde ich das gut finden!“ Denn Verschwörungstheorien müssten benannt und Grenzen gesetzt werden. „Es braucht Verständnis für die Person, aber nicht für Verschwörungsmythen“, sagt Schiesser. Diese seien gefährlich und zerstörerisch in einer Gesellschaft.

Damita Pressl
Damita Pressl
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