20.06.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Über Eifersucht und die Ursachen einer Affäre

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über Eifersucht und die Ursachen einer Affäre.

Noch immer sitzt es in vielen Köpfen, das Bild, dass heterosexuelle Männer mit der Sekretärin fremdgehen, während ihre Ehefrau traurig am Herd sitzt und weint. Dabei zeigt meine Forschung überraschend, dass Frauen fast genauso häufig eine Affäre neben ihrer Ehe haben wie Männer. Und auch Männer sind heimlich der Geliebte einer gebundenen Frau, genauso häufig wie Frauen die Geliebte von verheirateten Männern sind - nämlich sehr selten. Nur 0,5 Prozent der Befragten meiner Studie haben letzten Sommer eine neue Affäre begonnen. Zum Vergleich: Fünf Prozent haben sich nach dem ersten Lockdown scheiden lassen. Bevor Menschen zweigleisig fahren, beenden sie also eher die Beziehung. Treue ist nämlich nach wie vor für den Großteil der Menschen das Wichtigste in einer Paarbeziehung, und zwar unabhängig von Geschlecht und Alter. Frauen werden (sowohl als Geliebte wie auch als untreue Partnerin) nur stärker für Untreue verurteilt als Männer.

Die Pandemie hat dazu geführt, dass viele Paare im letzten Jahr weniger Eifersucht verspürt haben. Klar, die Möglichkeiten, jemand heimlich für Sex zu treffen, waren gering, wenn alle zu Hause sind und Hotels geschlossen haben. Wenn zu Beginn des Sommers nun der Partner oder die Partnerin mit leicht bekleideten anderen Menschen Kontakt hat, behalten hoffentlich alle so einen kühlen Kopf wie im Winter. In den meisten Fällen ist Eifersucht unbegründet. Man macht sich umsonst wahnsinnig und schränkt darüber hinaus den Partner oder die Partnerin in den Sozialkontakten ein.

Dabei wären unterschiedliche Sozialkontakte gerade jetzt so wichtig. Denn im Pandemie-Winter mussten Partner und beste Freunde alle Bedürfnisse abdecken. Es ist entlastend, wenn nun endlich auch andere Menschen jene Erwartungen erfüllen können, die man selbst dem Partner nicht erfüllen kann oder möchte. Der Kontakt mit anderen interessanten Menschen alleine ist es auch nicht, der zu einer Affäre führt. Sondern meist trifft es Paarbeziehungen, die ohnehin bereits kriseln. Die Affäre ist dann der Ersatz dafür, an den Problemen zu arbeiten - oder sich mit dem möglichen Ende der Beziehung auseinanderzusetzen.

Manchmal ist es aber auch eher sexuelle Langeweile, die Menschen dazu bringt, Aufregung in heimlichen Sexdates zu suchen. Trennungswunsch gibt es dann oft keinen. Das zeigt sich auch in meiner Forschung: Nicht einmal die Hälfte der Menschen, die heimlich andere Personen für Sex treffen, ist ernsthaft auf Partnersuche. Die anderen haben es sich mehr oder weniger bequem eingerichtet und nicht vor, an dieser komplizierten Beziehungskonstellation etwas zu verändern. Manchmal dulden die Betrogenen das Fremdgehen sogar unausgesprochen oder schauen weg. Viel häufiger jedoch werden sie aktiv belogen und, wenn sie doch etwas merken, in ihrer (korrekten!) Wahrnehmung der Situation manipuliert. Das schädigt auf Dauer den Realitätssinn. Offene Beziehungen sind demgegenüber vielleicht genauso kompliziert, aber zumindest wird niemand für dumm verkauft.

Wie auch immer: Es kann Männern wie Frauen gleichermaßen passieren, dass sie sich irgendwann in jemand anderen verlieben. Oder verlassen werden, obwohl sich beide Partner wirklich und ernsthaft, nach bestem Wissen und Gewissen, um Treue bemüht haben. Auch die heißeste Eifersuchtsszene des Post-Pandemie-Sommers wird dem nicht vorbeugen können. Die Frage ist aber, wie man es schafft, die emotionalen Folgen einer Affäre für die Person, die man gerade noch geliebt hat, gering zu halten. Ob es gemeinsam gelingt, über das aufsteigende Interesse an anderen Personen frühzeitig mit dem Partner oder der Partnerin zu sprechen. Denn es ist der Vertrauensbruch, als Letzte oder Letzter von einer Affäre erfahren zu haben, der die Betrogenen langfristig am meisten verletzt.

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Barbara Rothmüller
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