20.05.2021 07:00 |

„Krone“-Kolumne

Nach Öffnungen: Neue Beziehungsenergie tanken

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zu den Freuden und Tücken des sommerlichen Soziallebens. 

Wenn die Lokale öffnen, das Wetter sommerlich und die Abende lang werden, regt sich auch die sexuelle Energie. Aus meine Forschungsdaten vom letzten Sommer lässt sich erwarten, dass auch die kommenden Wochen wieder einiges an sexuellem und romantischem Aufruhr bringen werden. Sich trennen, neu verlieben, aufregende sexuelle Abenteuer oder alles gleichzeitig. Ein Drittel der Jungen hat in der Pause zwischen den ersten beiden Lockdowns 2020 ihr Liebesleben umgekrempelt.

Ob die Aufbruchsstimmung dieses Jahr gedämpfter ist, oder der Nachholbedarf größer, lässt sich schwer abschätzen. Vermutlich ist es so unterschiedlich wie die biografischen Momente, in denen die Menschen von der Pandemie überrascht worden sind. Nach einem Jahr der Extreme empfiehlt es sich allerdings, den Sommer und seine Versprechungen mit Bedacht anzugehen. Damit ist nicht gemeint, den Enthusiasmus zu drosseln, mit dem man sich ins soziale, gastronomische und kulturelle Leben stürzt. Sondern emotional damit zu rechnen, dass der Wechsel ins sommerliche Sozialleben ein Gefühlschaos erzeugen kann. Jetzt wo alles wieder möglich ist, muss es dann auch laufen. Der Spaß-Druck könnte größer nicht sein. Leider weiß man aus der Psychologie, dass oft erst am Ende einer belastenden Zeit der emotionale Absturz kommt.

Mit Stimmungskapriolen zu rechnen, könnte persönlichen Enttäuschungen, so unvermeidbar sie auch zur Lebenserfahrung dazugehören, ein wenig den Stachel nehmen. Im Winter waren Menschen enttäuscht, weil sie Kontakte zu Vertrauenspersonen verloren haben, die sich zu wenig um sie gekümmert haben in der Zeit des Rückzugs und des Abstand-Nehmens. Das könnte sich nun wiederholen, allerdings aus anderen Gründen: Im Sommer füllen sich die Terminkalender schnell mit einem Überangebot an Freizeitmöglichkeiten, Bekanntschaften und neuen Optionen.

Dazu kommt, dass neue Bekanntschaften gerade zu Beginn unglaublich viel Enthusiasmus freisetzen. Solange man nicht viel voneinander weiß, scheint alles möglich zu sein. Vielleicht hat man nun wirklich den lang ersehnten besten Freund, die heiße Affäre, die humorvollste Partnerin der Welt, usw. gefunden! Vielleicht. Oder es handelt sich einfach nur um „new relationship energy“, wie es in der Fachsprache heißt. Neue Beziehungsenergie. Die Aufregung des ersten Kennenlernens putscht, lässt uns von neuen Bekanntschaften fasziniert sein.

Dagegen wirken langjährige Beziehungen und Freundschaften oft langweilig, reizlos. Gegen die Faszination neuer Bekanntschaften kommen sie kaum an. Das ist allerdings nur zu Beginn so. Denn die Qualität langjähriger Beziehungen liegt in ihrer Tiefe und Tragfähigkeit. Dass es die engen, stabilen Bezugspersonen sind, die den Menschen wirklich wichtig sind, haben wir in der Pandemie gelernt. An dieser Einsicht werden auch die Sommerkapriolen nichts grundlegend verändern. Vielleicht müssen wir uns nur manchmal bewusst daran erinnern, wenn wir im Sommer endlich wieder neue Beziehungsenergie tanken.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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