54-Jähriger in Haft

Schweiz: Therapeut missbraucht über 100 Behinderte

Ausland
02.02.2011 10:02
Der bisher größte Fall von sexuellem Missbrauch in der Schweiz hat im ganzen Land Bestürzung und Entsetzen ausgelöst. Über 100 geistig und körperlich behinderte Menschen sollen jahrelang von einem Therapeuten missbraucht worden sein. Die Dachorganisation der Behindertenheime, in denen die Übergriffe teilweise stattfanden, verlangt nun eine gründliche Aufarbeitung der Fälle.

Der 54-jährige Sozialtherapeut aus dem Kanton Bern hat gestanden, er habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten an 114 Heimbewohnern und Kindern vergangen. In acht weiteren Fällen blieb es laut Kantonspolizei Bern beim Versuch. Die meisten seiner Opfer sind geistig und körperlich behindert und können nicht sprechen.

Es handelt sich vor allem um junge Männer, aber auch um Frauen. Bei den Kindern geht es unter anderem um solche von Angestellten der Heime, in denen der Mann arbeitete. Das jüngste Opfer ist ein Kind, das zur Tatzeit einjährig war, wie die regionale Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland und die Kantonspolizei mitteilten. Der 54-Jährige bezeichnet sich selbst als pädophil.

Der Großteil der Missbrauchsfälle in neun Heimen in den Kantonen Bern, Aargau, Appenzell Außerrhoden und in Süddeutschland sind verjährt. 33 Fälle können allerdings noch strafrechtlich verfolgt werden. Das Verfahren gegen den Mann wurde Ende März 2010 im Kanton Aargau eingeleitet. Zwei männliche Bewohner eines Behindertenheims hatten den Eltern erzählt, dass sie mit einem Betreuer sexuelle Kontakte hatten.

Bereits 2003 wurde gegen den Mann ermittelt
Die Behörden räumten ein, dass sie schon 2003 einmal gegen den Verdächtigen ermittelten. Der Fokus habe sich damals aber auf einen anderen Betreuer gerichtet. Der Verdacht gegen den jetzt Beschuldigten habe sich seinerzeit nicht erhärten lassen, trotz belastenden Aussagen einer 13-jährigen Schwerbehinderten. Der Mann konnte sich weiterhin ungehindert an den Heimbewohnern vergehen.

"Zutiefst schockiert" zeigte sich der Stiftungsratspräsident der Nathalie Stiftung, welche die Heime betreut, im Berner Vorort Gümligen. Nach dem Missbrauchsfall von 2003 habe man die vorbeugenden Maßnahmen nochmals überarbeitet. "Mit Bitterkeit müssen wir feststellen, dass es trotzdem zu weiteren Vorfällen kam", sagte Peter Niederhäuser dem Lokalsender TeleBärn.

In den Räumen der Nathalie Stiftung hat der Mann offenbar rund 20 Behinderte missbraucht. Weil die Ermittlungen 2003 im Sand verliefen, "war für uns die Unschuld des Mannes erwiesen", sagte Niederhäuser gegenüber dem Schweizer Nachrichtensender SF. Deshalb habe man keinen Grund gehabt, ihn zu entlassen. Allerdings habe er fortan nicht mehr Nachtwache gehabt.

Schaden für Betroffene schwer abschätzbar
Der Schaden für die Betroffenen ist nach Ansicht des Psychologen August Flammer schwer abzuschätzen. Gerade autistische Kinder seien manchmal nicht imstande, das Vorgefallene einzuordnen. Es könne sein, dass der Missbrauch aus ihrem Bewusstsein verschwinde. Möglich sei aber auch, dass Autisten, die sonst wenig Zugang zur Außenwelt haben, den Missbrauch besonders intensiv erlebten. In jedem Fall sei es am wichtigsten, dass die Opfer wieder Vertrauen zu Pflegepersonen, Erziehern und Leitungspersonen aufbauen könnten.

Serie von Missbrauchsfällen in der Schweiz
Der Berner Fall ist besonders schwer, aber bei Weitem kein Einzelfall, wie eine Aufstellung der Nachrichtenagentur SDA zeigt. An Schweizer Heimen, Schulen und Internaten kam es demnach in den vergangenen zwölf Jahren zu mindestens acht Fällen mit jeweils mehreren Opfern.

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