09.05.2021 09:00 |

Gewaltbeziehung

„Ich wollte, dass wir eine Familie bleiben“

Jahrelang schlägt und kontrolliert ihr Freund die 35-jährige Julia (Name geändert). Als Mutter, für ihre beiden Töchter, findet sie schließlich die Kraft, ihn zu verlassen.

„Früher hätte ich sofort weinen müssen, wenn ich das alles erzähle“, sagt Julia. Mittlerweile kann die 35-Jährige darüber reden, was ihr Ex-Freund ihr angetan hat. Über die gebrochenen Knochen, die blauen Flecken, die Schläge.

Aber von Beginn an. Wir treffen Julia im Garten des Grazer Frauenhauses. Der Frühling lässt sich kurz blicken, es ist sonnig und warm.Hier fühlt sich Julia wohl und sicher, zwischen den Schaukeln, der Rutsche und der Sandkiste, mit denen ihre beiden Töchter, heute drei und vier Jahre alt, acht Monate lang gespielt haben. Da hatte sie es schon geschafft. Sie hatte sich aus der Gewaltbeziehung befreit - „für meine Töchter. Weil ich mir gedacht habe: Was ist, wenn er ihnen auch irgendwann etwas antut?“

Vier Jahre war Julia mit ihrem Ex zusammen, bis sie im September 2019 flüchtete. „Wir haben uns über gemeinsame Freunde kennengelernt, ich war sofort total verliebt“, erzählt sie. Nach zwei Monaten zog das Paar zusammen.

Der Friede währte nicht lang. Schon nach einem Monat begann die Gewalt. „Ich durfte keine eigene Meinung haben“, sagt sie. Den ganzen Tag war er zu Hause, spielte auf der Playstation, während sie arbeiten ging. „Er hat alles kontrolliert.“ Er folgt ihr auf dem Weg zur Arbeit, holt sie von dort wieder ab. Ein Handy zu haben verbietet er ihr. Wieso hat sie nicht sofort die Beziehung beendet?„Ich habe gedacht, er bessert sich.“

Doch er bessert sich nicht. Die Jahre vergehen, Julia wird schwanger. Er schlägt sie trotzdem.„Vor den Augen meines Bruders hat er mich fast erwürgt. Da war die Kleine drei Monate alt“, erzählt sie. „Aber ich wollte keine Anzeige machen. Ich bin wieder zu ihm zurückgegangen.“ Heute weiß sie, dass sie hätte gehen sollen. „Aber wenn du da selber drinnen bist, dann weiß du das einfach nicht.“

Sie hatte sich an die Angst gewöhnt
Hatte sie Angst? Julia überlegt. „Ich hatte Angst. Aber das war ich schon gewöhnt.“ Irgendwann wählt sie den Notruf. Jugendamt und Elternberatung werden eingeschaltet. „Aber es hat wieder angefangen. Er hat mir die Nase gebrochen.“

Zum Glück bleiben Julias Verletzungen nicht unbemerkt. Die Elternberatung bietet ihr Hilfe an. Gemeinsam entwickeln sie eineFlucht-Strategie. So kommt Julia schließlich ins Frauenhaus. „Ich wusste zuerst nicht, wie es weitergeht. Nach den ersten Tagen wollte ich zu ihm zurück.“ Wieder die Frage nach dem Wieso. „Ich wollte, dass die Kinder einen Papa haben. Und dass wir eine Familie bleiben.“

Erst durch Beratungen und Therapien sieht Julia ein, dass es nicht ihre Schuld ist, dass die Beziehung nicht funktioniert. Hier findet sie ihr neues Selbstbewusstsein. Heute ist Julia kein Opfer, sondern eine Überlebende. Für die Zukunft wünscht sie sich: „Frei sein und Ruhe.“ Aber wenn sie von Frauenmorden und Gewalt hört - „da kriege ich fast keine Luft mehr.“

Hannah Michaeler
Hannah Michaeler
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