31.01.2021 06:00 |

Das große Interview

Macht uns Corona verrückt, Herr Professor?

Selbstmordversuche, Essstörungen, schwere depressive Krisen: Der Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH, Professor Paul Plener, schlägt Alarm. Mit Conny Bischofberger spricht er über eine Generation im Ausnahmezustand.

Hinter den grauen Fassaden der Gebäude im Südgarten des größten Krankenhauses in Österreich verbirgt sich die vollbesetzte Kinder- und Jugendpsychiatrie mit stationären und tagesklinischen Betten, Dachgarten, Spiel- und Sportmöglichkeiten sowie einem Virtual-Reality-Labor. Die Räume strahlen in sonnengelb und grasgrün, an den Wänden hängen mutmachende Bilder des Illustrators Artur Bodenstein. Der Leiter der 9000 Quadratmeter großen Klinik, Professor Paul Plener, eilt durch die Gänge, rennt Treppen rauf und runter, und hat beim Gespräch in seinem Büro trotzdem alle Zeit der Welt. Die FFP2-Maske nimmt der 42-Jährige nur für ein Foto ab: „Zwei meiner Kollegen sind an Corona erkrankt und seit vier Monaten nicht mehr in der Arbeit. Sie wollten schon viel früher wieder kommen, aber als sie ein Stockwerk raufgegangen sind, ist ihnen die Luft ausgegangen.“ Sein Respekt vor dem Virus ist groß, auch weil er weiß, was die Pandemie in Kinderseelen anrichtet.

„Krone“: Sie haben diese Woche die Öffentlichkeit mit erschreckenden Nachrichten wachgerüttelt. Was passiert gerade?
Paul Plener:
Wir haben nach mehr als einem Monat Lockdown eine deutliche Zuspitzung akuter Fälle. Kinder und Jugendliche befinden sich vermehrt in sehr schwerwiegenden depressiven Krisen. Viele verspüren den Wunsch, nicht mehr zu leben. Sie haben Selbstmordgedanken oder schon Selbstmordversuche verübt. Auch Essstörungen nehmen zu. Und das ist erst der Anfang.

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Viele erzählen uns, dass sie morgens nicht mehr aus dem Bett kommen, weil da nichts mehr ist, wofür es sich lohnt aufzustehen.

Paul Plener

Wie ist das soziale Umfeld dieser jungen Menschen?
Sie kommen zum Großteil aus stabilen Verhältnissen und weisen auch keine Vorerkrankungen oder Vorbelastungen auf. Viele erzählen uns, dass sie morgens nicht mehr aus dem Bett kommen, weil da nichts mehr ist, wofür es sich lohnt aufzustehen. Sie beschreiben eine große Traurigkeit und Erschöpfung. Die Hälfte unserer Betten sind momentan mit Patienten besetzt, bei denen Eigengefährdung vorliegt.

War das beim ersten Lockdown anders?
Damals war unser Eindruck, dass die Jugendlichen diese wenigen Wochen, wo ein klares Ende in Sicht war, relativ gut verkraftet haben. Heute haben wir eine Situation, wo Schüler seit Oktober nicht mehr in der Schule waren. Homeschooling und Homeoffice erleben, also zwei Dinge, die nicht gut zusammengehen, das erhöht den Druck in der Familie gewaltig. Je beengter der Wohnraum, umso schwierigen. Und gerade junge Menschen in diesem Alter brauchen in dieser Entwicklungsphase ihre Freunde, sie orientieren sich stark nach außen und wenn dieser soziale Kontakt fehlt, dann bleiben nur noch die sozialen Medien. Sie sind aber ein unzureichender Ersatz für einen echten, sozialen Kontakt. Wenn der über einen längeren Zeitraum hinweg fehlt, ist das eine toxische Mischung.

Sind die sozialen Medien ein Fluch oder ein Segen?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Einerseits sind gerade Jugendliche jetzt verstärkt von Influencern beeinflusst und haben schon im ersten Lockdown angefangen, massiv abzunehmen und extrem Sport zu betreiben. Oder sie nehmen extrem zu. Aus dieser Sache kommen sie oft nicht mehr raus. Andererseits haben sie heute Möglichkeiten zu kommunizieren, die es vor 30 Jahren noch nicht gab. Es gibt mittlerweile sogar Therapieangebote über die sozialen Medien. Auch wir haben im ersten Lockdown auf solche telepsychiatrische Angebote umgestellt. Es ist also weder Fluch noch Segen, es gibt vielmehr ein großes Spektrum auch dazwischen.

Kann das AKH all diesen Jugendlichen helfen?
Wir haben gute Kenntnisse darüber, wie wir mit Depressionen, Suizidalität und Essstörungen umgehen, das bekommen wir hin. Aber der momentane Ansturm macht uns Sorgen. Wir haben gerade in den letzten Tagen sehr viel Austausch innerhalb der Fachgesellschaft für Kinder- Jugendpsychiatrie gehabt, und diese Dynamik gibt es leider in allen Bundesländern, das Szenario ist überall das gleiche. Aus bevölkerungsbasierten Stichproben lässt sich sagen, dass es sich um einen Zuwachs von 25 Prozent handelt. Und wir sehen an den Kliniken nur die Spitze des Eisbergs.

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Alles, was wir kennen inklusive der Bewältigungsmechanismen, die wir erlernt haben, ist außer Kraft gesetzt.

Paul Plener

Macht uns der Lockdown alle verrückt?
Er macht offensichtlich einsam und stiehlt uns die positiven Momente unseres Alltagslebens. Mit dem Wort „verrückt“ sind wir in der Psychiatrie häufig konfrontiert, für mich persönlich ist es ein relativ wertfreier Begriff und heißt: Sich vom angestammten Platz entfernt zu haben, ver-rückt zu sein, außerhalb der Norm zu sein. Wir haben momentan eine Situation, die sehr außerhalb der Norm ist. Alles, was wir kennen inklusive der Bewältigungsmechanismen, die wir erlernt haben, ist außer Kraft gesetzt. Aber das fordert uns auch heraus.

Das klingt so positiv.
Was bringt Negativität? - Lacht. - Ich will die Krise jetzt nicht schönreden, aber sie hat uns auch gezeigt, dass wir unglaublich viel schaffen können. Was Menschen imstande sind zu leisten, wenn sie vor eine Herausforderung gestellt werden, wie kreativ sie sein können, wie sie das auch zusammenschweißt. Wir sind in einen Bewältigungsmodus gegangen, in eine Vorwärtsverteidigung, wo wir dem Virus vielleicht ein Schnippchen schlagen und schneller sein können.

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Ich sehe es als Triumph der Wissenschaft, binnen eines Jahres einen Impfstoff zu entwickeln, zuzulassen und auf den Markt zu bringen.

Paul Plener

Schlägt im Moment nicht eher das Virus uns die Schnippchen?
Ich sehe es als Triumph der Wissenschaft, binnen eines Jahres einen Impfstoff zu entwickeln, zuzulassen und auf den Markt zu bringen. Das ist ein historischer Erfolg.

Was können Eltern tun, deren Kinder leiden?
Das Wichtigste ist immer, es wahrzunehmen und anzusprechen. Ausschweigen und denken, das wird schon wieder, ist der falsche Weg. Und dann sollte der Tagesrhythmus nicht zerfließen. Der Rhythmus von Schlafzeiten und Wachzeiten ist unglaublich wichtig für die seelische Stabilität. Darauf sollten Eltern pochen. Trotz Distance-Learning - man kann die Aufgaben ja irgendwann machen - sollte die Devise sein: „Aufgestanden wird trotzdem und schlafen gegangen auch zu einer gewissen Zeit.“

Apropos ansprechen: Viele finden dafür nicht die richtigen Worte. Was sagt man einem 12- oder 14-Jährigen, dem es schlecht geht?
Am besten sind Ich-Botschaften. Zum Beispiel: „Ich habe das Gefühl, dir geht es gerade nicht so gut.“ Dann fällt es dem Gegenüber leichter, von sich zu erzählen. Dann könnten Eltern aus ihrem eigenen Leben erzählen, wie sie einst Krisen gemeistert haben. Und wenn ehrliches Interesse da ist, dann kann man auch Fragen stellen.

Fällt Ihnen eine mit dieser Pandemie vergleichbare Krise ein?
Tschernobyl vielleicht. Da musste man auch zu Hause bleiben und durfte nicht auf den Spielplatz gehen. Aber es ist natürlich von der Dauer her und auch was das Social Distancing betrifft, nicht mit Corona vergleichbar.

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Die Kinder müssen wissen, dass wir all das - Masken tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren - tun, um uns zu schützen.

Paul Plener

Und wie soll man Drei- Vier- oder Fünfjährigen die Situation erklären?
Kindgerecht. Es gibt mittlerweile ausgezeichnete Erklärvideos und andere Materialien dafür. Die Kinder müssen wissen, dass wir all das - Masken tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren - tun, um uns zu schützen. Und dass sie selber aktiv werden können. Das hilft ihnen, sich aus der Starre und der Angst zu befreien.

Steht auf und kramt in einem Kasten, auf dem eine Figur von Albert Einstein steht. Dann bringt Prof. Plener Plakate und Masken der „Corona-Helden“, einer Erfindung des CCP, des Comprehensive Center for Pediatrics am AKH.

Wovor haben Kinder Angst?
In dieser Altersspanne haben sie ein magisches Denken, was dazu führt, dass sie glauben, die Welt beeinflussen zu können, was aber bedeuten kann, dass sie für Dinge, die passieren, die Schuld übernehmen. Deswegen ist es wichtig, sie einzubeziehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in dieser Krise wie kleine Helden zu fühlen, die ebenso ihren Beitrag bei der Bewältigung leisten.

Tut die Politik in dieser Krise genug für Kinder und Jugendliche? Bei den Pressekonferenzen kommen sie nur im Zusammenhang mit den Schulschließungen vor.
Dabei ist das ein so wesentliches Thema. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es ein unabhängiger Beauftragter, der in jede Entscheidung, die Kinder und Jugendliche betrifft, miteingebunden ist, als Stimme und Anwalt. Das hätte vielleicht auch die Abschiebung letzten Donnerstag verhindert.

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Wenn die Schulen zu bleiben, kreieren wir eine Welle der seelischen Erkrankungen mit kostenintensiven psychosozialen Folgen.

Paul Plener

Würden Sie sich als Stimme der Kinder und Jugendlichen ein Ende des Lockdowns wünschen?
Ich will nicht als Hobby-Virologe auftreten, da gibt es genug da draußen, ich bin auch kein Epidemiologe. Aus der Sicht des Kinder- und Jugendpsychiaters wäre es wünschenswert. Dabei müssen wir die Risiken genau abschätzen und abwägen. Denn wenn die Schulen zu bleiben, kreieren wir eine Welle der seelischen Erkrankungen mit kostenintensiven psychosozialen Folgen. Das Problem ist nur, dass man den positiven Effekt erst drei Legislaturperioden später sieht und das ist etwas, wo Politiker sehr vorausschauend sein müssten, um da Geld zu investieren.

Was werden wir in 10 Jahren einmal über diese Zeit sagen?
Idealerweise, dass wir eine weltweite Herausforderung relativ schnell gemeistert haben, weil Geld keine Rolle gespielt hat. Deshalb wünsche ich mir, dass die Regierung es ernst gemeint hat, als der Finanzminister gesagt hat: „Koste es, was es wolle.“ Dass es mehr Behandlungsplätze für psychisch kranke Jugendliche gibt und die vor allem ohne Kosten für die Familien. Dass alles hineingebuttert wird in tägliche Tests an Schulen, damit Kinder und Jugendliche bald aus ihrer Isolation herauskommen. Und wenn wir uns ganz weit aus dem Fenster lehnen, könnten wir sagen: Unterrichtet wird bis Ende Juli, ein Monat Ferien im August reichen.

Ob die Lehrergewerkschaft da mitspielt?
Ich zähle nicht zu jenen, die sagen, dass die Lehrer eh nix hackeln Dazu kenne ich zu viele engagierte Lehrer. Ich würde im Gegenteil anregen, den Lehrern diesen Mehrfachaufwand, den sie ja schon während der gesamten Krise haben, zu entgelten.

Herr Professor, wann haben Sie eigentlich gewusst, dass Sie Psychiater werden wollen?
Ich habe in einem Praktikum während des Medizinstudiums am Wilhelminenspital eine jugendliche Patientin kennengerlernt, die sich massiv selbst verletzt hat. Seit damals hat mich die Frage nicht mehr losgelassen, warum sich Menschen absichtlich Schaden zufügen. Wir haben in den letzten 15 Jahren viel darüber gelernt, welche Mechanismen dahinterliegen und wie wir helfen können, sind aber noch lange nicht fertig.

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Wenn mich nicht jeder Fall berühren würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt.

Paul Plener

Welcher Fall hat Sie zuletzt berührt?
Das war erst letzte Woche. Ein 13-Jähriger aus einem sehr geordneten Umfeld, dessen Stimmung immer schlechter geworden ist, der dem Distance Learning nicht mehr folgen konnte und sich immer mehr ausgeklinkt hat, aus der Schule und aus dem Leben. Da ist eine extrem große Verzweiflung entstanden und der Junge hat angefangen, sich selbst zu verletzen. Wir mussten ihn aufnehmen und ich hoffe, dass er es mit unserer Hilfe schafft, aus der Abwärtsspirale rauszukommen, den negativen Filter auszublenden, wieder die positiven Dinge zu sehen. Wenn mich nicht jeder Fall berühren würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt. Wichtig ist, dabei handlungsfähig zu bleiben.

Ist es Ihr Traumberuf?
Ja. Ich bin gerne Psychiater und ich bin noch lieber hier am AKH. Es fällt mir nichts ein, was ich derzeit lieber machen möchte.

DIE PSYCHIATRIE IST SEIN METIER
Zur Person:
Geboren am 21. 9. 1978 in St. Pölten, die Mutter ist Sozialarbeiterin, der Vater Psychotherapeut. Nach Medizinstudium und Zivildienst absolviert er eine Facharztausbildung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universität Ulm, wird Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und 2016 Professor für Trauma- und Akut-Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2018 übernimmt er die Professur für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien und die Leitung der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien und des AKH. Plener ist Mitglied mehrerer Leitlinien-Kommissionen und des psychosozialen Krisenstabs der Stadt Wien. Verheiratet mit Julia seit vier Jahren, Vater dreier Kinder (Lara ist 20, die Zwillinge Mona und Romy sind 6 Jahre alt).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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