13.12.2020 06:00 |

Das große Interview

Hatten Sie Angst um Ihre Mutter, Fr. Rendi-Wagner?

Vor zehn Wochen lag sie auf der Intensivstation, jetzt hat SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ihre 69-jährige Mutter das erste Mal wieder persönlich getroffen. Mit Conny Bischofberger spricht die SPÖ-Vorsitzende über Corona, Weihnachten und ein kaltes zu Ende gehendes Jahr.

Samstagvormittag, am Wiener Heldenplatz dreht eine Elektro-Kutsche einsam ihre Runden. Kunden sind keine in Sicht. Im zweiten Stock des SPÖ-Parlaments-Pavillons duftet es nach frisch gemahlenem Kaffee. Pamela Rendi-Wagner (49) hat ein Frühstück decken lassen: Melange, Handsemmerl, Butter, Erdbeer- und Marillenmarmelade. „Aber zuerst reden wir.“ Sie lächelt mit ihren dunklen Augen, dann nehmen wir unsere Masken ab. Auf dem Besprechungstisch ihres Büros steht ein Adventkranz, zwei Kerzen brennen. Zwei Babyelefanten haben zwischen uns Platz, die SPÖ-Chefin nimmt das sehr genau. Sie hat ein Foto mitgebracht, das zum beherrschenden Thema unseres Gesprächs wird.

„Krone“:Frau Rendi-Wagner, Ihre Mutter ist Ende September an Corona erkrankt und war zwei Wochen im Spital, eine davon auf der Intensivstation. Wie geht es ihr heute?
Pamela Rendi-Wagner: Viel besser, ich habe sie diese Woche das erste Mal wieder getroffen. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt hatte sie noch viele Wochen zu kämpfen. Mit körperlicher Schwäche, mit Atemnot, sie musste regelmäßige Kontrollen wahrnehmen. Jetzt scheint sie über den Berg zu sein, obwohl man laut den behandelnden Ärzten noch immer Reste der Erkrankung im Lungenröntgen sieht, sie hatte eine schwere beidseitige Lungenentzündung. Mit ihren 69 Jahren und vielen Vorerkrankungen gehört sie außerdem zur Risikogruppe. Nichtsdestotrotz hat sie viel Glück gehabt und ist den Ärztinnen und Ärzten, dem Pflegepersonal und dem Gesundheitssystem in Österreich unendlich dankbar. Ich bin wirklich froh, dass sie das so gut überstanden hat.

Als Sie erfahren haben, dass sie erkrankt ist, hat da die Ärztin oder die Tochter reagiert?
Wenn die Mutter anruft und sagt, dass sie krank ist, reagiert nur die Tochter. Ich saß gerade mit meinen Kindern beim Frühstück, als ihr Anruf kam. Sie hatte Fieber bekommen und in ihrem näheren Umfeld gab es einen Corona-Fall, da lag der Verdacht sehr nahe, dass auch sie infiziert ist. Das war für mich ein Schock. Eine Ärztin darf nicht schockiert sein, die Tochter schon. Im nächsten Moment hat bereits die Ärztin in mir alle Komplikationen, die damit verbunden sein könnten, abgerufen. Das Schwierigste war, dass ich nicht zu ihr durfte. Ich habe am Telefon aber ihre Angst gespürt. Eine Hilflosigkeit, damit allein zu sein …

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Wenn die Mutter anruft und sagt, dass sie krank ist, reagiert nur die Tochter. Die Ärztin darf nicht schockiert sein, die Tochter schon.

Pamela Rendi-Wagner

Warum musste sie dann ins Spital?
Ihre Symptome haben sich sehr schnell verschlechtert. Schon am zweiten Tag fühlte sie - neben Fieber und Husten - eine starke körperliche Schwäche. Am fünften Tag hat ihre Stimme am Telefon noch schwächer gewirkt, sie hat schwerer geatmet, daraufhin habe ich ihr geraten, die Rettung anzurufen. Das wollte sie noch stundenlang diskutieren und hinausschieben, zum Glück hat sie es dann doch gemacht. Sie kam noch am selben Tag ins Spital und musste ab dem sechsten Tag intensivmedizinisch versorgt werden.

Hatten Sie Angst um Ihre Mutter?
Natürlich. Als Ärztin weiß ich ja, wie gefährlich Corona für Risikogruppen sein kann, natürlich macht das einer Tochter Angst. Für mich persönlich war das ein Moment, in dem das weltweite Phänomen, das mich als Politikerin seit März beschäftigt hat, plötzlich nur mehr ein persönliches Phänomen war. Die weltweite Pandemie hat sich plötzlich auf meine privaten Sorgen beschränkt. Aber ich bin dankbar, dass wir in Österreich leben, wo so gut ausgebildete, hoch motivierte, engagierte Ärztinnen und Ärzte und Pfleger sich um die Corona-Patienten kümmern, obwohl sie mit ihren Kräften schon am Limit sind. Ende September, Anfang Oktober hatten wir bereits eine sehr hohe Fallzahl, da stieg die Belastung für die Spitäler bereits stark an.

Haben Sie es der Rettung überlassen, in welches Spital Ihre Mutter kommt?
Ich habe es meiner Mutter überlassen, weil ich glaube, dass Patientinnen selbst entscheiden sollen, wo sie behandelt werden. Und ich vertraue allen Wiener Spitälern. Meine Mutter war in einem öffentlichen Krankenhaus.

Auf dem Foto sieht sie sehr fit aus. Leidet sie noch an Spätfolgen?
Ich kann ihr nichts mehr ansehen oder anhören und sie sagt auch, dass sie sich wieder fit fühlt. Vor allem ist sie ganz stolz, dass sie Antikörper hat und zumindest für ein paar Monate immun ist.

Sie sind in der Per-Albin-Hansson Siedlung in Wien-Favoriten aufgewachsen. Ihre Mutter war Alleinerzieherin. Was hat Sie Ihnen mitgegeben?
Meine Mutter war 19, als ich zur Welt kam, und hat damals, in den 70er-Jahren, gerade die Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert. Ich war schon ganz früh im Kindergarten in der Per-Albin-Hansson-Siedlung und musste immer so lange dort bleiben, wie meine Mutter gearbeitet hat. Was sie mir mitgegeben hat? Dass sie das mit aller Kraft durchgezogen hat und trotzdem immer eine fürsorgliche und liebende Mutter war, die mich nicht spüren ließ, dass sie überfordert sein könnte.

Und der Vater?
(Hält kurz inne.) - Ich habe keine frühkindlichen Erinnerungen an meinen Vater. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwei Jahre alt war. Als ich älter war, habe ich eine Beziehung zu ihm aufgebaut, die aber eher eine freundschaftliche als eine väterliche ist.

Ist die Mutter stolz auf Sie als Mensch, und auf Ihre Karriere?
Mütter sind immer stolz, wenn ihre Kinder einen Beruf ergreifen, den sie sich wirklich gewünscht haben. Ich wollte schon als Kind Ärztin werden, hatte mehrere Doktorkoffer. Ich war als Kind öfter im Spital und habe Krankheit immer mit einem Gefühl der Hilfslosigkeit, des Ausgeliefertseins verbunden. Den Menschen diese Hilflosigkeit zu nehmen war eine starke Motivation, schließlich Medizin zu studieren. Meine Mutter hatte keine Matura, ihr war es aber ganz wichtig, dass ich diese Möglichkeit habe. Ohne sie, die überzeugte Sozialdemokratin, aber auch ohne die politischen Rahmenbedingungen in den 70er-Jahren, hätte ich sie nicht gehabt. Bruno Kreisky hat damals die Schulen und die Universitäten für alle Kinder, egal woher sie kommen und wie viel Geld die Eltern besitzen, geöffnet. Für mich sind Chancengerechtigkeit und Bildung für alle ein zentrales Element meines Denkens und meines politischen Handelns.

Wie können Sie heute, als Ärztin und Politikerin, in der Corona-Krise den Menschen die Hilflosigkeit nehmen?
Das ist eine schwere Frage. Ich glaube, wir müssen optimistisch in die Zukunft schauen, im Wissen, dass es eine Zeit nach Corona gibt. Ich glaube nicht, dass das schon zu Beginn des kommenden Jahres sein wird, aber hoffentlich in der zweiten Hälfte oder Ende von 2021. Da werden unsere Kinder wieder ganz selbstverständlich in die Schule gehen können, wir werden unsere Großeltern besuchen, wir werden uns wieder umarmen können, Geburtstagsfeste feiern, beim Wirt ums Eck unsere Freunde treffen, einfach das tun, was Österreich ausmacht. Das ist es, was Hoffnung gibt. Und darum habe ich am Höhepunkt der größten Gesundheitskrise seit 100 Jahren gewusst: Ich möchte als Ärztin und nicht nur als Politikerin meinen Beitrag leisten. Ich habe mich dann zu Beginn der zweiten Welle spontan dazu entschieden, ehrenamtlich bei den Samaritern zu arbeiten.

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Für mich persönlich war das ein Moment, in dem das weltweite Phänomen der Pandemie plötzlich nur noch ein persönliches Phänomen war.

Pamela Rendi-Wagner

Dass Sie bis heute nicht gefragt wurden, ob Sie Mitglied im Corona-Beraterstab der Regierung sein wollen, tut Ihnen das nicht weh?
Es geht nicht darum, was mir wehtut oder was ich mir wünsche. Es geht um Verantwortung. Als Oppositionschefin nehme ich meine Verantwortung in dieser Krise jeden Tag wahr, zeige Fehlentwicklungen auf und bringe sachliche, konstruktive Vorschläge ein, von denen werden ja auch immer wieder einige umgesetzt, und einige eben nicht.

Sie sind mir jetzt ein bisschen ausgewichen. Hätten Sie es nicht gerne, dass man Sie zumindest fragt?
Ich bin auch in einem persönlichen Kontakt mit der Bundesregierung, vor allem mit dem Bundeskanzler und dem Vizekanzler, und tausche mich zu sachlichen Themen aus. Natürlich gibt es da viel Luft nach oben, aber die Zusammenarbeit hat sich in den letzten Wochen schon etwas verbessert.

Fühlen sich als Gesundheitsexpertin von der Regierung gehört?
Vor den Lockerungsschritten gab es einen Austausch. Das ist ein kleiner Fortschritt. Es geht aber auch darum, die Länder und Gemeinden stärker einzubinden. Je mehr Miteinander, je mehr Zusammenarbeit, desto erfolgreicher können wir gemeinsam aus dieser Krise gehen. Davon bin ich überzeugt.

Was macht die Regierung gut und was würden Sie besser machen?
Wir könnten jetzt sehr lange darüber reden, was in den letzten neun Monaten nicht optimal gelaufen ist.

Die Frage war, was gut gelaufen ist.
Dass der erste Lockdown im März so früh verhängt wurde, dass es ein harter Lockdown war, das ist aus meiner Sicht gut gelaufen. Das habe ich inhaltlich auch voll mitgetragen. Was würde ich besser machen? Klare Schutz- und Begleitmaßnahmen, um einen dritten Lockdown zu verhindern. Funktionierendes Contact Tracing, eine moderne Teststrategie, vor allem dort, wo das Infektionsrisiko am höchsten ist, in Alten- und Pflegeheimen. Auch bei den Lehrerinnen und Lehrern. Mutige neue Wege gehen. Massentestung ja, aber regelmäßig. Dazu Wohnzimmertests, die jeder zu Hause machen kann. Denn eines ist klar: Eine Impfung, auch wenn sie Anfang 2021 zur Verfügung steht, wird die Situation nicht schlagartig verbessern.

Beim 44. SPÖ-Bundesparteitag haben Sie als Ihr Ziel angeben, erste gewählte Bundeskanzlerin der Republik zu werden. Ist das weiterhin Ihr Ziel?
Ja, auf jeden Fall.

Wie wollen Sie das schaffen?
Eines habe ich in den letzten drei Jahren gelernt: Politik ist ein Marathon und kein Sprint. Deswegen ist es notwendig, dass wir mit konsequenter und harter Arbeit jeden Tag daran arbeiten, mehr Vertrauen in der Bevölkerung zurückzugewinnen. Gemeinsam, denn das ist keine One-Woman-Show.

Ein Marathon hat 42,195 Kilometer. Bei welchem Kilometer stehen Sie?
Ich würde sagen, wir sind jetzt bei der Hälfte.

Ist der Rückhalt in der SPÖ nach der Mitgliederbefragung stärker geworden?
Das Ergebnis der Befragung hat uns alle in der Sozialdemokratie gestärkt. Im Burgenland, der Steiermark, in Vorarlberg und in Wien hat die SPÖ heuer erfolgreich Wahlen geschlagen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Man kann keinen fixen Plan für zehn Jahre machen. Nicht im Leben und nicht in der Politik. Wie unberechenbar die Zeit ist, zeigt sich auch an der Corona-Krise. Damit hätte vor einem Jahr niemand gerechnet. Wichtig ist mir heute und in zehn Jahren, das zu tun, womit ich den besten Beitrag leisten kann.

In elf Tagen ist Weihnachten. Was bedeutet Ihnen dieses Fest?
Die Weihnachtszeit hat schon eine sehr einnehmende Atmosphäre und gerade in einer Krise, in einer so schwierigen Zeit wie jetzt ist diese Atmosphäre Balsam für uns, für die Entbehrungen und Einschnitte, die wir hinnehmen mussten, das tut einfach gut.

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Gerade in einer Krise ist die Atmosphäre der Weihnachtszeit Balsam für uns, für die Entbehrungen und Einschnitte, die wir hinnehmen mussten.

Pamela Rendi-Wagner

Sind Sie jemand, der in die Christmette geht?
In der Mette war ich vor ein paar Jahren das letzte Mal, das war mit meinen Großeltern, sie waren evangelisch. Ich war bis zu meinem 34. Lebensjahr katholisch und bin dann ausgetreten. In Kirchen gehe ich immer wieder, um dort die Ruhe zu genießen, sie sind für mich Kraftplätze.

Haben Ihre Töchter ans Christkind geglaubt?
Ja. Ich glaube, sie haben sogar länger diesen Anschein erweckt, als es tatsächlich der Fall war. (Lacht.) - Ich glaube, heuer sollten wir alle ans Christkind glauben, um hoffnungsvoll ins nächste Jahr zu gehen. Mir sind die letzten neun Monate als sehr kalte Zeit in Erinnerung. Nicht was die Außentemperaturen betrifft … Es hat einfach das Zwischenmenschliche gefehlt, die Nähe. Und je länger diese Krise andauert, desto stärker ist diese Kälte spürbar, und das empfinde ich persönlich wirklich als Belastung. Ich sehne mich danach, dass wir uns wieder umarmen können, dass endlich wieder menschliche Wärme spürbar wird.

DIE CORONA-EXPERTIN IN DER SPÖ
Zur Person: Geboren als Joy Pamela Wagner am 7. Mai 1971 in Wien. Medizinstudium, Facharztausbildung in Wien und London, wissenschaftliche Arbeit und Habilitation am Institut für Tropenmedizin der MedUni Wien, Gastprofessorin an der Universität Tel Aviv. 2011 bis 2017 ist sie Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit, dann Gesundheitsministerin, bevor sie im November 2018 zur ersten weiblichen Vorsitzenden der SPÖ gewählt wird. Verheiratet mit Michael Rendi, Beamter im Außenministerium. Zwei Töchter, zehn und 15 Jahre alt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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