21.11.2020 23:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: Lockdown-Alltag eines Lehrers

Diese Kolumne beschert mir einen wunderbaren Informationsaustausch mit LeserInnen dieser Zeitung. Ich gehöre zu jenen, die gerne schnell zur Sache kommen und die Dinge ansprechen. Einem AHS-Lehrer, der mir geschrieben hat, geht es wohl ähnlich. Es ist ein mit Leidenschaft geschriebener Brief, ein Livebericht aus dem Schulalltag. Ich finde, Sie sollten den Brief des Lehrers lesen:

„Ich bin von 7 Uhr morgens bis 19 Uhr abends am Laptop. Videokonferenzen, Schülerfragen beantworten, Aufgaben erstellen, Austausch mit KollegInnen über Schüler, die sich nicht melden.

Rückmeldungen an die Schüler, Vorbereitungen für den nächsten Schultag, Gespräche mit Eltern, die natürlich auch mit der Situation überfordert sind. Der Onlineunterricht, den ich in vielen Stunden Arbeit für meine SchülerInnen vorbereite, konnte im Frühjahr oft nicht stattfinden, da ich unbezahlt für die Betreuung in der Schule eingeteilt war.

Ehrlicherweise wäre zeitmäßig der vorbereitete Online-Unterricht besser, weil man da den typisch alten Frontalunterricht macht, den wir seit 20 Jahren versuchen abzudrehen. Denn da müssen die Schüler so gut wie nichts machen und für uns fällt weniger Arbeit an. Aber das ist Pädagogik uralt.

Nur, die Vorbereitungszeit für den Online-Unterricht dauert zweimal so lang. Dokumente laden, Korrigieren, doppelt und dreifach die Ergebnisse überprüfen, damit man für die Schüler auch die maximal mögliche Punkteanzahl ,rauskratzen‘ kann. Im Anschluss dann alle Schüler persönlich anschreiben. Bei 18 Klassen mit ca. 420 Schülern ist das eine Herausforderung. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt null Unterstützung. Leider war das abzusehen. Wir Lehrer erfahren alles nur aus den Medien und versuchen dann - so wie letztes Wochenende nach der Pressekonferenz der Bundesregierung - mit ganztägigen Vorbereitungen am Sonntag kurzfristig etwas auf die Beine zu stellen, damit wir den Schülern und deren Eltern am Montag etwas bieten können bzw. Antworten haben, wenn die berechtigten Fragen gestellt werden. Nachdem, trotz gegenteiliger Ankündigung, kein Rechtsanspruch auf Freistellung der Eltern von der Arbeit besteht, war nicht klar, wie viele Schüler dann tatsächlich präsent sein würden. Dann musste in 24 Stunden geklärt werden: Können wir den Schülern in Betreuung die Teilnahme am Online-Unterricht anbieten? Da geht‘s um Infrastruktur in der Schule, Laptops, Webcams usw. Manche Schüler MÜSSEN in die Schule kommen, weil die beim Ministerium bestellten Laptops nicht eingetroffen sind. Man muss sich vorstellen: Bis Donnerstag letzter Woche sah es ja so aus, dass die Schulen offen bleiben würden. Plötzlich sickerten freitags Meldungen durch, dass es zur Schließung kommen würde. Offenbar haben es Freitag schon alle gewusst. Außer den Schulen. Wir als Schule hatten uns über Wochen auf den Ernstfall einer weiteren Schließung vorbereitet. Hätte man uns nur einen oder zwei Tage früher informiert und die Unterstützung von Seiten des Ministeriums gewährt, wir wären bereit gewesen.

Uns wurden FFP2-Masken versprochen, bis heute sind die nicht angekommen. Die Lehrer haben selbst welche gekauft. Dies ist für die älteren und kränklichen Lehrer besonders wichtig. Wir hatten keine Plexiglaswände, Luftfilter, noch andere Sicherheitsvorkehrungen.

Alles was dem Ministerium über die Sommermonate eingefallen ist, war: Lüften. Alle 20 Minuten. Die Schüler sind mit Jacken und Decken in den Klassenzimmern gesessen, viele waren nach zwei Wochen krank. Es kamen erboste Anrufe der Eltern. Ich könnte Ihnen viele weitere Beispiele aus unserem Alltag erzählen. Wir müssen unsere Infrastruktur (Laptops, Drucker, Büromöbel, Scanner etc.) selbst organisieren und bezahlen. In den Lehrerzimmern kann kaum Abstand eingehalten werden, weil viel zu klein.

Wichtig zum Schluss: Ich liebe meine Arbeit."

 Salzburg-Krone
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