Sitzprotest in Italien

Anita (12) will sich in die Schule zurückstreiken

Ausland
19.11.2020 11:56

Die junge Schwedin Greta Thunberg hat mit ihrem „Schulstreik für das Klima“ für ihr Recht auf eine intakte Umwelt demonstriert - im von der Corona-Pandemie gebeutelten Italien protestiert eine Zwölfjährige nun auf ähnliche Weise für ihr Recht auf richtigen Schulunterricht. Seit Anfang des Monats sitzt Anita Iacovelli von Montag bis Freitag mit ihrem pinken Klappsessel und ihrem kleinen Klapptisch vor ihrer geschlossenen Schule in Turin und macht dort ihre Aufgaben. Damit will sie die Rückkehr zum Präsenzunterricht erreichen - und hat bereits einige Mitstreiter gefunden.

Mit Maske sowie mit Jacke, Haube und Handschuhen zum Schutz vor der Kälte löst Anita an ihrem improvisierten Arbeitsplatz Aufgaben und beteiligt sich mit ihrem Tablet am Online-Unterricht. Ein selbst gebasteltes Schild erklärt, warum sie hier sitzt, statt gemütlich zu Hause zu lernen: „Anwesend! Der Unterricht in der Klasse ist unser Recht. Vorrang für die Schule!“

Anita mit ihrer ebenfalls zwölfjährigen Freundin und Streikpartnerin Lisa Rogliatti (Bild: APA/AFP/MIGUEL MEDINA)
Anita mit ihrer ebenfalls zwölfjährigen Freundin und Streikpartnerin Lisa Rogliatti

Schul-Lockdown seit Anfang November
Mit ihrer Aktion hat Anita am 6. November begonnen. An diesem Tag stufte die Regierung die norditalienische Region Piemont und damit auch Turin wegen der hohen Corona-Zahlen als rote Zone ein. Die meisten Geschäfte, Bars und Restaurants mussten schließen, und die Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt. Während Volksschüler weiter in die Schule gehen können, müssen ältere Kinder nun von zu Hause aus lernen. Die Zwölfjährige will sich damit nicht abfinden und lernt seitdem eben vor statt in der Schule. Nach einigen Tagen schloss sich ihre Freundin Lisa dem Protest an. Auch ein paar Schüler einer Nachbarschule sind mittlerweile dabei.

(Bild: APA/AFP/MIGUEL MEDINA)

Anitas Aktion weckt nicht nur bei Passanten Interesse: Auch Italiens Bildungsministerin Lucia Azzolina erfuhr von der Aktion. „Sie hat mich angerufen und mir gratuliert, weil sie meinen Kampf gut findet“, erzählt Anita. Die Ministerin habe ihr „versprochen, dass sie alles tun werde, um die Schulen so bald wie möglich wieder zu öffnen“.

„Bemerkt, dass ich nicht noch ein Jahr Distanzunterricht ertrage“
Das wird nicht leicht werden. Italien zählt zu den am schwersten von Corona getroffenen Ländern Europas. Mehr als 1,2 Millionen Fälle wurden bisher verzeichnet, mehr als 45.000 Infizierte starben. Im Frühjahr mussten die Italiener bereits einen äußerst strikten Lockdown mitmachen, von der zweiten Welle blieben sie dennoch nicht verschont. „Als sie angekündigt haben, dass die Schulen schließen werden, habe ich bemerkt, dass ich nicht noch ein Jahr Distanzunterricht ertrage“, sagt Anita.

Die Pandemie hat die Zwölfjährige schmerzhaft aus ihrem normalen Leben gerissen. „Alles an der Schule fehlt mir“, sagt sie. „Der Präsenzunterricht, den Lehrern in die Augen sehen - nicht per Bildschirm -, mit meinen Klassenkollegen zusammen sein, in der Früh aufstehen und mich für die Schule fertig machen, statt im Pyjama vor dem Computer zu bleiben.“

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