15.11.2020 11:00 |

Betroffener erzählt:

„Habe nicht nur den Job bei Swarovski verloren“

1200 Mitarbeiter setzt der Kristallkonzern Swarovski in Wattens heuer vor die Tür. Weitere werden 2021 folgen! Betroffene, Betriebsräte und ein Gewerkschafter über das Ende eines Traums, Härtefälle und ganz persönliche Katastrophen.

„Über die Firma konnte ich bisher nie was Schlechtes sagen. Swarovski war immer ein guter Arbeitgeber.“ Das sagt einer, der nach mehr als 30 Jahren Betriebszugehörigkeit gehen muss. Albert S. (Name geändert) gehört zu jenen 1200 Mitarbeitern, die der einst so glänzende Kristallkonzern heuer vor die Tür setzt. Das Geschäft mit den Glitzersteinen sinkt, weil die Billig-Konkurrenz wächst.

„Geh zu Swarovski, Bub - das ist ein sicherer Job“
Seinen richtigen Namen möchte Albert S. lieber nicht in der Zeitung lesen. Noch geht er jeden Tag in die Firma. Kurz vor Weihnachten wird er das letzte Mal durchs Werkstor schreiten. Dort, wo schon sein Großvater ein und aus ging. „Geh zu Swarovski, Bub - da hast du einen sicheren Job“, erinnert sich der Unterländer an die Worte seines Vaters, ebenfalls ein Swarovski-Mann. „Nichts ist mehr sicher“, lautet die Antwort des Sohnes heute.

Schutz vor Härtefällen greift nicht immer
Albert S. sitzt nicht alleine am Tisch. Die beiden Betriebsräte Reinhold Happ (Angestellte) und Ernst Daberto (Arbeiter) sowie Gewerkschafter Harald Schweighofer haben ihn zum Gespräch mit der „Krone“ begleitet. Ebenso Sandra L. (Name geändert). Auch ihre Geschichte ist eine spezielle. Sanda L. gehörte einst zur Stammbelegschaft. Verlor ihren Job bei einer Kündigungswelle vor ein paar Jahren. Kehrte dann als Leiharbeiterin zu Swarovski zurück, wo auch ihr Mann arbeitet. „Wenn beide Ehepartner bei uns sind - und das kommt häufig vor -, darf nur einer gekündigt werden“, zitiert Daberto einen Grundsatz, um Härtefälle zu vermeiden.

Dann erzählt Sandra L., dass ihre Familie von diesem Anspruch nichts hat: „Mein Mann und ich verlieren beide den Job, weil ich ja nur Leiharbeiterin bin.“ 180 Leiharbeitskräfte müssen ebenfalls gehen. „Und im Gegensatz zur fixen Belegschaft greift bei uns kein Sozialplan“, sagt Sandra L. und schaut Richtung Schweighofer. Als Gewerkschafter weiß er um den zähen Kampf für mehr Absicherung in der Leiharbeiterbranche. Diese Beschäftigten stehen meistens am Ende der Kette. „Mir wird keine Umschulung finanziert. Ich brauche sofort einen neuen Job - in einer Zeit der Rekordarbeitslosigkeit“, sagt die Tirolerin nicht ohne Bitterkeit in der Stimme.

Wer bleibt, hat Angst vor der nächsten Welle
1200 Mitarbeiter weniger - die Zahl hat alle erschreckt. Auch die, die bleiben dürfen. „Die Unruhe ist groß. Viele haben Angst, dass sie beim nächsten Personalabbau dabei sind“, fasst Betriebsrat Happ die Stimmung zusammen. „Ein Kollege hat zu mir gesagt: Du hast es gut, bekommst noch eine großzügige finanzielle und zeitliche Reserve. Aber wir werden das sicher nicht mehr bekommen“, beschreibt Albert S., wie gespalten die Belegschaft ist. „Es ist doch absurd, wenn die Gekündigten beneidet werden.“

Vom einst gepriesenen Swarovski-Geist ist nur noch wenig zu spüren. Wer wird der Nächste sein? Was wird aus dem Standort Wattens? Viele Gerüchte kursieren in den Büros und Werkshallen. „Wir gehen davon aus, dass das Herz der Produktion in Wattens bleibt, weil ja die Marke Swarovski mit dem Standort verbunden ist. Aber jeder Mitarbeiter hat über die Jahre mitbekommen, wie sehr die Billig-Konkurrenz uns zusetzt“, meint Daberto. Ein Hauch Resignation schwingt in seiner Stimme mit: „Ein weiterer Personalabbau ist angekündigt. Beruhigend auf das Betriebsklima wirkt das nicht.“

Die große Ungewissheit dauerte Monate
Resignation - auch Albert S. kennt dieses Gefühl gut. „Da hast du dich mehr als 30 Jahre für deinen Job, deinen Betrieb eingesetzt - und plötzlich heißt es, wir brauchen dich nicht mehr.“ Die Botschaft habe ihn wie ein Hammerschlag getroffen. „Nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass ich gehen muss.“ Wer auf der Liste steht, das war monatelang ein Geheimnis. Der Personalabbau war seit Frühling bekannt - aber erst am 5. Oktober wurden alle informiert. „Der Sommer war die Hölle. Kurzarbeit wegen Corona - und immer das Damoklesschwert der Massenkündigung vor Augen“, beschreibt Sandra L. die Gefühlslage. „Da war man im Oktober fast erleichtert, als endlich Klarheit herrschte.“

Tausend Hiobsbotschaften an einem Tag
Der 5. Oktober 2020: tausend Hiobsbotschaften. Tausend Hoffnungen zerstört. Tausend Lebenswege in ungewisse Bahnen gelenkt. Daberto und Happ hätten an diesem Tag ihre Betriebsratsfunktion wohl auch gerne abgegeben. Vieles ist an diesem Tag zerbrochen - jetzt heißt es kitten. „Mit jedem Betroffenen wird noch ein ausführliches Gespräch über die Möglichkeiten im Sozialplan geführt“, berichten die Betriebsräte. Albert S. und Sandra L. berichten indes von zwischenmenschlichen Tragödien, die an besagtem 5. Oktober passiert sind. Vorgesetzte, die die schlechte Nachricht auch noch mit Grobheiten garnierten. Kollegen, die kein Wort des Bedauerns verloren. Chefs, die für die Verlierer nicht erreichbar waren. „Du bist einfach unterqualifiziert“, wiederholt Albert S. die Worte, die ihm den Boden unter den Füßen wegzogen. „Ich habe nicht nur den Job verloren, sondern wurde auch noch abgewertet.“

„Nur mehr ein Konzern wie jeder andere“
Noch sitzt der Schock tief. Doch es nützt nichts. Jetzt heißt es nach vorne schauen. Albert S. und Sandra L. haben sich vorgenommen, was Neues zu wagen, die Krise als Chance zu nutzen. Sie gehören nicht länger zur Swarovski-Familie. Diese begann schon vor Jahren zu erodieren, wird 2021 noch kleiner. „Bald ist Swarovski auch nur mehr ein Konzern wie jeder andere“, meint Albert S. und zuckt mit der Schulter. „Wie jeder andere“ - das klingt, als wäre der Traum von sozialer Marktwirtschaft ausgeträumt.

Claudia Thurner, Kronen Zeitung

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