30.10.2020 05:57 |

Verbaute Zukunft

Viele Straßen werden völlig sinnlos gebaut

Immer mehr Naturparadiese werden durch neue Straßen und Gewerbegebiete zerstört! Denn beides zieht Verkehr an. Durch Rückbau und Nutzung leerer Immobilien könnte viel ökologisches Unheil vermieden werden.

Wie oft fahren Sie mit dem Auto, und ginge es auch seltener? Der Durchschnittsbürger legt im Monat an die 750 Kilometer zurück, das sind 25 Kilometer pro Tag. Das ist nicht nur schlecht fürs Klima, der Verkehr ist auch maßgeblich am Flächenfraß beteiligt.

Immer mehr Grünoasen verschwinden für neue Verkehrsstränge unter Asphalt. Was sogar weitreichende Folgen für die Lebensmittelversorgung hat: Wenn wir zum Beispiel während einer Pandemie darauf angewiesen sind, uns als Land selbst mit wertvollen Lebensmitteln zu versorgen, könnten einmal die Anbauflächen dafür fehlen!

Professor Dr. Hermann Knoflacher, Raum- und Verkehrsplaner an der TU-Wien, sieht die heimische Verkehrspolitik als gescheitert an. Denn er ist davon überzeugt, dass gut die Hälfte aller Straßen bei uns überflüssig ist. Der Verkehr würde ohne sie kein bisschen schlechter fließen, sogar besser, weil weniger Fahrzeuge unterwegs wären.

„Durch neue Straßenbauten werden die Menschen zum Autofahren verführt. Das haben meine Studenten verstanden, aber die Politiker leider nicht. Wir sollten diesen Raum der Natur zurückgeben. Es wäre ein guter erster Schritt, unsere Heimat davor zu retten, endgültig zubetoniert zu werden. Die Menschen sind aber schon weiter als die Politik. Viele lassen ihr Auto stehen und fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter.“

Die Lösung des wachsenden Verkehrsaufkommens dürfe nicht darin bestehen, noch mehr Straßen zu bauen: „Wir ruinieren so unser Land. Wir müssen Alternativen suchen, etwa die Wiederinbetriebnahme alter Eisenbahnstrecken.“

Auch Verkehrsclub-Experte Christian Gratzer sieht darin einen wesentlichen Lösungsansatz: „Gerade in entlegenen ländlichen Gebieten, wo Berufspendler zum urbanen Arbeitsplatz noch auf das Auto angewiesen sind, müssen Öffi-Linien massiv ausgebaut werden.“

Doch warum reagiert die Politik nicht mit klugen Maßnahmen?
Ganz wesentlich dürfte das an Österreichs Baulobby liegen, die Druck ausübt und so laufend große Vorhaben umsetzt, um Geschäftsinteressen zu wahren und natürlich auch, um Arbeitsplätze zu sichern.

Gefordert wäre hier die Politik! Als Schweden in den 1980er-Jahren vor einem ähnlichen Problem stand, sorgte es durch internationale Entwicklungshilfe dafür, dass skandinavische Baufirmen überlebten, weil in Afrika dringend nötige Infrastruktur errichtet wurde! Das eigene Land blieb verschont.

Mit neuen Denkansätzen und Innovationen lassen sich die Bodenressourcen aber schonen. Ein Best-Practice-Beispiel ist der Rückbau des Coca-Cola-Werkes am Wienerberg in der Bundeshauptstadt. Es wurde abgerissen, um einem grünen Großstadtdschungel mit rund tausend Wohnungen Platz zu machen, der Biotope-City. Gebrauchtes Baumaterial wurde dabei wiederverwendet. 450.000 Kilogramm Schutt konnten dadurch vermieden werden.

Als leuchtendes Beispiel für den Schutz wertvoller Grüngürtel mag die kleine Gemeinde Steinbach an der Steyr (OÖ) gelten. Dort setzte der damalige Ortschef Karl Sieghartsleitner ebenso kühne wie visionäre Vorhaben um. Im Ortskern wurden 15 alte Häuser renoviert und damit revitalisiert. Selbiges passierte mit dem geschichtsträchtigen Pfarrhof und Fabrikhallen. Auch 23 Kapellen und 38 Wegkreuze wurden saniert. Umweltdachverbands-Ehrenpräsident Dr. Gerhard Heilingbrunner empfiehlt das jedem Bürgermeister Österreichs „unbedingt zur Nachahmung“.

Kommentar von Verkehrsplaner Dr. Hermann Knoflacher:
Wir haben in Österreich Raumplanungsgesetze, die die haushälterische Nutzung des Bodens sicherstellen sollen, stets im Einklang mit der Natur. Die Besiedelung eines Landes sollte also immer sinnvoll ablaufen. Hierzulande ist das leider nicht der Fall. Diese wichtigen Gesetze werden nicht nur von Politikern und Teilen der Wirtschaft, sondern auch von den für die Flächenwidmung zuständigen Büros laufend gebrochen, aus eigenen Interessen. Man könnte viele bereits bestehende Flächen nutzen. Doch stattdessen wird, zum Beispiel um Kosten zu sparen und großen Konzernen einen Gefallen zu tun, in die grüne Wiese gebaut.

Dabei ist unsere Natur massiv bedroht, wir müssten dringend Flächen entsiegeln und neue Grünzonen schaffen. Die Verkehrspolitik ist ebenfalls gescheitert. Städte werden immer noch autogerecht gemacht, selbst wenn die öffentliche Anbindung sehr gut ist. Doch die Menschen sind schon weiter. Führt man gebührenpflichtiges Parken ein, lassen sie ihre Autos stehen und fahren öffentlich weiter. Ein großes Problem sind Projekte, die im Grunde keinen Nutzen haben. Ich meine damit besonders Autobahnen als Selbstzweck für Baukonzerne. Es zeigt sich, dass sich die Politik diesen Interessen beugt und die Bedeutung der Natur außer Acht lässt. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass es die Natur ist, die uns Nahrung schenkt. Setzen wir sie aufs Spiel, werden wir verlieren. Ich appelliere an unsere Politik!

Kein Land Europas ist so zugepflastert wie Österreich
Wenn es so weitergeht, sind die Folgen für unsere Umwelt, Lebensmittelversorgung, aber auch für die eigene Gesundheit und nicht zuletzt die Schönheit unseres Landes unabwendbar. Am Samstag lesen Sie, was andere Länder besser machen als wir und welche grüne Ideen die Welt verbessern.

Dr. Silvia Jelincic, Mark Perry/Kronen Zeitung

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