04.10.2020 06:00 |

Das große Interview

Wie fühlt sich Corona an, Herr Primar?

Der Chef des Wiener Lorenz Böhler-Unfallkrankenhauses ist an Corona erkrankt. Mit Conny Bischofberger spricht Dr. Thomas Hausner (55) über seine Zeit als Patient, Symptome und Selbstvorwürfe und was ihm Kraft gegeben hat.

Fiebercheck, Maskenkontrolle, Befragung: Die Corona-Regeln im „Lorenz Böhler“ sind streng. Das „Krone“-Interview mit dem Primarius findet frühmorgens, vor der Chefarzt-Visite, statt.

Hausner erwartet uns in seinem Büro im ersten Stock. In der Bibliothek stehen viele alte Medizin-Bücher, die ihm sein Großvater hinterlassen hat. An der Wand hängen Zeichnungen seiner Kinder, über dem Regal ein Kreuz. „Ich vertrete christlich-soziale Werte“, sagt der Chirurg, der eine Klosterschule besucht hat und auch Leitender Arzt des Malteser Hospitaldienstes ist. Hausner ist einer von 47.432 Menschen in Österreich, die am Coronavirus erkrankt sind.

„Krone“: Herr Primar, wie ist es, als Arzt zu erkranken?
Dr. Thomas Hausner: Ärzte sind keine guten Patienten. - Lacht. - Als Unfallchirurg bin ich es gewohnt, die Ärmel aufzukrempeln und zu operieren. Im Spital war ich zur Untätigkeit verdammt. Das hat mich ganz hart getroffen.

Wann wussten Sie, dass Sie sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben?
Symptomatisch wurde ich am Montag, den 7. September. Da habe ich in der retrospektiven Betrachtung das erste Mal gemerkt, dass ich krank werde. Ich hatte Kopfweh und dachte: „Da kommt jetzt eine Verkühlung“, wahrscheinlich als Reaktion auf den Stress des Sommers. An Corona habe ich nicht gleich gedacht.

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Acht Tage lang bin ich im Kaiser-Franz-Josef-Spital gelegen. Mit starken Rückenschmerzen und extremer Erschöpfung. Ich war sehr, sehr müde.

Dr. Thomas Hausner

Wie ging es dann weiter?
Am nächsten Tag bekam ich Fieber. Und Schmerzen im unteren Lendenwirbelsäulenbereich. Hüftschmerzen, noch mehr Kopfschmerzen. Ich bin ins Krankenhaus gefahren und habe unter Sicherheitsbedingungen einen Corona-Test gemacht. Es stellte sich heraus, dass ich hoch positiv war.

Was bedeutet „hoch positiv“?
Der CT-Wert lag bei 10, unser Labormediziner hat mir gesagt, dass das sehr selten ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei diesem Wert zu Komplikationen kommt, ist sehr hoch. Deshalb bin ich am nächsten Tag ins Krankenhaus gekommen. Dann fand auch schon das Contact-Tracing statt. Ich wohne in Bruck an der Leitha, die niederösterreichische Gesundheitsbehörde hat das sehr professionell gemacht.

Wo haben Sie sich angesteckt?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich hier im Haus angesteckt habe. Niemand hier wurde positiv getestet, alle Kontakte finden unter extrem geschützten Bedingungen statt. Nach meinem persönlichen Dafürhalten habe ich mich in einem Restaurant angesteckt, das würde auch vom Zeitpunkt her genau passen. Wir waren eine größere Gruppe und sind im Freien gesessen. Wenn man sich das Personal in der Gastronomie anschaut, verwundert das nicht. Diese „Face-Shields“ schützen ja nicht wirklich, vor allem diese kleinen Dinger, die auf dem Kinn sitzen.

Wie fühlt sich Corona an?
Wie eine extreme Erschöpfung. Ich war acht Tage lang im Kaiser-Franz-Josef-Spital, das ist das Krankenhaus mit der meisten Erfahrung, was Corona betrifft. Ich hatte sehr starke Rückenschmerzen, was ich nie hatte, weil ich sportlich sehr aktiv bin. Alles tat weh, sogar das Liegen. Ich habe versucht zu lesen, aber auch das tat weh. Und ich war sehr, sehr müde. Geistig und körperlich.

Hatten Sie auch Atemprobleme?
Nein, aber ich habe auch sehr auf meine Atmung geachtet. Ich mache seit 40 Jahren Karate, daher kenne ich sehr gute Atemübungen, damit habe ich meine Lunge belüftet. Ich hatte deshalb gute Atemwerte. Sonst hätte ich Remdesivir bekommen, als nächstes Cortison und dann wäre ich auf die Intensivstation gekommen.

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Meine Lunge habe ich mit Atemübungen, die ich vom Karate kenne, belüftet. Ich hatte deshalb gute Atemwerte. Sonst hätte ich Remdesivir bekommen.

Dr. Thomas Hausner

Wenn Sie an die Zeit in der Klinik zurückdenken, was war das Schlimmste?
Komischerweise die Einsamkeit. Du bist isoliert, nur umgeben von Menschen in vollkommener Schutzausrüstung, wie in einem Science-Fiction-Film. Und das, obwohl ich wusste, dass meine Frau zu Hause positiv ist und dann noch Homeschooling machen muss.

Wie haben Ihre Kinder das erlebt?
Alle drei haben Gurgeltests gemacht und sind negativ getestet worden. Für Nikolaus, den Erstklassler, war es besonders belastend, weil er ab dem dritten Tag nicht mehr in die Schule gehen konnte.

Machen Sie sich Vorwürfe, dass Sie Ihre Familie angesteckt haben?
Ja, natürlich. Ich habe meine Frau angesteckt, obwohl ich, bevor ich ins Spital gekommen bin, zu Hause Maske getragen habe und den Kindern gesagt habe, dass sie Abstand halten müssen. Für mich war es ganz schlimm, alle drei Kinder und meine Frau nicht berühren zu dürfen. Wir haben ein sehr inniges Verhältnis.

Man hört oft, Corona sei bei mildem Verlauf nicht schlimmer als die Grippe. Stimmt das?
Die Zahl der Corona-Toten hat die Millionengrenze bereits überschritten. In einem Jahr hat es niemals eine Million Grippe-Tote gegeben, außer bei der Spanischen Grippe. Also stimmt es nicht.

Werden Sie sich gegen Grippe impfen lassen?
Ab Mitte November ja. Die Impfung hält drei Monate, deshalb macht es früher keinen Sinn, weil man ja die gesamte Welle durchtauchen muss. Ich glaube aber, dass diese Welle heuer aufgrund der Maskenpflicht nicht so schlimm werden wird.

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Man hat weniger Mitleid mit jemandem, der Corona heruntergespielt hat. Trotzdem wünsche ich diese Krankheit keinem, auch nicht Donald Trump.

Dr. Thomas Hausner

Was dachten Sie sich, als Sie von Trumps Corona-Erkrankung gehört haben?
Sagen wir so. Man hat weniger Mitleid mit jemandem, der Corona lange Zeit heruntergespielt und zum Teil sogar negiert hat. Boris Johnson hat sie ja auch nicht ernst genommen. Trotzdem wünsche ich diese Krankheit keinem, auch nicht Donald Trump. Da bin ich zu sehr Christ …

Wann wussten Sie eigentlich, dass Sie Arzt werden wollen?
Schon als Jugendlicher, weil ich familiär doch stark beeinflusst war. Sowohl mein Vater als auch mein Großvater haben schon im „Lorenz Böhler“ in der Webergasse gearbeitet. Wir haben außerdem in einem Reihenhaus in Salzburg gewohnt, das einem Verwandten von Lorenz Böhler gehört hat. Also der Böhler zieht sich irgendwie durch mein Leben. Leiter dieses renommierten Spitals zu werden war später mein größter Berufswunsch. 2015 hat er sich erfüllt.

Empfinden Sie es als Mediziner wie ein Privileg, eine Pandemie mitzuerleben?
Es ist etwas absolut Historisches. Unsere „Worst Case Szenarien“ als Unfallkrankenhaus waren ganz andere Ereignisse. Ein Flugzeugabsturz, ein Massenunfall, ein Terroranschlag. Das haben wir trainiert. Nun müssen wir eine Situation mit Hunderten Verletzten unter dem Gesichtspunkt der Pandemie neu denken. Gerade die Hygieniker stellt das vor große Herausforderungen.

Wie sind die Infektionszahlen?
Gott sei Dank sehr niedrig. Auch weil wir jeden Frischverletzten, der ins Haus geschleust wird, so behandeln, als wäre er infiziert. Er wird isoliert, getestet und mit allen erdenklichen Schutzmaßnahmen ausgestattet.

Wann werden wir Corona überstanden haben?
Schon sehr bald. Eine Firma wird die Phase 3 eines Impfstoffes bereits in den nächsten zwei Monaten abgeschlossen haben. Dann wird in absehbarer Zeit ein Teil der Bevölkerung durchgeimpft und dann wird sich das Ganze drehen. Sowohl medizinisch als auch ökonomisch. Das hat einen stark psychologischen Effekt, weil es dann wieder Zuversicht gibt.

Nachkomme einer Ärztedynastie
Geboren am 4. Juni 1965 in Salzburg, sein Vater war Unfallchirurg, seine Mutter Röntgenassistentin, der Großvater Orthopäde, ein Großonkel Anatom. Hausner besucht das Privat-Gymnasium der Herz-Jesu-Missionare, studiert Medizin in Innsbruck und Wien. Chirurg seit 2001, Unfallchirurg seit 2006. Ärztlicher Leiter des Wiener Lorenz Böhler- Unfallkrankenhauses ab 2015. Seit 2003 verheiratet mit Mag. Cornelia Hausner-Ghazal, das Paar hat drei Kinder (Florentina ist 8, Nikolaus 6, Philippa 4 Jahre alt).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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