Wütender Mob in Beirut

Macron verspricht: „Hilfe nicht in korrupte Hände“

Ausland
06.08.2020 18:13

Verzweiflung, Trauer und Schmerz mischen sich nun im Libanon mit Wut. Wut auf die Regierung und auf korrupte Behörden, die offenbar jahrelang Warnungen vor der möglichen Explosionsgefahr durch die unsachgemäße Lagerung von hochexplosivem Material im Hafen von Beirut ignoriert haben. Diesen Ärger spürte auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag bei seinem Besuch in der verwüsteten libanesischen Hauptstadt. Sprechchöre wie „Das Volk will den Sturz des Regimes!“ und „Helfen Sie uns“ waren da zu hören. Macron suchte das Gespräch mit den Menschen und versprach: „Die Wiederaufbauhilfe wird nicht in korrupte Hände gelangen.“

Macron forderte die libanesische Regierung zu Reformen, zum Kampf gegen Korruption und insgesamt zu einem „Systemwechsel“ auf. Zugleich warb er um internationale Hilfe für das Land. Macron wurde bei seiner Ankunft am internationalen Flughafen von Beirut von seinem libanesischen Amtskollegen Michel Aoun in Empfang genommen und sicherte zunächst weitere Hilfe zu: „Wir werden in den kommenden Tagen helfen, zusätzliche Unterstützung auf französischer und europäischer Ebene zu organisieren.“ Dies stehe im Vordergrund.

Macron traf sich mit dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun. (Bild: APA/AFP/POOL/Thibault Camus)
Macron traf sich mit dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun.

„Ihr seid alle Mörder“
Aber er sei auch hier, „um eine neue politische Initiative zu starten“, sagte er weiter. Er forderte „unumgängliche Reformen“, andernfalls werde sich der Niedergang des Landes weiter fortsetzen. „Wir wissen, dass die Krise hier auch über die Explosion hinaus ernst ist“, fügte der Franzose hinzu. Und dafür seien auch die derzeitigen Regierenden mitverantwortlich. Er wolle einen „neuen Pakt“ für das politische Libanon vorschlagen, sagte er später in Beirut mit Blick auf seine geplanten Gespräche mit Regierungsvertretern. In dem seit Jahren wirtschaftlich schwer gebeutelten Land war es zuvor bereits immer wieder zu Massenprotesten gekommen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Lokalaugenschein am Beiruter „Ground Zero“ (Bild: AP)
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Lokalaugenschein am Beiruter „Ground Zero“
Macron ging trotz der Corona-Gefahr mit zahlreichen Menschen auf Tuchfühlung. (Bild: AP)
Macron ging trotz der Corona-Gefahr mit zahlreichen Menschen auf Tuchfühlung.

Macron konnte den wütenden Mob auch nur teils besänftigen. Viele waren auch ihm gegenüber feindlich gesinnt: „Warum sind Sie gekommen?“, riefen einige von Balkons herunter. „Ihr seid alle Mörder“, schrie eine Frau unter Tränen. „Wo waren Sie gestern? Wo waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?“ Andere beschimpften den libanesischen Präsidenten als „Terrorist“. Macron versprach auf der Straße, am 1. September wiederzukommen.

Forderung nach internationaler Untersuchung
Wegen des großen Misstrauens gegenüber der Regierungselite werden nun auch Stimmen laut, die eine internationale Untersuchung der Katastrophe vom Dienstag mit mehr als 130 Toten und Tausenden Verletzten fordern. In diesem Zusammenhang wurden die Vereinten Nationen bzw. die Arabische Liga genannt. Libanons Innenminister Mohammed Fahmi hatte am Mittwoch erklärt, er glaube nicht, dass internationale Experten notwendig seien. Die libanesischen Fachleute hätten die nötige Kompetenz für Ermittlungen. Macron sagte am Donnerstag, französische Experten seien auf dem Weg in den Libanon und sollten Hilfe für die Ermittlungen bringen.

Frankreich ist als ehemalige Protektoratsmacht ein wichtiger Bezugspunkt für große Teile der libanesischen Bevölkerung. Besonders nach Beginn des Bürgerkriegs 1975 wanderten zudem viele Libanesen nach Frankreich aus. Macron war der erste ausländische Staatschef, der das Land nach den verheerenden Explosionen besuchte.

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