28.06.2020 09:00 |

Gemeinderatswahl 2020

Zwei „Volkstribune“ verlassen die Bühne

Mit bald 71 Jahren geht Heinrich Schmidlechner in Pension - er war der erste Bürgermeister von „Groß“-Radkersburg. Und nach 45 Jahren in der Kommunalpolitik ist auch für den Lassinger „Volksbürgermeister“ Fritz Stangl im Juli Schluss. Wir sprachen mit beiden Ortschefs.

Gäbe es den Begriff des „Volksbürgermeisters“ nicht, dann müsste man ihn für Fritz Stangl erfinden. Als er im Jahr 2000 das Amt des Ortschefs von Lassing übernahm, sagten selbst seine besten Freunde nicht mehr „Fritz“ zu ihm, sondern grüßten ehr- und hochachtungsvoll mit „Servas, Herr Bürgermeister“. „Ich bin ja noch immer der Fritz“, warf Stangl stets entgegen, aber es blieb bei der höflichen Anrede. „Das Amt des Bürgermeisters ist in der Gesellschaft derart geachtet, dass die Leute damit ihre Wertschätzung ausdrücken“, sagt Fritz Stangl, der nach der Wahl das Gemeindeamt verlässt.

Fritz Stangl wurde nach dem Grubenunglück Bürgermeister
Der Kommunalpolitiker war nicht nur eine „Institution“ im Ennstal, nein, er war auch über die weiß-grünen Grenzen hinaus bekannt, vor allem durch das Grubenunglück von Lassing. Damals war er Vizeortschef, „die Amtsübernahme zwei Jahre nach der Katastrophe war schwer“, erinnert sich Stangl. Die Menschen haderten mit ihrem Schicksal. Stangl packte an, von der ersten Minute an, die Nachwehen des tragischen Unglücks duldeten keinen Aufschub.

Was das Geheimnis eines beliebten Bürgermeisters ist? „Da müssen Sie die Leute fragen“, entgegnet uns das Lassinger Polit-Urgestein, das seit 1975 im Gemeinderat sitzt. Wichtig aber sei, dass die Menschen ihren Bürgermeister „spüren“ und merken, „er ist für uns da und nicht in irgendeiner abgehobenen Welle drinnen“. Die Leute wollen, so der 72-Jährige, nicht in eine fixe Sprechstunde gehen, sondern beim Dorffest locker ins Gespräch kommen. „Als Bürgermeister einer Kleingemeinde musst du bereit sein, dich um jeden Einzelnen zu kümmern. Der Schwache braucht die Hilfe, der Starke kann sich eh selbst helfen.“

Ein gutes Auskommen mit den Vereinen, dem Pfarramt, den Behörden - das wünscht Fritz Stangl seinem Nachfolger, der laut Plan am 23. Juli das Ruder übernehmen soll. Stangl selbst sitzt dann nur am Ruder seines Bootes, das er seit 30 Jahren am Grundlsee zu Wasser hat. Denn: einmal Kapitän, immer Kapitän.

Stolze 23 Jahre war Heinrich Schmidlechner in der Kommunalpolitik tätig - nicht immer war es einfach. Speziell die letzten Jahre als erster Bürgermeister von „Groß“-Bad Radkersburg (davor war er fünf Jahre lang Ortschef der eingegliederten Gemeinde Radkersburg-Umgebung) haben Spuren hinterlassen. „Die Fusion an sich und die aktuelle Corona-Krise waren natürlich schon enorme Herausforderungen für uns alle“, ist Schmidlechner ehrlich. Dazu gab es immer wieder politische Turbulenzen, so sprang kurz nach der Wahl eine ÖVP-Mandatarin ab, die hauchdünne Mehrheit im Gemeinderat, wo die Volkspartei mit den Grünen eine Koalition bildetet, war futsch.

300 Flüchtlinge in Gornja Radgona
Das einschneidendste Erlebnis seiner politischen Karriere war aber dennoch ein anderes: „Auf einmal hab’ ich die SMS bekommen, dass 300 Flüchtlinge in Gornja Radgona stehen - und das, obwohl uns davor alle Experten versichert haben, dass wir nicht auf ihrer Route liegen.“ Die sechs slowenischen und sechs österreichischen Polizisten mussten machtlos mitansehen, wie diese Menschen die Grenze passierten.

Über 2000 Flüchtlinge strömten 2015 pro Tag über die Murbrücke nach Bad Radkersburg. „Durch die guten Kontakte zu unseren slowenischen Nachbarn ist es danach aber immer besser geworden, die Kommunikation hat super funktioniert, und es lief danach alles in geordneten Bahnen ab.“

Die Entscheidung, bei dieser Wahl nicht mehr anzutreten, war aber schon vorher gefallen. „Ich habe immer gesagt, dass ich nur diese Periode mache - immerhin werde ich heuer 71 Jahre alt.“ Welchen Tipp er seinem Nachfolger auf den Weg gibt? „Man muss diese Arbeit halt gern machen, gerne mit den Leuten kommunizieren und zuhören.“

Jetzt freut sich Schmidlechner auf Zeit mit seinen Enkelkindern und aufs Musizieren mit der Stadtkapelle. Eine politische Vision hat er dann aber doch noch: „Gornja Radgona will sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben - es wäre wunderbar, wenn Bad Radkersburg da dabei wäre.“

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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