22.06.2020 10:12 |

Konzernumbau geplant

Wirecard kann fehlende Milliarden nicht finden

Der Bilanzskandal um den globalen Abwickler von bargeldlosem Zahlungsverkehr erreicht einen neuen Höhepunkt. Während Vorstand Markus Braun bereits aufgrund der Unklarheiten zurückgetreten ist, verkündete das Unternehmen am Montag, dass man die fehlenden 1,9 Milliarden Euro nicht finden könne. Auf den Treuhandkonten in Asien, auf denen sie bislang vermutet worden waren, seien sie mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht.

Der Finanzkonzern, der für Händler und Kunden Zahlungen in Online-Shops und an Ladenkassen abwickelt, musste vergangene Woche seinen Jahresabschluss 2019 zum vierten Mal verschieben, weil die Wirtschaftsprüfer von EY ein 1,9 Milliarden Euro schweres Loch in der Bilanz gefunden hatten. Die Wirecard-Aktien stürzten ab, der langjährige Vorstandschef Markus Braun trat zurück, ein weiterer Vorstand wurde suspendiert. Das Problem für Wirecard ist nun, dass Banken eine Kreditlinie kündigen können und Wirecard das Geld zurückzahlen müsste.

Kostensenkungen und Umbau
Die vorläufigen Ergebnisse des vergangenen Geschäftsjahres sowie die Prognosen für 2020 und darüber hinaus seien daher nicht mehr zu halten. Das Unternehmen prüfe nun Kostensenkungen, einen Umbau sowie den Verkauf oder die Einstellung von Firmenteilen und Produkten. Wirecard betonte, dass die Systeme des Konzerns ohne Einschränkung laufen. Zu dem Konzern gehört auch die Wirecard Bank, die eine Vollbanklizenz hat und sämtliche Finanzdienstleistungen anbieten darf.

Wie vom Erdboden verschluckt
Noch bis Donnerstag war der Konzern davon ausgegangen, dass die nun fehlenden 1,9 Milliarden Euro - das entspricht einem Viertel der Bilanzsumme - auf Konten über einen Treuhänder bei Banken in Asien angelegt sind. Die Verlässlichkeit dieser Treuhandbeziehung werde nun infrage gestellt, erklärte die Gesellschaft. Der Vorstand gehe davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts unzutreffend seien. Man untersuche, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang das Geschäft tatsächlich zugunsten von Wirecard geführt worden sei.

Vorwürfe schon länger bekannt
Verschiedene Medien, vor allem die „Financial Times“, hatten Wirecard in den vergangenen Monaten mehrfach die Manipulation von Bilanzen vorgeworfen. Ex-Firmenchef Braun hatte dies stets bestritten. Eine durch den Aufsichtsrat in Auftrag gegebene Sonderprüfung durch KPMG sollte die Vorwürfe entkräften, die Prüfer fanden aber schwerwiegende Mängel bei internen Kontrollen sowie Hinweise darauf, dass es Unregelmäßigkeiten im Geschäft mit den Drittpartnern geben könne. Die Prüfer von EY, die nun den Jahresabschluss 2019 testieren sollten, hatten vergangenen Donnerstag erklärt, dass Dokumente zu Geldern auf Treuhandkonten bei Banken in Asien offenbar gefälscht worden seien.

Geld nie auf Konten gelandet
Die philippinische Bank BPI suspendierte in diesem Zusammenhang nach eigenen Angaben einen Mitarbeiter. Bei der Konkurrentin BDO hieß es, es sehe alles danach aus, dass einer ihrer Marketingmitarbeiter ein Bankzertifikat gefälscht habe. Die philippinische Zentralbank hatte am Sonntag erklärt, die Wirecard-Milliarden seien nicht in ihrem Finanzsystem gelandet. Die Namen der zwei größten Finanzhäuser des Landes würden benutzt, um „die Spur der Täter zu verwischen“. Sie werde aber Nachforschungen anstellen.

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