15.06.2020 06:00 |

Achtes Album erscheint

Norah Jones: Eklektisch, düster, hoffnungsfroh

Nur ein Jahr nach dem zusammengestückelten „Begin Again“ erscheint ein weiteres Album von Norah Jones. Die 41-Jährige begibt sich dafür wieder verstärkt auf die Pfade der Melancholie, lässt aber trotz so manch dystopischer Vorahnung stets der Hoffnung den Vorrang.

Verdammt zur ewigen Jugend. Kein einfaches Los, mit dem Norah Jones umgehen muss. 18 Jahre sind vergangen, seit sie mit „Come Away With Me“ über Nacht zum Weltstar aufstieg. Country, Jazz, Blues, Pop, Folk, ja, sogar etwas Soul befand sich auf dem Album und machte althergebrachte, hemdsärmelige Musik mit Fertigkeit und Qualität auch für ein jüngeres Publikum zugänglich. Mittlerweile steht mit „Pick Me Up Off The Floor“ ihr achtes Studioalbum in den Läden. Jones zählt mittlerweile 41 Lenze, die Jahre sind optisch als auch musikalisch spurlos an ihr vorübergegangen. Wo andere Granden aus dem Musikbusiness oder in Hollywood mit allerlei Hexerei auf Biegen und Brechen versuchen ewige Jugend zu erzwingen, fällt diese Jones einfach so zu, ohne dass sie sich dafür sonderlich bemühen muss. Auch die früher so verhassten sozialen Medien weiß sie seit der Corona-Pandemie geschickt zu nutzen. Mindestens einmal pro Woche setzt sie sich hin und spielt ihren Fans Songs vor, manchmal dürfen das auch unerwartete Cover von John Prine oder Guns N‘ Roses sein.

Abrücken von Normen
Jones muss zu keiner Sekunde vortäuschen, ihr stetig wachsendes junges Publikum mit Coolness für sich zu überzeugen. Ihre ganz persönliche Hexerei besteht nur aus ihrer Stimme, dem sanften Piano und ihrem untrüglichen Gespür für verletzliches, aber doch immer hoffnungsfrohes Songwriting. „Begin Again“ nannte sie ihr letztes Album im Vorjahr. Es war nicht einmal eine halbe Stunde lang und experimentierte mit Pop und Postmoderne. Jeff Tweedy schaute im Studio vor und Jones wollte möglichst eklektisch klingen. Fürwahr, die Jazz-Markierung war in ihrem Fall schon immer etwas wagemutig gezogen. Natürlich dient er als Fundament, natürlich veröffentlicht sie ihre Musik auf dem famosen Blue-Note-Label, natürlich ist sie immer noch die Tochter von Ravi Shankar. Auf „Begin Again“ rückte Jones doch etwas stark von ihrer Formel ab. Dabei ist ihr das Abrücken von Normen stets wichtig. Nicht umsonst hat sie mit Green-Day-Frontmann Billy Joe Armstrong den geliebten Everly Brothers gehuldigt oder sich mit Puss n Boots eine Alternative-Country-Band gegönnt.

Nun also die Rückkehr in den eigenen Stall. Nach knapp zwei Jahrzehnten im Musikbusiness hat Jones die Mechanismen des Songwritings längst verinnerlicht. Sie weiß, dass man im Leben nicht nur tanzen kann, sondern auch Trauer und Wut zu verarbeiten hat. Sie weiß, dass ein Spannungsbogen das Um und Auf ist und sie weiß längst auch, dass man durch kompositorische Reduktion oft ein mehr an Stärke und Aufmerksamkeit lukrieren kann. Improvisationen oder Innovationen sucht man am neuen Album vergeblich. Die Wahl-New-Yorkerin konzentriert sich auf ihre Stärken und auf das Wesentliche. Knackige Songs, eindringliche Botschaften, memorable Melodien. Überhaupt New York. Die Heimat. Der Big Apple. Die stolze Weltstadt. In die Knie gezwungen von der Corona-Pandemie und den Black-Lives-Matter-Protesten. Keine einfache Umgebung für eine zweifache Mutter, aber auch eine fruchtbare. Über das Leben und Dasein als solches sinnieren, das hat auch Jones in den Quarantäne-Monaten genutzt.

Nuanciert und entspannt
Dabei ist „Pick Me Up Off The Floor“ nicht mehr als ein glücklicher Zufall. Jones fand noch immer Songs oder Songfragmente aus den losen Songwritingsessions mit Tweedy und anderen. So flott und eklektisch wie auf „Begin Again“ waren die Nummern hier aber nicht mehr, weshalb dieses Album einerseits zwar düster und melancholisch, andererseits aber auch homogen und kongruent zusammengestoppelt wirkt. Die Charts hat sie längst nicht mehr im Blick, auch sämtliche Businesstrends ziehen unbemerkt an Jones vorbei. Die elf Songs (exkl. der zwei Bonus-Tracks auf der Deluxe-Version) sind nuanciert, aber auch entspannt. Schon der Opener „How I Weep“ lässt Jones ihrer Komposition Platz für Trauer und Selbstreflektion. Das Auf und Ab des täglichen Lebens wollte sie auf diesem Werk abbilden. Ungeschönt, aber auch nicht negativ. Nicht jeder Song, der mit Titel wie „Heartbroken, Day After“ oder „Hurts To Be Alone“ niederschmetternd klingt, ist es auch.

Die Hoffnung ist ein wichtiges Mahnmal im Jones’schen Kosmos. Etwa zur Albummitte, wo sie mit „This Life“, „To Live“ und „I’m Alive“ dreimal dem Leben an sich huldigt und etwaige Gedanken der Niedergeschlagenheit mit sanftem Timbre abschüttelt. Überhaupt diese Stimme. Sie weiß genau, wann sie wie klingt. Jones kann den Mainstream, sie kann croonern, sie kann warmblütig und eiskalt sein. Sie kann wegstoßen und umfassen. Sie kann betören und entzaubern. All diese Facetten spielt sie auf „Pick Me Up Off The Floor“ mit beeindruckender Lässigkeit aus. Manchmal streichen die Geigen hauchzart („Were You Watching“), in anderen Momenten wagt sie den Schritt in eine Whisky-getränkte Blues-Blase („To Live“), immer aber bleibt sie sich uns ihrer eigenen Vielseitigkeit treu. Persönliches und halbfiktives halten sich wieder die Waage. Die in frühen Interviews angedeutete Polit-Kante gegen die gegenwärtigen Strömungen in den USA muss man hingegen genau suchen - als ein solches Manifest ist das Album schlussendlich wohl nicht zu deuten.

Neues Seelenheil
Überhaupt die Texte. Nicht alle sind sie autobiografisch mit der Künstlerin zu konnotieren. Jones fand ihr Seelenheil unlängst im Gedichteschreiben, angefeuert von einer guten Freundin, die selbiges schon länger praktiziert. Viele dieser Gedichte oder Textfetzen haben sich schlussendlich auf „Pick Me Up Off The Floor“ verfangen. Zudem ist quasi jeder Song mit einem anderen Team an Instrumentalisten entstanden, was die Platte dann eben doch wieder eklektisch macht - wenn in diesem Fall auch nur hintergründig. Wenn sich Cello und Geigen zum Höhepunkt duellieren und das Piano sanft über die Stimme von Jones streicht, dann fühlt man sich so geborgen und sicher wie derzeit sonst kaum wo auf der Welt. Diese menschliche Wärme suggeriert uns die 41-Jährige noch immer so akkurat wie niemand anders. Hier ist das Amerika wieder aufgeräumt und friedlich. Dank der juvenilen Interpretin, die einmal mehr die Gesamtklasse über bloße Schönheit stellt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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