20.05.2020 06:00 |

Album „From A To Be“

Elena Shirin: „Veränderung ist etwas Natürliches“

Elena Shirin stammt aus Österreich, ist aber eigentlich eine Weltenbürgerin im besten Sinne. Sie hat bereits geraume musikalische Erfahrung, veröffentlichte aber erst dieser Tage ihr Debüt „From A To Be“, das Soul, Jazz, Pop und Elektronik artifiziell und spannend verwebt. Wir erreichen sie über Umwege in Nordkalifornien, wo sie uns nicht nur das Album, sondern auch ihre bisherige Karriere genau erklärt.

„Krone“: Hallo Elena, befindest du dich gerade in Los Angeles? Lebst du dort bzw. bist du dorthin gezogen?
Elena Shirin:
Ha! Na so circa das Gegenteil von L.A. - ich lebe derzeit mit meinem Partner (Saxofonist der US-Band Moon Hooch) sehr off-grid im Wohnwagen in der wunderschönen Pampa in Nordkalifornien. Hier bauen wir gerade unser zukünftiges mobiles Studio (Foto- und Musikstudio) in den Hinterteil eines LKW und sind umgeben von Pumas, Klapperschlangen, Kolibris und einer Landschaft, die sehr an Portugal erinnert. Vor der Krise waren wir die ganze Zeit auf Tour und haben in unserer freien Zeit ein Nomadenleben irgendwo zwischen New York City, Providence, Nashville und San Francisco geführt. Ich werde, sobald es mir möglich ist, nach Österreich fliegen, um meine Familie und Freunde zu sehen. Wann das möglich sein wird und wie es danach weiter geht ist noch ungewiss.

Wie kriegst du die Coronakrise derzeit am eigenen Leib mit? Wie ist die Stimmung und was fängst du derzeit mit deiner Zeit an?
Es ist keine einfache Zeit. So nah auf engem Raum alleine, zu zweit oder zu mehrt, ohne andere Menschen zu treffen oder die Freiheit zu haben, etwas zu unternehmen, kann viel hochbringen. Wir können aus den Herausforderungen dieser Situation viel lernen. Self Care, Self Commitment, gesunde Ernährung und Konfrontation eigener mentaler Patterns stehen dabei bei uns gerade auf der Tageskarte. Neben der vielen Online-Arbeit, die wir beide betreiben, arbeiten wir viel im Garten und an unserem Studio und probieren, uns so viel Platz wie möglich zu geben. Wir haben in dieser Zeit jetzt echt die Möglichkeit eigenen Visionen Raum zu verschaffen. Das zu realisieren, was man vielleicht schon seit Jahren aufschiebt und einem sehr am Herzen liegt. Und sei das seinen Handstand zu perfektionieren, ein Projekt umzusetzen oder einfach eine einfache Aktivität in seine tägliche Routine zu integrieren. Jeden Tag mit diesen kleinen oder größeren Zielen vor Augen schlafen zu gehen und wirklich Zeit zu haben, diese umzusetzen, gibt mir gerade wahnsinnig viel. Das soll nicht heißen, dass der Prozess immer leicht ist.

Erzähl mir doch ein bisschen was über deine musikalische Sozialisation. Wie kam es dazu, dass du Musikerin wurdest, wo und wie hast du begonnen, welche Instrumente spielst du...
Ich wollte nie Sängerin werden. Ursprünglich komme ich aus der Bildenden Kunst. Die Angewandte war sozusagen mein Kindergarten und Fotostudios mein zweites Zuhause. Von klein auf habe ich den Beruf meiner Mama (damals selbstständige Fotografin) sehr nah miterlebt. Was dahinter steckt selbstständig zu sein, wie Projektarbeit abläuft und wie das Arbeitsklima eines erfolgreichen wie auch anstrengenden Shootings aussehen kann. Dadurch habe ich die Zurschaustellung von Kunst immer an der Wand hängend erlebt und habe es wahnsinnig sinnvoll gefunden, dass das Bild für sich selbst steht. Ich habe als Kind zwar leidenschaftlich gern viel gesungen und getanzt, aber immer nur für mich und aus Spaß. Zum siebenten Geburtstag habe ich dann ohne Vorwarnung ein Keyboard geschenkt bekommen, worauf hin ich erstmal ein Jahr ohne Unterricht und nur nach Gehör das Wesen des Klaviers erforscht habe. Diese weißen und schwarzen Tasten, wie die klingen und was das für Abstände sind… ganz primitiv und direkt. In dieser Zeit habe ich angefangen mir Lieder rauszuhören und nachzuspielen, fing an, stundenlang zu improvisieren, entwickelte unter anderem mein eigenes Notationssystem, damit ich entstandene Harmonien und Melodien manifestieren konnte. Und als dann der klassische Unterricht startete, begann der Kampf. Ich hatte so eine Aversion gegen das übliche Noten-lesen. 

Mit zwölf Jahren hatte ich ein einschneidendes Erlebnis in meiner Familie. Seit dem wachsen mir weiße Haare, habe ich luzide Träume und fing intuitiv an, Songs zu schreiben. Zu Beginn waren es eigentlich Gedichte, in denen ich mir selbst Erinnerungen schrieb, wer ich sein möchte, was ich nicht verkörpern mochte und was ich in dem Prozess der Traumaverarbeitung damals erlebt und beobachtet habe. Dass ich mir damals durch das Schreiben eine dicke Ladung Selbsttherapie verpasst habe, war mir damals natürlich nicht bewusst. Mit der Zeit fing ich dann an Melodie und Rhythmus hinter den geschriebenen Zeilen zu hören und dann führte eines zum nächsten. Die Bandprojekte, Jam-Sessions mit Freunden und Kollaborationen wurden dann während meiner Fotografie-Ausbildung an der Graphischen in Wien immer mehr. Mit 16 hatte ich dann mein erstes Airplay auf FM4 und ab da war dann klar, dass ich Rockstar werde und die Schule schmeiße (lacht). Das war eine arge Zeit. Nach der Matura fing ich dann mit Aramboa (damals Black Lotus Experiment) an zu arbeiten und erst seit drei Jahren sehe ich Musik wirklich als meine Priorität und Arbeit an.

„From A To Be“ hats du jetzt dein Debütalbum getauft. Daran hast du ja sehr lange geschraubt. Hast du wirklich Songs aus einer Zeitspanne von zehn Jahren darauf versammelt und waren dir Aktualität und Dringlichkeit nicht so wichtig?
Ja, „Cleaned Up Inneryard“ habe ich mit zwölf geschrieben. „Where Is Our Union?“ entstand letztes Jahr im Sommer. Oh wenn du wüsstest… ich bin die ganze Zeit auf brennenden Kohlen gesessen. Es war nur neben meinen 100 Projekten, dem Studium auf der Bruckner-Uni und Aramboa einfach keine Zeit und kein Platz dafür. Ich habe lange gebraucht, bis ich mein Soloprojekt als Priorität wahrgenommen habe und habe es bis dahin eher immer in den Beifahrersitz geschmissen. Dann, Anfang 2019, fing ich damit an, jeden Tag aktiv daran zu arbeiten und jetzt stehe ich da, mit zehn Jahren meiner Musik, die nun glücklicherweise über meine Festplatten hinaus existieren. An dieser Stelle möchte ich gerne meinem Partner Wenzl McGowen für den Arschtritt danken!

Du bist ja eine Künstlerin im weitesten Sinne oder? Musik ist nicht die einzige Ausdrucksform in der Kunst, in der du dich wohlfühlst…
Wie schon erwähnt, bin ich mit einer selbstständigen Fotografin als Mutter aufgewachsen, habe mit 18 Jahren dann selbst ein Diplom in Fotografie abgeschlossen und während der Ausbildung bei jeder Gelegenheit meinen auditiven und visuellen Ausdruck in Verbindung gesetzt. „Visualizing Sound“ hieß dann mein Diplomprojekt, in dem wir das „Villa 11 Rooms“ von Toju Kae in elf Tracks und elf visuelle Räume übersetzt haben. Das war mein erstes größeres audiovisuelles Projekt, womit Raphael Friedlmayer und ich u.a. zum besten Diplomprojekt des Jahrgangs ausgezeichnet wurden. Danach ging es dann so richtig los mit stundenlangem Konzepteschreiben für Projekte, die Sound mit Architektur, Virtual Reality, Geschichte und Performance verbinden. 2017 begann ich an der Anton-Bruckner-Uni in Linz Medienkomposition und Computermusik zu studieren und fing an mit Programmen wie MAXMSP, Processing, und Ableton zu arbeiten. In dieser Zeit entstand „Planetary Oscillation“, ein Projekt in dem ich den Bewegungsapparat und unser Sonnensystem durch eine mathematische Sprache in eine Surround-Sound-Installation übersetzt habe. Diese habe ich mit Tänzerin/Choreografin Victoria Primus in eine Live-Performance ausgearbeitet, in der durch Tanz, Licht und Projektion ins All eingeladen wird.

Das Album hat eine unglaubliche Vielseitigkeit. Electro-Beats, Bedroom-Pop, R&B, Jazz, Soul - irgendwie ist da alles vorhanden. Hattest du Angst, du könntest dich ob der Vielseitigkeit etwas verzetteln?
Als sich die Auswahl der Songs herauskristallisierte, hatte ich schon Bedenken wie sich das alles stilistisch ausgehen soll, ohne auseinanderzufallen. Die Vielseitigkeit hat sich dann aber im Prozess als Qualität und nicht als Hürde des Albums erwiesen. In zehn Jahren durchlebt man viele Phasen, probiert sich aus. Allerdings werde ich mit meiner Zukunftsmusik an Songs wie „Implode’xplode“, „Landescapes“ und „Where Is Our Union?“ andocken. In denen fühle ich mich sehr wohl.

Stimmt es, dass du die Songs quer über den Globus geschrieben hast? Welchen Stellenwert hat für dich das Reisen und inwiefern inspiriert es dich zu deiner Musik?
Ja. In Wien, Linz, Lissabon, der Algarve, New York City, Nashville und San Francisco. Und in den ganzen Flügen und Zugfahrten dazwischen. Ich bin in 22 Lebensjahren 17 mal umgezogen. Da kann man wahrscheinlich nachvollziehen, dass stetig verändernde Umgebung, Spontanität und Anpassungsvermögen bei mir von Anfang an dazugehörte und einfach gelebt wurde. Dieser Aspekt meines Lebens hat mich in meinem Denken, wie auch im Umgang mit meiner Umwelt sicher sehr geprägt. Meine erste Backpacking-Reise habe ich mit zehn durch Griechenland erlebt und bin meiner Mutter sehr dankbar dafür, dass sie mir Veränderung als etwas Natürliches und Sicherheit als eine innere Einstellung vorgestellt hat. Dadurch, dass Reisen so ein starker Teil von mir geworden ist und immer schon war, ist es auf jeden Fall eine Inspirationsquelle für mich. Das drückt sich unter anderem in der Musik, wie aber auch in meiner Lebenseinstellung, Wahrnehmung und meinen Werten aus. 

Reisen wird in näherer und schlimmstenfalls auch ferner Zukunft ziemlich schwierig. Fürchtest du, dass diese Alltagsveränderungen auch dein Kreativverhalten verändern werden?
Beeinflusst werde ich sicher, wie wir alle, es ist nur die Frage, ob man sich davon abhängig machen möchte. Das ist etwas, das ich durch das Fertigstellen dieses Albums gelernt habe. Der Wiener Produzent/Musiker David Furrer und ich haben 80 Prozent der Zeit, in der wir an dem Mix des Albums gearbeitet haben, mit neun Stunden Zeitunterschied, meist schlechter Internetverbindung und tausenden Telefonunterbrechungen, umgehen müssen. Und das, während ich im vollen Tourbus der Band meines Partners, mit nichtexistierender Beinfreiheit, Lärm und Zeitdruck gesessen bin. Und trotzdem haben wir es geschafft, zeitgerecht fertig zu werden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Das habe ich in den letzten zwei Jahren echt verstanden. 

Man reist ja schlussendlich auch im Kopf. Wie funktioniert Songschreiben bei dir? Kommen dir Ideen einfach so zugeflogen, musst du das aktiv forcieren?
Fast alle Songs, die ich zwischen zwölf und 17 Jahren geschrieben habe, sind im Kaffeehaus entstanden. Im „Kafka“ in Wien, meinem zweiten Wohnzimmer. Es wurde zum Ritual, dass ich ins „Kafka“ gehe um zu schreiben oder manchmal auch nur um mit Espresso zu trinken und Leute zu beobachten und mich dadurch in eine Art Meditationszustand zu versetzen, in dem sich mein Kopf und Herz mit einander verbinden. Ich vermisse die Kaffehaus-Romantik momentan sehr. Der Song beginnt fast immer mit dem Text. Mit einer Zeile, die durch Realisationsprozesse, einer Erfahrung oder gegebene Umstände in mir hochkommt. Diese Zeile schreibe ich nie um, weil sie die Essenz der Intension des Songs widerspiegelt. Um diese Zeile baue ich dann herum. Nach den ersten vier Zeilen höre ich meistens schon eine Melodie. Meistens nehme ich diese sofort auf, weil auch da meist der erste Impuls der authentischste ist. Damit gehe ich dann nachhause und bilde das musikalische Bett für den Song. Das ist lange immer nur durch das Klavier passiert, es kann aber mittlerweile auch sein, dass ich zuerst den Rhythmus einspiele und mich dann erst der Harmonie widme. 

Ich habe gelernt auf Knopfdruck Musik zu schreiben. Weil es ab einem gewissen Zeitpunkt notwendig ist, wenn man Musik echt zu seiner Profession macht. Das war und ich nach wie vor manchmal schwer, weil die Musik immer dann aus mir herausgekommen ist, wenn ich alles loslasse. Wenn mein Herz und Hirn in Kohärenz treten. Ein Zustand, den man auch durch Meditation, Laufen gehen oder Drogen nehmen erreicht. Einfach mit allem in sich und um sich selbst präsent zu sein. Und diesen Zustand kann man bewusst abrufen! Nur eine Frage von Übung, Glaube und Selbstvertrauen. Und ich glaube diese Eigenschaft wird früher oder später in jedem kreativen Beruf von einem verlangt. Den sogenannten Flow-Zustand bewusst zu kreieren, egal wie es einem gerade geht oder was die Umstände sind. Man lernt sich dadurch nicht nur wahnsinnig gut kennen, sondern realisiert auch, dass man gerade nicht nur Hard- und Software seines eigenen Computers kennenlernt, sondern die ganzen Apps, Short Cuts und Systemüberlastungen auch selber programmiert. Identität wurde lange als etwas Statisches, Unveränderbares angesehen, weil man sich wahrscheinlich meistens dann darauf beruft, wenn man gerade nicht bereit ist, eine gewohnte Perspektive, Einstellung oder einen Gedanken loszulassen. Dabei ist Identität etwas, dass so wahnsinnig beweglich ist. Und zwar am allermeisten durch unsere eigene Hand unseren täglichen Entscheidungen. Und da wird das Leben dann richtig spritzig.

Stimmt es, dass du auch die Band Oehl mitbegründet hast? Die erfreut sich ja auch steigender Beliebtheit… Wie wichtig war etwa ein solcher Schritt für deine eigenen künstlerische Emanzipation?
Ja, ganz am Anfang. Es ist so schön, dem Projekt beim Wachsen zu zusehen. Unsere gemeinsame Zeit hat mich sehr inspiriert und hat mir vor allem gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, deutsche Musik zu machen, die nicht nur nach „kchkchschktrkschkschchchchchtrzch“ klingt, sondern musikalisch wie auch textlich auf wahnsinnig schöne Weise in die Tiefe gehen kann. Mir gefällt sehr wenig deutsche Musik, aber Oehl gehört da auf jeden Fall dazu. 

Was ist denn der wichtigste Grundkorpus für dich bei einem Song. Jetzt trotz all deiner Vielseitigkeit? Was macht einen Song wirklich gut und was muss für dich immer vorhanden sein?
Ein authentisches Gefühl. Wenn es vom Musiker oder Sänger nicht gefühlt wird, wie soll es dann von Zuhörern gefühlt werden können? Ich habe durch die Uni in Linz sehr viele ausgecheckte Musiker kennengelernt und eine Phase gehabt, in der ich glaubte, Komplexität und die Menge der gespielten Noten wären wichtig. Das habe ich dann relativ schnell wieder losgelassen als ich verstanden habe, dass sich dieser Zugang leider wahnsinnig oft aus Ego-Boost und Unsicherheit ableitet. Natürlich bin ich beeindruckt, wenn jemand die Technik richtig draufhat. Noch beeindruckender finde ich aber, wenn das Spielen von nur einem Ton oder das Spielen von langen Pausen eine ganze Palette von Emotionen Geschichten oder Orten versinnbildlichen kann. Man macht sich durch die Technik frei und erweitert das Vokabular. Jedoch ist der große Wortschatz nicht der Grund warum du ein Buch schreibst, oder?

Du sprichst viel davon, dass du gelernt hast einen femininen Zugang zur Musik zu finden. Wie darf man das denn verstehen, was meinst du damit genau?
Was ich damit meine ist, in meine feminine Power zu gehen und mich nicht die ganze Zeit an Arbeitspartnern des anderen Geschlechts anzupassen. Ich liebe es mit Männern wie auch Frauen zusammenzuarbeiten. Es war für mich einfach ein riesiger Türöffner, als ich nach Jahren, in denen ich nur mit Männern zusammengearbeitet habe, zum ersten Mal mit der portugiesischen Bassistin Penthy Roussies für das Album zusammengearbeitet habe. Ich hatte eine Vision und noch bevor ich sie ihr erklären wollte, hatte sie schon genau das gespürt und gespielt. Danach folgten weitere Kollaborationen mit Frauen, mit denen sich das Phänomen wiederholt hat. Natürlich gibt es das auch mit Männern, aber es ist einfach was Anderes, gewisse Dinge mit dem gleichen Geschlecht zu teilen. Ich glaube wir kennen das alle.

Unterscheidet sich die Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau für dich? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich aus diesen unterschiedlichen Situationen?
Musik ist intim und es ist dann manchmal sehr angenehm, wenn da in der Zusammenarbeit nicht immer Blutverschiebungen im Gegenüber stattfinden. Zur Musik gibt es so viele verschiedene Zugänge. Manche ganz mathematisch und rational. Andere sehr intuitiv und gefühlig. Ich bin eher das Zweitere. Und aus meiner Erfahrung haben Frauen ein wahnsinnig feines Verständnis dafür, diese Intuition fließen zu lassen. Männer sind dann oft sehr gut im Formen und Strukturieren des Songs oder fügen noch die fehlenden Komponenten hinzu. Aber das ist alles andere als eine Faustregel. Jeder hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen, femininen und maskulinen Anteile. Ich spreche da einfach aus meiner persönlichen Erfahrung. Es wäre wahnsinnig spannend, eine Studie über musikalische Intuition mit Frauen und Männern zu machen.

Ist dir diese Unfassbarkeit, die dir anhand der Variabilität anheim liegt, wichtig? Willst du bewusst schwer zu kategorisieren und einzuordnen sein?
Gar nicht. Dass das Album so bunt ist, spiegelt einfach nur meine musikalische Reise der letzten zehn Jahre wider. Dabei habe ich mir stilistisch offensichtlich keine Grenzen gesetzt, weil ich wusste, dass mich viele Musiken sehr ansprechen und es eine Reise sein wird, meine eigene Sprache zu definieren. „From A To Be“ hat mich also in einen musikalischen Hafen gebracht.

Was sind deine größten Idole, die dich zu deiner Musik brachten? Woraus schöpfst du die meisten Inspirationen?
Hiatus Kaiyote, Hindi Zahra, Erykah Badu, Lhasa de Sela, Radiohead, Burial, Bonobo, Massive Attack, Joy Crookes, Lauryn Hill, Thievery Cooperation. Und nicht zu vergessen meine Rihanna-Phase (lacht).

Auch deine Stimme erinnert an so manche Größe. Vor allem in intensiven Songs wie dem von Piano getragenen „Red Dress“, einer meiner größten Favoriten. Orientierst du dich da auch bewusst an jemanden bzw. hast du deine Stimme in die Richtung ausgebildet?
Der Song ist tatsächlich der oben genannten Hindi Zahra gewidmet… ich habe sie live im WUK gesehen und sie hat mit ihrem roten Kleid so eine Magie abgezogen, die mich so wahnsinnig inspiriert hat, dass ich nach dem Konzert all den deftigen Liebeskummer, den ich davor hatte, über den Haufen schmeißen konnte und wieder meine Kraft gefunden habe. Ich versuche nie wie jemand anderer zu klingen. Natürlich bin ich durch andere SängerInnen und MusikerInnen inspiriert, aber daran denke ich nicht, wenn ich einen Song schreibe oder singe. Ich war in der Volksschule im Chor und hatte dann während meinem Matura-Jahr circa fünf einzelne Gesangstunden. In der Uni habe ich auch einige Tools und Übungen aufgeschnappt, die dann speziell beim vielen Livespielen sehr nützlich wurden. Immer wenn ich jetzt eine Hürde spüre, recherchiere ich darüber, tausche mich mit KollegInnen aus, oder hole mir auf irgendeinem Wege Input, um mich in der Bewältigung dessen zu stützen. 

Ich habe das Gefühl, dass du in deinen Songs auch immer ein bisschen das Gute im Dasein aufdecken willst. Hast du ein Ziel, wenn du Songs schreibst? Willst du den Hörern etwas Bestimmtes vermitteln?
Meistens schreibe ich aus meiner persönlichen Erfahrung, in der ich mich selbst daran erinnern möchte, was mir wichtig ist, wer ich sein will und in was ich meine Energie und Aufmerksamkeit investieren möchte und in was nicht. Dies sind manchmal sehr allgemeine Mantras wie zB. „Do not implode, let it all out. If you wanna explode, take your time out. Be loud, doesn’t mean to scream, but be present in your thing…“ oder „The mind is an animal, its so afraid of letting go. It feels like I am breaking into my own zoo, freeing my thoughts from cages I never chose to build…“ - da ist viel Platz, für die momentane Lebenssituation oder Imagination des Zuhörers. In dem Moment schreibt sich ein Song fast nochmal neu, oder entwickelt sich in seiner Bedeutungskapazität. Diese Offenheit und das allgemeine formulieren sehr konkreter Erfahrungen ist auf jeden Fall ein Ziel beim Songwriting.

Ich will daran erinnern, dass wir Menschen wertvolles Potential haben. Und dass es manchmal nur einen Denkanstoß braucht, um in dieses Potential bewusst hineinzusteigen und sich zu trauen, sein „Red Dress“ anzuziehen und zu seinem inneren Feuer zu stehen. Ich möchte auch daran erinnern, dass wir nicht unsere Gedanken oder Emotionen sind. Wir sind das, was wir daraus machen. Genauso schreibe ich über Aspekte unserer Gesellschaft, die meiner Meinung nach gefördert gehören und Aspekte die ich scheiße finde. Wir sind sowas von bereit nach vorne zu gehen und die vielleicht noch unbefangenen Wege Schritt für Schritt gemeinsam zu wagen. Corona bringt auf jeden Fall eine nachhallende Veränderung in uns und um uns mit sich. Dabei ist es wichtig auf sich zu horchen, zu vertrauen und zu sich selbst und anderen lieb zu sein. Speziell in herausfordernden Zeiten wie diesen. 

Gibt es einen roten Faden, der sich durch das Album zieht? Eine Art Storyline, die die einzelnen Songs verbindet?
Das Album erzählt meine intimsten Erlebnisse, Entwicklungen und Beziehungen. Auf eine sehr viel abstraktere Art als ein Buch. Meine Stimme und das Klavier formen den musikalischen Faden entlang von Wegen, die einen sehr unterschiedlichen Boden haben. Manche steinig, manche glatt betoniert, manche ausgelegt mit einem weichen Teppich manche auf Stelzen über einen See gebaut. Und noch immer ist es ein Weg, der in einem Hieb begangen werden kann. Ein Weg, mit sehr viel Abwechslung in der Architektur und Landschaft. Eine 51-minütige Spritztour durch unsere inneren und äußeren Welten.

Hängt auch viel Erleichterung damit zusammen, dass die Songs nun das Licht der Welt erblicken und du sie mit der Öffentlichkeit teilen kannst?
Man stelle sich die Geburt nach einer vierjährigen Schwangerschaft mit Drillingen vor. Das kommt ganz gut hin.

„Holometabol“ ist der einzige Song, den du auf dem Album auf Deutsch eingesungen hast. Hatte das einen bestimmten Grund? Und warum überlebte dieser eine so?
Gute Frage. Wie gesagt, ich bin sehr kritisch mit deutschen Texten in der Musik und zwar am Meisten bei mir selbst. „Holometabol“ ist eine Hymne, die ich dem Wesen des Nachtfalters gewidmet habe und an der ich immer nur bei Nacht gearbeitet habe, da ich sie zu dieser Zeit immer angetroffen habe, um mich so weit wie möglich in das Wesen reinversetzen wollte. „Schwarz, gefüllte Ruhe. Gedämpftes Auge, gespitztes Gehör. Da kommt er, mit brummender Kadenz. Zelebrierendes Umkreisen, Mondscheinreisen…“ Der Entstehungsweg des Songs war so anders als mein üblicher Songwriting-Prozess, dass ich es wieder einmal gewagt habe Deutsch zu schreiben. Wenn meine Vision für einen Songtext sehr verspielt und abstrakt ist oder ich mit einem konzeptuellen Denken an die Sache gehe, hat die deutsche Sprache oft eine ganz andere Tiefe und eine herrliche Ironie, die es im Englischen so nicht gibt oder etwas ganz anderes vermittelt. Was ich an deutscher Poesie so wahnsinnig schön finde ist, dass permanent neue Wörter erfunden werden können, sodass sich dann zB. Sowas wie „Einzelgänger, Schwarmschwimmer, Fühlerfühler, Lichtjäger…“ ausgeht.

Wo fühlst du dich eigentlich daheim und wie würdest du Heimat definieren?
Darüber werde ich irgendwann ein Buch schreiben. Mein Körper, einen wertschätzenden und respektvollen Umgang in meinem Umfeld, persische Musik, natürlich Freunde und Familie, ein Klavier, wenn in einer Küche am Boden gelegen wird, das „Kafka“ und der Geruch von frischem Apfelstrudel.

Wie geht es bei dir jetzt unmittelbar weiter? Was hast du künstlerisch und persönlich nach dem Albumrelease in nächster Zeit so alles vor?
Ich werde in den nächsten Wochen einige Online-Konzerte auf meinem Instagram- und Facebook-Kanal teilen, davon wird gleich diesen Samstag, am 23. Mai, eine Live-Performance vom kalifornischen Radiosender „Hella Radio“ gestreamt. Weiteres wird es einen Beitrag von der österreichischen TV-Sendung „Feng Sushi“ über Background-Stories des Albums und meinem Leben im kalifornischen Dschungel geben. Jede Woche veröffentliche ich exklusive Songs, wie auch Meditationsmusik auf meiner Patreon-Seite, mache Coaching-Workshops via Skype und arbeite an unserem Mobile Studio. Ein Foto- und Musikstudio das wir i,n das Hinterteil eines LKW hineinbauen. Ich hoffe, ich kann sobald wie möglich nach Österreich fliegen, um meine Freunde und Familie zu sehen. Im Sommer war eigentlich meine Release,Tour in Europa geplant, die wird jetzt voraussichtlich im Herbst/Winter diesen Jahres stattfinden. Von dort aus schauen wir dann weiter.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Dienstag, 26. Mai 2020
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