27.04.2020 14:09 |

Interview

Die weißen Riesen vor dem Krankenhaus

Stefan Sagmeister, Design-Superstar mit Vorarlberger Wurzeln, lebt im von der Corona-Pandemie schwer gebeutelten New York. Im Interview erzählt er, wie sich das Leben im „Big Apple“ verändert hat.

Eigentlich hätte es nicht mehr lange dauern sollen, bis Stefan Sagmeister, der unter anderem für seine „Happy Show“ berühmt ist, in den Flieger steigt und nach Bregenz kommt. Doch nun ist alles anders. Auch in New York City, der Stadt, die eigentlich niemals schläft.

Wenn Sie in den Straßen von New York unterwegs sind: Wie macht sich die Corona-Krise am auffälligsten bemerkbar?

Ich bin nicht all zuviel unterwegs. Ich erledige meine Supermarkteinkäufe spätabends, wenn die meisten New Yorker mit Netflix beschäftigt sind, und fahre ab und zu - maskiert und behelmt - auf der Vespa durch leere Nachbarschaften. Vor dem Krankenhaus bei mir um die Ecke auf der 13. Straße stehen Kühlwagen-Sattelschlepper für die vielen Toten. Aber selbst diese weißen Riesen würden nicht weiter auffallen, wenn ich sie nicht schon aus den Medien her kennen würde.

Wie ist die Stimmung unter den Bewohnern der Stadt?

Die Stimmung unter meinen Freunden ist gut, aber wir sind ja auch alle gesund. New York war ja niemals eine gerechte Stadt, derzeit ist der Lebensqualitätsunterschied zwischen den Kranken, deren Helfern und uns Gesunden besonders extrem.

In Österreich gab es einen strikten Lockdown, nun werden erste Lockerungen spürbar. Wo stehen die USA, wo steht NYC?

In einigen Bundesstaaten gibt es schon leichte Lockerungen, New York State und New York City sind allerdings noch weit davon entfernt. Die USA haben den gravierenden Nachteil, dass die Bevölkerung - was alle Maßnahmen der Regierung angeht - sehr gespalten ist.

Unterschiedlichste Länder haben unterschiedlich auf die Corona-Pandemie reagiert. Wie schätzen Sie die Reaktion in den Staaten ein?

Schlecht. Ich war vor zweieinhalb Monaten noch zu Vorträgen auf den Philippinen, meine Temperatur wurde damals schon überall gemessen: im Hotel, im Restaurant, im Einkaufszentrum, beim Flughafen. In den USA wurde ich indes nicht ein einziges Mal gecheckt.

Donald Trump hat eine Kehrtwende hingelegt - ist er für Amerikaner immer noch glaubwürdig?

Er war davor nicht glaubwürdig, und er ist jetzt in der Krise - obwohl ich ernsthaft versucht habe, ihm bei den ersten Corona-Briefings ohne Vorurteile zuzuhören - leider nicht besser. Ich vermute, er kann nicht anders: Für ihn sind Lügen leichte Verschönerungen. Er selbst glaubt, dass seine Verwischungen Wahrheiten sind. Er hat sich bereits als Bauunternehmer so verhalten und wird sich nicht mehr ändern.

Was Präsident Trump macht, ist das eine - aber wie ordnen Sie das Verhalten des Bürgermeisters von New York City ein?

Der Bürgermeister Bill De Blasio ist kein wesentlicher Faktor in dieser eigenartigen Zeit, viel wichtiger ist der Governor von New York State, Andrew Cuomo, der sachlich, gut informiert und menschlich kommuniziert. Er ist sicherlich einer der effektivsten Politiker in den USA.

Das Gesundheitssystem in den Staaten ist nicht für alle da - macht die Corona-Krise das nun noch deutlicher?

Ja. Es ist durch Obamacare um einiges besser geworden, und es ist Trump bisher noch nicht gelungen, das alles wieder abzuschaffen. Aber der gesamte Gesundheitsbereich in den USA ist problematisch, weil viele der teilnehmenden Parteien auf Maximierung der Profite eingestellt sind. Die USA geben pro Kopf mehr Geld für die Gesundheit aus als europäische Staaten, liefern aber ein schlechteres System für die meisten Bürger.

Wie hat sich Ihr Arbeitsleben in den vergangenen Wochen verändert?

Im täglichen Ablauf sehr wenig: Ich bin durch meine Sabbaticals - ich nahm über mein gesamtes Berufsleben alle sieben Jahre ein Experimentierjahr, in dem ich Designs ausprobierte, für die während der normalen Studiozeit keine Zeit war - schon gut geübt darin, alleine und selbstmotiviert im Studio zu arbeiten.

Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise ein?

Ich habe im Sommer 2019 alle unsere kommerziellen Arbeiten auf die talentierten Schultern meiner Geschäftspartnerin Jessica Walsh übertragen und war dadurch schon viele Monate vor der Krise im Studio sehr schlank unterwegs. Die wirtschaftlichen Folgen für die Welt kann ich nicht einschätzen. Ich weiß nur, dass viele Experten, die es besser wissen müssten, zu sehr unterschiedlichen Schlüssen kommen.

Was können wir aus der Krise lernen oder gar mitnehmen?

Ich wage nicht zu hoffen, dass wir uns als Menschen grundsätzlich verändern werden. Eine Installation in unserer „Happy Show“ vor vielen Jahren hieß: Don‘t expect people to change. Ich selber mag aber einige Menschen in meinem Umfeld jetzt noch lieber.

Hat Ihnen die Krise etwas gezeigt, das Ihnen vorher nicht klar war?

Die meisten von uns haben gewusst, dass wir verwundbar sind. Die Krise hat das jetzt bewiesen.

Die Reisefreiheit soll - zumindest in Europa - stark eingeschränkt bleiben. Werden Sie davon betroffen sein?

Ja. Unsere geplante Ausstellung über Beauty im vorarlberg museum, die am 26. Juni in Bregenz eröffnet werden soll oder sollte, wackelt derzeit noch. Eine Ausstellung in Düsseldorf ist abgesagt, eine in Hamburg frühzeitig geschlossen worden. Meine Vorträge in aller Welt finden derzeit natürlich nicht statt oder wurden verschoben. Das sind aber alles - vor allem im Vergleich - wirklich sehr kleine Probleme!

Sie haben sich unter anderem intensiv mit dem Schönen, auch mit dem Glück beschäftigt. Gibt es etwas Positives an der Corona-Krise?

Wer die letzten Wochen in den eigenen vier Wänden verbracht hat, der kann sicherlich vom Einfluss von Schönheit - oder deren Abwesenheit - auf die eigene Seele berichten. Ich selber wurde ganz bestimmt von der sorgfältigen Gestaltung meiner Wohnung und - in meinem Fall noch wichtiger - meines Studios gestärkt, motiviert und beruhigt.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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