19.04.2020 06:00 |

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KW 16 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

Aborted - La Grande Mascarade EP
Manchmal hat man einfach Pech. Nach zehn Studioalben haben die belgischen Krachfetischisten sich für zwei brandneue Songs und einen bislang unveröffentlichten ins Studio gesperrt, um mit einer 3-Track-EP die anstehende US-Tour mit der britischen Kultband Napalm Death zu bewerben und dann killt das Coronavirus einfach mal das ganze Vorhaben. Frontmann Svencho und Co. haben trotzdem das Beste daraus gemacht und „La Grande Mascarade“ trotzdem veröffentlicht, weil ja ohnehin egal. Darauf befinden sich in nur etwas weniger als elf Minuten drei gewaltbereite Prügelorgien, die mit viehischer Präzision vorgetragen werden und vor allem durch das tighte Nähmaschinendrumming überzeugen. Jedenfalls ein guter Appetitmacher für die nächste Full-Length der Death/Grinder. Ohne Bewertung

Abysmal Dawn - Phylogenesis
Ganze sechs Jahre war es fast totenstill um das Krach-Quartett aus Los Angeles, das seinen technisch versierten und immens dichten Death Metal für gewöhnlich mit kruden Science-Fiction-Geschichten und politischen Andeutungen würzt. „Phylogenesis“ ist dabei nicht nur das Debüt auf ihrem neuen Label Season Of Mist, sondern wird auch keinen altgedienten Fan der Westküstenstaatler unbefriedigt zurücklassen. Die bedrohliche Dunkelheit des Vorgängers „Obsolescence“ haben Frontmann Charles Elliott und Co. zugunsten des knackigeren Songwritings wieder etwas in den Hintergrund gerückt. Der Nackenbrecher „A Speck In The Fabric Of Eternity“ und das treibende „Soul-Sick Nation“ stechen besonders hervor, ansonsten knüppelt sich die Band mit viel Groove und Spielfreude durch die Botanik, ohne aber wirklich für memorable Hits zu sorgen. 6,5/10 Kronen

The Black Dahlia Murder - Verminous
Bei manchen Bands muss man die Anlage nur für zwei Sekunden aufdrehen und man weiß unweigerlich, was gerade vor sich geht. The Black Dahlia Murder prügeln sich auf „Verminous“ durch ihr neuntes Album in mittlerweile 19 Bandjahren und haben spätestens mit dem Zweitwerk „Miasma“ (2005) eine Erfolgsformel gefunden, die nur mehr in feinsten Nuancen adaptiert wird. Brachiachler Melodic-Death-Metal mit harschen Thrash- und partiellen Black-Ausritten, der aber viel Wert auf Geschwindigkeit, Nachvollziehbarkeit und akkurate Gitarrenriffs legt. Ein weiteres technisches Bravourstück, das höchstprofessionell in Szene gesetzt wurde, aber dem bunten Treiben der Vergangenheit auch keine wirklich neuen Farben beifügen kann. In ihrer eigenen Welt bleiben Trevor Strnad und Co. mit Songs wie „The Wereworm’s Feast“ oder „How Very Dead“ aber unverändert souverän. 7/10 Kronen

Bulbul - Kodak Dream
Das Schöne an der österreichischen Musiklandschaft ist ja seine Eigenständigkeit. Während man sich in Deutschland bei all den Tawils, Giesingers und Bouranis schon einmal richtig arg verlaufen kann, haben Bands aus dem Alpenstaat meist eine unverkennbare, sehr schöne Klangfarbe. Das Wiener Trio Bulbul (ursprünglich aus Wels) gibt es schon mehr als 20 Jahre und dürfte im Nachbarland nur Avantgardepop-Liebhabern ein Begriff sein. Eine Schande, denn auch auf dem achten Studioalbum „Kodak Dream“ zeigen Raumschiff Engelmayr und Co. wieder bravourös, dass Mut nur gewinnen kann. Da kämpfen Stoner Rock und Glitter Pop ebenso miteinander wie Bilderbuch-Klangreferenzen in „Pumpgun Judy“ (wird wohl an Produzent Zebo Adam liegen) mit Spät-80er-Indie-Grunge auf „Orlac“. Verschroben, herausfordernd, geil. Kann man sich auf jeden Fall einmal gönnen. 8/10 Kronen

Daeth Daemon - The Skeleton Spectre EP
Die Popstars von morgen produzieren in den Schlafzimmern (Billie Eilish), wer im Extreme Metal etwas auf sich hält, der lässt sich von Natur und der eigenen Garage inspirieren. Dort nämlich, irgendwo in den dunkelkalten Gegenden im Salzburger Land haben sich vier Recken zum Projekt Daeth Daemon formiert und eifern offensichtlich klassischen US-Death-Metal-Legenden wie Morbid Angel oder Immolation nach. Dass dabei schüchtern Kapazunder von den Amadeus-Nominierten Our Survival Depends On Us oder der deutschen Black-Metal-Schmiede Negator hinterm Vorhang hervorlugen garantiert jedenfalls, dass man es nicht mit einer halbherzigen Geschichte zu tun hat. „The Skeleton Spectre“ ist ein kurzer, aber wundervoller Einstand, der definitiv Lust auf mehr macht. Ohne Bewertung

Danzig - Danzig Sings Elvis
„The Evil Elvis“ heiß Glenn Danzig ja schon immer. Der Gründervater und legendäre Frontmann der US-Horrorpunks Misfits hat in Interviews, noch bei seinem Look je einen Hehl daraus gemacht, dass Elvis der absolute Mittelpunkt seiner musikalischen Erziehung ist. Der mehr oder weniger liebevoll „Schinkengott“ genannte Kultmusiker hat in den letzten Jahren eher weniger durch Leistung, als durch Geblöke oder diverse Streitereien auf sich aufmerksam gemacht, aber mit „Danzig Sings Elivs“ hat er sich wohl endgültig seinen großen Traum erfüllt. So singt er sich nun also durch nicht weniger als 14 Songs wie „Love Me“, „When It Rains, It Really Pours“ oder „Always On My Mind“. Es schluchzt und schmachtet aus jeder Ecke und auch wenn sich Monsignore Danzig redlich bemüht, fehlt es einerseits völlig an einer eigenständigen Note und projiziert das Ganze durchwegs ein Gefühl eines Bingoabends im Seniorenheim. Nein danke, wieder setzen. 1/10 Kronen

Enter Shikari - Nothing Is True And Everything Is Possible
Die Briten von Enter Shikari waren schon immer eine Band, die eigentlich nicht zu fassen ist. Im Punk und DIY-Alternative verwurzelt begann man mit Post-Hardcore, integrierte zunehmend Elektronik und Pop und ist mittlerweile so selbst- und eigenständig wie es viele andere gerne sein würden. Frontmann Rou Reynolds ist mit seinem vielseitigen Gesang (Falsett, Rap, Growls) ein staunenswertes Absurdum für sich, doch auf „Nothing Is True And Everything Is Possible“ haben sich die überzeugten Klimaschützer und Weltenretter noch einmal selbst übertroffen. Hier überlagern sich 80er-Synthies und partielle Hardcore-Eruptionen. Geschmeidiger Pop mit Horrorzirkus-Klängen und eine krude Auffassung von technoid angehauchter Klassik, die sich auch mal gen Balkan-Sounds bewegt. Das Alles wird textlich tiefenphilosophisch und in fast schon obskur komischer Weltuntergangsstimmung vorgetragen. Entweder haben Enter Shikari nun den Verstand verloren, oder aber wirklich ihre eigene, nicht erreichbare Nische gefunden. 7,5/10 Kronen

EOB - Earth
Sein Radiohead-Gitarrenzwilling Jonny Greenwood ist bereits Oscar-nominiert, Ed O’Brien hat für sein Solodebüt etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. Unter dem Pseudonym EOB veröffentlicht er nun aber das alles umarmende, musikalisch unheimlich bunte Werk „Earth“ und beweist einmal mehr, dass man Radiohead-Mitgliedern eigentlich blind vertrauen kann. Als Gäste hat er selbstredlich die Cremé de la Cremé des Pop versammelt: u.a. Colin Greenwood, Adrian Utley von Portishead, Wilco-Drummer Glenn Kotche, Schlagzeugerlegende Omar Hakim oder Laura Marling. Musikalisch bewegt sich EOB auf den neun Tracks gerne in Überlänge und zeigt dabei aber null Abnutzungserscheinungen. Vom Glam-behafteten Opener „Shangri-La“ über das paralysierende Acht-Minuten-Meisterwerk „Brasil“ bis hin zum elektronisch aufgeladenen Finanzkrisen-Lehrstück „Banksters“ fügen sich die Experimente wunderbar zusammen und bleiben im träumerischen Indie-Segment. Ein galaktisch waberndes Stück sinnlicher Entspannung. 8,5/10 Kronen

David Foster - Eleven Words
Es gibt wahrlich wenig erfolgreichere Komponisten als den Kanadier David Foster. Bei 47 Nominierungen holte er sich 16 Mal den Grammy, seine Soundtracks für „Ghostbusters“ und „Footloose“ klingen noch heute in den Ohren und außerdem schrieb er Künstlern wie Céline Dion, Earth, Wind & Fire und Chicago Nummer-eins-Hits auf den Leib. Nicht zu vergessen Whitney Houstons Jahrhundertballade „I Will Always Love You“, die Foster produzierte. Nun war es ihm selbst nach Ruhe, wodurch er einfach seine elf Lieblings-Pianosongs einspielte und ihnen so simple wie aussagekräftige Titel á la „Everlasting“, „Love“, „Elegant“ oder „Romance“ verpasste. Der Verzicht auf Text und einer Bombastproduktion zur klaren Hervorkehrung schöner Melodien ist dem 70-jährigen Grandseigneur gut gelungen. Die klangliche Bescheidenheit überrascht aber. 7/10 Kronen

Mick Harvey - Waves Of Anzac/ The Journey
Zehn Jahre sind mittlerweile ins Land gezogen, seit sich zwei geniale Geister für (vorerst) immer trennten: Nick Cave und Mick Harvey. Mit den Bad Seeds schrieb er Musikgeschichte, doch künstlerische Divergenzen und der Wunsch nach mehr Familienleben durchschnitt das Band nach 36 Jahren. Harvey war freilich auch in allen möglichen anderen Konstellationen immer fleißig unterwegs. Solo, mit seiner Retro-Rock-Band The Wallbangers, als Produzent für andere Musiker oder eben auch in Form von Soundtracks. Nach mehr als zehn Jahren Pause hat er nun gleich zwei veredelt. „Waves Of Anzac“ ist eine Dokumentation von Kriv Stenders, die sich mit der Lebensgeschichte des australischen Schauspielers Sam Neill befasst, „The Journey“ ist eine von Harvey inszenierte, vierteilige Komposition, die sich für geflüchtete Kinder und Asylsuchende einsetzt, die sich in Australien in Offshore-Haft befinden. Dementsprechend orchestral, sentimental und melancholisch sind auch die fein arrangierten Songs ausgefallen. Ohne Bewertung

Sophie Hutchings - Scattered On The Wind
Es ist ein Treppenwitz der Musikhistorie, dass die Australiern Sophie Hutchings noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag besitzt. Ihr 2010er-Debütwerk „Becalmed“ wurde vom renommierten „Mojo“-Magazin zurecht zu den besten „Independent-Alben des Jahres“ gewählt, das 2015 veröffentlichte „White Light“ war dein ein wundervolles Solo-Pianoalbum. Nun also der Wechsel zum Branchenreisen Mercury und mit „Scattered On The Wind“ ein zartes, vom Piano und elfenhaften Chören getragenes Werk. Der perfekte Soundtrack für die stille Vögel- und Wolkenbeobachtung in der selbstauferlegten Virusisolation. Die an der australischen Küste aufgewachsene Künstlerin verbrachte viel Zeit nahe des Ozeans und kann dieses Lebensgefühl von unbekümmerter Freiheit hervorragend in ihre Songs projizieren. Fast schon transzendental wabern besonders starke Kompositionen wie „Orange Glow“ oder „Rain Of Feathers“ durch die Gehörgänge. Ein auditivies Fest der Imagination und Naturliebhaber. Vielleicht um eine Spur zu langatmig geraten. 8/10 Kronen

Incubus - Trust Fall (Side B) EP
30 Jahre sind es nächstes Jahr bereits, dass die kalifornischen Surferboys von Incubus ihre Millionen Fans begeistern. Die Schnellsten waren sie in den letzten Jahren ohnehin nicht mehr, aber kurz vor dem großen Jubiläum scheint sich im Camp von Brandon Boyd doch einiges zu tun. Für die heiß erwartete EP „Trust Fall (Side B)“ (die ganze fünf Jahre nach Side A erscheint…) hat man zumindest das eigene Label gegründet und sich von sämtlichen Majorzwängen freigeschaufelt. Im beschaulichen San Fernando Valley hat man sich ein neues Studio eingerichtet und den fünf sommerlichen, lockeren, gewohnt zwanglosen Tracks geschraubt, die ordentlich Lust auf die heißesten Tage des Jahres machen - hoffentlich auch in Gesellschaft. Die Ecken und Kanten sollten Incubus bis zum nächsten Studiowerk vielleicht wieder finden, ansonsten ist das ein mehr als kurzweiliges Vergnügen. Ohne Bewertung

Khemmis - Doomed Heavy MetalEP
In amerikanischen Doom-Gefilden haben sich Khemmis aus dem kühlen Colorado schon vor Jahren eine stattliche Fanbase aufgebaut. Nach der Unterschrift bei Nuclear Blast sollte es auch in Europa aufwärts gehen. Bevor es den Nachfolger zum famosen Studiorundling „Desolation“ (2018) gibt, hat sich das Gespann auf dieser EP ausgetobt. Eingeleitet wird mit einem famosen und überraschend melodiösen Cover des Ronnie-James-Dio-Evergreens „Rainbow In The Dark“, eine alte Single namens „Empty Throne“ erfährt eine Wiederbelebung, bevor noch Lloyd Chandlers „A Conversation With Death“ gecovert wird. Drei Live-Mitschnitte runden das feine, aber doch eher für Fans sinnvolle Zwischenpackage ab, das in einer an Neu-Releases nicht gerade herausragend üppigen Zeit aber durchaus seine Qualitäten hat. Herrlich tiefer Grabessound. Ohne Bewertung

Money Boy - Drip-O-Lympics
Dieser 1 globale Sportbewerb mit den fetten Ringen in To-Ky-O wurde für heuer fix gecancelt, aber gegen die „Drip-O-Lympics“ des ehrenwerten Boi kommen die Coronaviren nicht an. #scurr Den Wiener mit dem Hang zum special taste muss man ob seines Rap-Talents sowieso in 1 eigene Kategorie werten. Wenn man sich seinen Veröffentlichungsrhythmus heranzieht, ist Money Boy aka YSL Know Plug on fire wie 1 Waldbrand. #burr Nur 1 halbes Jahr nach „Geld Motivierte Muzik“ kann man sich nun das neue Teil coppen, das derbe Rhymes, fette Hooks und freshe Styles zu 1 ahnbaren Shoutout combined. Der Goon der Glo Up Dinero Gang ist in tighten Hits wie „Pringles“, „MVP“ oder „Kauf bei mir“ so icey wie 1 Arktisglacier und flext das Game unnachahmlich smooth. Fly wie 1 Adler überblickt der Boi stets die rote Linie, die sich durch Tracks wie „Scurr Scurr Erryday“ oder „Gucci Louis Prada“ zieht wie 1 Line Sugar. 1 Meisterwerk der Rudolfscrimer Tonkunst. #krahkrah 8/10 Boi-Kronen

Neon Neet - Persuasion EP
Wer sich noch an die erste Single „Extension“ erinnert, der wird auch noch die schwebende Melodie im Kopf haben, die von feinen Electrobeats umwoben wurde. Eine wunderbare Schwebebahnfahrt der Imagination, erschaffen von zwei Kreativköpfen aus dem zuletzt so gebeutelten Tirol. Die Nachfolgesingle „Loop You“ befasste sich ganz unaufgeregt und würdevoll mit dem pikanten Thema Suizid. Das malerische „Persuasion“ leitet auf der kurzen, aber mehr als feinen 4-Track-EP über zum abschließenden, fast Mantra-artigen „Unzip“. Inhaltlich wandelt der Protagonist vom Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung zurück zum inneren Frieden und Finden einer gewissen Ruhe. Ein klanglich modernes und inhaltlich zeitloses Ausrufezeichen, das sehr viel Lust auf mehr macht. Ohne Bewertung

Oranssi Pazuzu - Mestarin Kynsi
In den tief verschneiten finnischen Wäldern Tamperes, da müssen die Schwammerl noch giftiger als sonst sein oder liegt es etwa am Hochmoor oder den Nebelschwaden? Oranssi Pazuzu, Szeneinsidern schon seit einigen Alben ein Begriff, kreieren so etwas wie psychedelischen Black Metal, was tatsächlich irgendwie so klingt, als würde man monotone 70er-Prog-Rhythmen mit nordischer Schwarzwurzelei und Synthie-verhangenen Goblin-Melodien verbinden. Klingt verquer? Ist es, definitiv! Klingt anspruchsvoll? Yes, Sir! Klingt obskur und vor allem einzigartig? Si, Sénor! Das „gesangliche“ Gekeife kommt aus dem tiefen Untergrund, während Blastbeat-Stakkatos so unbeugsam in die Gehörgänge peitschen, wie die der beißende Herbstregen gegen das Fenster. Das mach nicht jedermanns Sache sein, klingt aber so frisch, anders und ungewohnt, dass es zumindest einen Versuch wert ist. Innovation ist schließlich ein rares Gut. 8/10 Kronen

Lido Pimienta - Miss Colombia
Lido Pimienta ist eine Künstlerin, die hierzulande noch viel zu unbekannt ist. Die gebürtige Kolumbianerin immigrierte früh in Kanada und hat von dort aus schon vor knapp zehn Jahren eine ständig steigende Pop-Karriere begründet. „La Papessa“ (2016) räumte gar den renommierten Polaris Music Prize ab und die Indigene, offen queer lebende Mutter einer Tochter denkt gar nicht daran, mit politischer Kritik an ihrer kolumbianischen Heimat hauszuhalten. „Miss Colombia“ ist ein gleichermaßen humanes wie auch gesellschaftliches Glanzstück, das sich zwischen Latinpop, Avantgarde, Electrobeats und R&B-Einsprengseln bewegt und dabei genug Eigenständigkeit aufweist, um nicht mit anderen Künstlern vermengt zu werden. Sie bleibt der spanischen Sprache treu und setzt Atmosphäre vor Hittauglichkeit. Die afrikanisch/indigenen Einflüsse fließen nicht zuletzt durch die zahlreichen A-Cappella-Tracks. 7/10 Kronen

Rina Sawayama - Sawayama
Wie spannend die moderne Popwelt sein kann, zeigen uns seit geraumer Zeit fast ausschließlich Frauen. In diese illustre Riege reiht sich nun auch problemlos und leichtfüßig die aus Japan stammende Britin Rina Sawayama. Sie revolutioniert Pop auf ihrem Debüt „Sawayama“ nämlich gleich mit größtmöglicher Anarchie und vermischt alle möglichen anderen Musikstile mit einer derartigen Selbstsicherheit rein, als hätte das nie anders gehört. So verquickt sie in ihrer ersten Single „STFU!“ Nu-Metal-Elemente (!), greift in „XS“ auf Hair Metal zurück, gleitet auf „Commes Des Garcones“ auf einer House-Welle, nur um dann bei den Rahmensongs auf elektronisch verstärkten R&B mit Mainstreampop-Appeal zu setzen. Die Tour im Vorprogramm von Charli XCX hat die 30-Jährige auch schon breitflächiger bekannt gemacht. Auf dem über viele Jahre ausgearbeiteten Debüt verarbeitet Sawayama ihre nicht immer einfache Lebensgeschichte und die Unterschiede ihrer asiatischen und europäischen „Lebenshälften“. In mehrfacher Hinsicht beeindruckend. 8,5/10 Kronen

Shabazz Palaces - The Don Of Diamond Dreams
Ishmael Butler ist ein besonderer Zeitgenosse. Dass er mit den Digable Planets den US-Rap der 80er mitprägte, hat man heute fast vergessen. Das musikalische Chamäleon gab seine Karriere schon völlig auf und pflegte lieber seine Mutter, bis sein Nachbar Tendai Maraire in sein Leben trat und die beiden 2009 Shabazz Palaces formten und damit als erster Rap-Act auf dem legendären Grunge-Label Sub Pop landeten. Dort veröffentlichen sie heute noch immer - und mit „The Don Of Diamond Dreams“ ein weiteres Kleinod abgedrehten Raps, das sich thematisch und musikalisch irgendwo fernab von Zeit und Raum bewegt und einmal mehr auf völlig eigenständigen Pfaden wandelt. Leichter zugänglicher als das „Quarzarz“-Albumdoppel von 2017, aber immer noch alternativ und avantgardistisch genug, um der nach einfachstem Wortgebelle heischenden Jugend die Augenbrauen hochzuziehen. Funk-Anleihen, Spoken-Word-Einlagen, Ambient-Wände, abgedrehte Basslinien und Vocoder-Effekte vollziehen hier ein ums andere Mal den Koitus. Ein Album, um in fremde Welten einzutauchen. 7/10 Kronen

Sonikku - Joyful Death
Sonikku heißt eigentlich Tony Donson und ist in erster Linie ein begeisterungsfähiger junger Mann. Sein Pseudonym entlehnte er sich der japanischen Version des Wortes „Sonic“, Madonna war in der Kindheit seine größte Göttin und das DJing hat er mit den ersten Milchflascherl mitbekommen. Unterschiedlichste Praktika in der Musikbranche und Auftritte als DJ in LGBTQ-Clubs folgen, bis sich seine Bekanntschaften, sein konstantes Üben und seine sympathische Art anderen gegenüber auch wirklich auszahlt. „Joyful Death“ ist das Ergebnis eines völlig in 80er-Pop verliebten Soundfreaks, der sich die besten Melodien dieser Dekade mit den Aufnahmemöglichkeiten der Gegenwart gewahr machte und zudem noch Namen wie Douglas Dare, LIZ oder Chester Lockhart als stimmstarke Gäste gewinnen konnte. Eine wundervoll beat-lastige, stets in hohem Disco-Tempo pumpende Retro-Italo-Disco-Platte, die aber natürlich null neuen Anstrich in die Musikwelt bringt. Will sie aber auch nicht und diese Ehrlichkeit muss man schon per se schätzen. 7/10 Kronen

Elsa Tootsie And The Mini Band - II
Das Ehepaar Altziebler, hierzulande besser bekannt als Son Of The Velvet Rat, hat sich schon vor Jahren dazu entschlossen, ihren Americana-Sound dort zu schmieden, wo sein Ursprung liegt - in Joshua Tree. Elsa Tootsie And The Mini Band, dieses Dreigestirn weitreichender Kreativität, reicht auch der derzeit leergefegte Großstadtmoloch Wien, um sich klanglich in die Wüste zu spielen. Folk und Americana leuchten am Deutlichsten hervor, auch gespenstisch-atmosphärisch darf es klingen (wie etwa im viertelstündigen Prachtstück „Block 79“) und natürlich ist es die meiste Zeit balladesk. Aber Balladen in Form lederjackenbehangener Coolness und nicht etwa cheesy Songmaterial. Ein bisschen David Lynch geht eben immer - stilecht veröffentlicht am Liebhaberlabel Pumpkin Records. 8/10 Kronen

We Blame The Empire - Aero
Man fragt sich schon unweigerlich, wie man so jung und dem altehrwürdigen, traditionellen Metalcore so verfallen sein kann wie die Oberösterreicher von We Blame The Empire. Das Dreigespann hat sich auf seinem Zweitling „Aero“ aber nicht lumpen lassen. Die Produktion ist High Art und drückt gewaltig, jedes Instrument ist glasklar zu hören, nur die etwas übertriebene Herausformung der Doublebass langweilt etwas. Musikalisch spielt man sich mit Breakdowns und Melodien irgendwo rund ums Jahr 2004 fest und tut so, als wäre keine Zeit vergangen. Partielle Keyboard-Einlagen und der offenbar unvermeidliche, enervierende Klargesang dürfen natürlich nicht fehlen. Natürlich gibt’s mit „Updraft“, „Showdown“ oder „Pathways“ richtige Kracher, aber innovativ ist das halt alles nicht und zudem schon x-mal dagewesen. 5/10 Kronen

The White Buffalo - On The Widow’s Walk
Ziemlich exakt vor zwei Jahren wurde The White Buffalo auch dem mitteleuropäischen Publikum bekannt. Für die ARD-Late-Night-Sendung „Inas Nacht“ hat man Jakob Aaron Smith extra aus Kalifornien eingeflogen, es scheint sich ausgezahlt zu haben. „On The Widow’s Walk“ ist indes sein siebentes Album, auch ein paar EPs haben sich in den letzten 20 Jahren reinplatziert und beweisen, dass der etwa 50-Jährige ein hochmotivierter Workaholic ist. Bunt wandert er durch das Americana-Segment und schafft es dabei, ein paar wirklich gute, memorable Songs („The Drifter“, „Sycamore“, „Come On Shorty“), kann die hohe Qualität aber vor allem ganz am Ende nicht mehr beibehalten. Die Reibeisenstimme, das famose Storytelling und der ständig mitschwingende, aber nie überladene Country-Touch machen aber sehr viel Spaß und wissen sich in den richtigen Momenten auch wieder einzubremsen („Cursive“). Herrlicher Sonnenuntergangssoundtrack. 7/10 Kronen

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Freitag, 05. Juni 2020
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