28.07.2010 11:41 |

Gefährliche Details?

WikiLeaks-Daten enthalten offenbar Überläufer-Namen

Eigentlich sollten sie frei von kompromittierenden Details über Personen und Informanten sein, die Tausenden Dokumente zum Afghanistan-Krieg aus den Archiven des US-Militärs, die Anfang der Woche auf dem Whistleblower-Portal "WikiLeaks" veröffentlicht wurden. Laut einem Bericht der britischen "Times" geben die Datensätze aber offenbar zuhauf die Identitäten von afghanischen Informanten und Überläufern preis. Die Taliban könnten sich daraus bequem eine "Liste der Verräter" erstellen.

Nur kurze Recherchen in den auf der Website WikiLeaks veröffentlichten Akten (siehe Infobox) würden genügen, um Dutzende Namen von Afghanen zu finden, die den USA und ihren Alliierten detaillierte Informationen geliefert hätten, berichtet die renommierte Londoner Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe.

In einem Militär-internen Dokument aus dem Jahr 2008 werde etwa ein ausführliches Gespräch mit einem Taliban-Kämpfer wiedergegeben, der zu den Alliierten überlaufen wolle und auch gleich die Namen anderer solcher Kandidaten nannte.

Dokumente waren angeblich geprüft
WikiLeaks-Gründer Julian Assange hatte nach der Veröffentlichung der ersten 77.000 US-Dokumente versichert, diese seien auf Namen von Informanten und Soldaten geprüft worden, um diese nicht in Gefahr zu bringen. 15.000 weitere Akten seien zum Informantenschutz zurückgehalten worden, berichteten auch die Medien "Spiegel", "Guardian" und "New York Times", die vorab Zugang zu den vormals geheimen Datensätzen erhalten hatten.

Die afghanische Regierung sieht das anders: Die Veröffentlichung stelle "sicherlich ein echtes Risiko und eine Gefahr für das Leben und die körperliche Unversehrtheit vieler Afghanen" dar, sagte ein hochrangiger Vertreter des afghanischen Außenministeriums, der nicht genannt werden wollte, der "Times". Er gibt die Schuld den Amerikanern: "Die USA sind sowohl moralisch als auch rechtlich verantwortlich für jedes Leid, das durch die undichten Stellen bei Einzelpersonen verursacht wird." Letztlich werde die Veröffentlichung aber zur Folge haben, dass die USA und ihre Alliierten noch weniger Informanten in Afghanistan finden würden.

Das US-Militär ermittelt seit Wochen auf Hochtouren, um den oder die Verantwortlichen für die in letzter Zeit gehäuft auftretenden Datenlecks zu fassen. Man konzentriere sich dabei auch auf einen derzeit in Kuwait inhaftierten US-Soldaten, der vor wenigen Wochen ein Video aus einem Kampfhubschrauber der US-Armee im Irak an WikiLeaks weitergab, hieß es am Dienstag. Bradley M., der als Systemtechniker bei der Army beschäftigt war, wird beschuldigt, 150.000 Datensätze aus den Archiven gestohlen zu haben. 

Politik versucht, Bedeutung der Dokumente zu relativieren
Etliche nicht-US-amerikanische Politiker, deren Länder in den Afghanistan-Krieg involviert sind, versuchten am Dienstag, die Enthüllungen aus den WikiLeaks-Dokumenten zu relativieren. Viele Dinge, die aus den Dokumenten bisher bekannt geworden seien, seien "nicht gänzlich überraschend", sagte etwa der deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg am Dienstag dem ZDF. Zu Berichten über die US-Spezialeinheit Task Force 373, deren geheime Tötungsmissionen auch zivile Todesopfer forderten, sagte Guttenberg, die Existenz dieser Einheit sei "jedem Informierten" und auch Fachjournalisten über Jahre hinweg bekannt gewesen.

Die afghanische Regierung ließ wissen, vom "Inhalt selbst nicht überrascht" zu sein. Ein Sprecher von Präsident Hamid Karzai räumte allerdings ein, dass die Regierung "schockiert vom enormen Umfang der enthüllten Dokumente" sei. Karzai habe auf die Enthüllungen mit den Worten reagiert, "dass das für uns nicht neu war".

US-Präsident Barack Obama zeigte sich am Dienstag besorgt über die Veröffentlichung Tausender Geheimdokumente zum Afghanistan-Krieg im Internet. In den Unterlagen seien aber keine Dinge enthalten, die nicht bereits in der Diskussion seien. Die Akten aus den Jahren 2004 bis 2009 rechtfertigten im Nachhinein seine Entscheidung, die Afghanistan-Strategie neu auszurichten.

Menschenrechtler bei Kriegsverbrechen-Vorwurf skeptisch
Während WikiLeaks-Gründer Julian Assange sagt, er glaube, dass es unter den US-Angriffen "Tausende" gebe, die möglicherweise von einem Gericht als Kriegsverbrechen bewertet werden könnten, wollen in solchen Fragen erfahrene Menschenrechtler (noch) nicht so weit gehen. "Ich glaube nicht, dass dieser Vorfall mit einem Kriegsverbrechen gleichzusetzen ist, aber es beunruhigt mich außerordentlich, dass sieben Kinder getötet wurden", sagt Tom Parker, der Politik-Direktor bei Amnesty International USA. Der Afghanistan-Krieg mit seinen Trefferlisten gesuchter Terroristen, Kämpfen gegen Aufständischen und seiner hochtechnologisierten Ausrüstung werfe aber schwierige Fragen auf. "Es ist wirklich schwer zu wissen, wo Mord endet und Krieg beginnt", sagt Parker.

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