23.02.2020 13:00 |

Interview

„Die letzte Chance für Bregenz“

Architekt Andreas Stickel hat sich die Mühe gemacht, Bregenz neu zu entwerfen - mit mehr Platz für Anwohner, Gäste und Gewerbe. Für die Umsetzung braucht es nun vor allem eines: politischen Willen!

Sie und SPÖ-Bürgermeister-Kandidat Michael Ritsch haben eine Vision für Bregenz präsentiert. Wie sind die ersten Reaktionen auf diese Idee ausgefallen?

Durchwegs positiv. Ein paar haben Bedenken vorgebracht - bezüglich der Rampenlängen bei den Einfahrten zur in den Untergrund verlegten Straße etwa. Wir wissen, dass es heikle Punkte beim Projekt gibt: Kanalisation, Strom, Tiefgarageneinfahrten - aber das lässt sich mit finanziellen Mitteln lösen. Man muss nur das Geld in die Hand nehmen.

Wie kam es eigentlich zu Ihrem Engagement für die Landeshauptstadt?

Ich bin Bregenzer und interessiere mich natürlich für die Stadt. Städtebau liegt mir sowieso am Herzen. Ich weiß, was mir an Bregenz gefällt und was mich daran stört. Professor Roland Gnaiger hat ja auch Varianten zur Straßenverlegung vorgelegt - so dachte ich mir, dass auch ich einen Beitrag leisten könnte.

Welche Vorteile ergeben sich durch diese neue Art, die Stadt zu denken?

Durch die Verlegung der Seestraße in den Untergrund verliert Bregenz den Schmutz, den Gestank und die Sperrigkeit der Autos. Dafür bekommt es Plätze zum Flanieren und für die Gastronomie. In unserer Vision kann ich vor dem Milchpilz eine Eiersemmel essen, ohne von Autos umzingelt zu sein. Bregenz bekommt also wieder Platz für das, was alle brauchen: Erholung. Gleichzeitig generieren wir Flächen, auf denen Investoren bauen können - damit lässt sich auch Geld verdienen. So pragmatisch muss man das sehen. Auch der Bahnhof muss verlegt werden. Von seinem jetzigen Standort ins Zentrum. Straße und Bahnhof wollen wir verändern. Alles andere müssen dann Soziologen, Städteplaner, Landschaftsplaner etc. in die Hand nehmen. Auch, was der Investor wirklich will, muss erst abgeklärt werden. Will er an einem Standort zehn, zwölf oder 14 Stockwerke hoch bauen? Klar ist: Durch die Maßnahmen gewinnen wir sehr viel Fläche. Allein schon durch den Platz, den der Bahnhof derzeit frisst.

Als Argument gegen die Idee der Straßen-Untertunnelung hört man immer wieder, dass dies wegen der Nähe zum See und der Bodenbeschaffenheit nicht möglich sei.

Das stimmt nicht. Wir wissen um die Bodenbeschaffenheiten. Auch das ist technisch lösbar. Im Übrigen: Es wird immer so getan, als ob dieser Tunnel erst durch eine Bohrmaschine in den Grund gebohrt werden müsste. Das stimmt aber nicht, denn die Baugrube existiert ohnehin - durch den bereits fixen Bau einer Tiefgarage am dortigen Gelände. Unser Tunnel ist sozusagen eine breitere Baugrube. Anstatt die Baugrube auszuheben, dann wieder zuzuschütten und die Seestraße so zu belassen wie sie ist, würden wir die Baugrube nutzen und die Straße gleich nach unten verlegen. Technisch ist das kein Problem. Wir wissen auch, dass der See Grundwasser bringt, das ließe sich aber abpumpen.

Technisch ist die Sache also möglich. Aber politisch? Muss Michael Ritsch Bürgermeister werden, damit dieses Projekt realisiert werden kann?

Ja! Wird Michael Ritsch Bürgermeister, dann wird er es in die Hand nehmen. Er steht uns im Wort. Mein Mitarbeiter und ich haben diese Vision für Bregenz erarbeitet und an unterschiedlichste Parteien geschickt. Michael Ritsch war der einzige, der daraufhin auf uns zugekommen ist und sich der Idee angenommen hat.

Wie viele Stunden haben Sie bis dato in das Projekt gesteckt?

Seit 7. Juni sind wir dran. Ehrenamtlich natürlich. Wir sind der Meinung, dass das die letzte Chance für Bregenz ist. Denn wenn dieser Bahnhof, der derzeit geplant ist, tatsächlich gebaut wird, ist die Chance vertan. Darum macht es Sinn, jetzt noch einmal nachzudenken und das Feld größer zu betrachten.

Wie viel Sinn macht die „Vision urbanes Leben Bregenz“ in Bezug auf städtebauliche Verdichtung?

In den vergangenen 30 Jahren sind nicht einmal 3000 Menschen nach Bregenz zugezogen. Verdichtung macht dann Sinn, wenn man mehr Menschen in die Stadt bringt - und nicht irgendwo außerhalb auf die grüne Wiese. Und sind erst einmal 2000 Menschen mehr in der Stadt, funktioniert auch jedes Gasthaus, jede Bar, jeder Schuhmacher. Ansonsten wird Bregenz zu einer Geisterstadt. Und deshalb muss man die Menschen herholen. Durch unseren Flächengewinn kann die Anzahl der Menschen erhöht werden. Das ist echte Verdichtung. Anstatt grüne Flächen zu verbauen, sollte man bereits versiegelte Flächen aktivieren.

Bregenz ist in den letzten Jahren immer verschlafener geworden. Ein Blick auf die Gastro-Szene reicht da schon. Was braucht Bregenz - städteplanerisch - um wieder aufzuwachen?

Eine der markantesten Stellen in Bregenz ist der Hafen - ein unglaubliches Potenzial, das noch nicht gehoben wurde. Das „Pier 69“ zum Beispiel hat das getan. Das Lokal hat Flair - und es funktioniert. Und dort ist noch so viel mehr Platz, genau am Eingangstor zu Bregenz, wenn man mit dem Schiff ankommt. Und wenn Bregenz keine Seestraße mehr hätte, dann könnten zahlreiche Gastronomen, die an der Straße beheimatet sind, expandieren - in Form von Gärten etwa. Hinzu kommen in unserer Vision die Dachflächen der neuen Häuser: Rooftop-Bars und Wald auf den Dächern. Der Schlüssel ist die Straße: Wenn die nicht mehr da ist, kann etwas entstehen. Der Städtebau, so wie er jetzt in Bregenz betrieben wird, überzeugt mich jedenfalls nicht. Zu wenig Höhe, zu wenig Dichte, keine Qualität an öffentlichen Plätzen.

Zitat Icon

Der Schlüssel ist die Seestraße: Wenn die nicht mehr da ist, kann etwas entstehen. Der Städtebau, wie er jetzt betrieben wird, überzeugt mich nicht

Andreas Stickel

Wäre eine derartige Umgestaltung auch im Sinne des Klimaschutzes?

Ja. Wir sprechen heutzutage von Überhitzung. Wenn wir die Dächer der neuen Bauten bewalden, dann ist das kein Thema mehr. Wir können heute auch weit ökologischere Häuser bauen als früher. Der aktuelle Plan für den Busbahnhof sieht ein riesiges Glasdach vor. Da muss die Frage gestattet sein, wie das eigentlich gekühlt werden soll? Wir wollen den Busbahnhof nicht unter ein Glasdach, sondern unter ein Gebäude schieben. Da braucht niemand mehr Kühlung. Und auch der Fahrrad- und Fußgängerverkehr wird animiert, wenn die Autos aus der Stadt verschwinden. Auch das ist ökologisch.

Sie haben im Zuge dieser Planungen sehr viel Zeit mit der Bregenzer Seestraße verbracht. Wie geht es Ihnen, wenn Sie auf dieser Straße nun entlangfahren?

Ich wünsche mir, dass sie schon weg wäre. Entgegen den Aussagen mancher Kollegen denke ich nicht, dass eine Stadt ohne Autoverkehr eine tote Stadt ist. In Feldkirch hat man auch lange gedacht, dass es ohne Autos nicht funktioniert. Und jetzt? Die Marktstraße ist autofrei - und es funktioniert bestens. Und das muss auch die Zukunft von Bregenz sein. Autos wird es immer geben - und dieses Vehikel wird immer im Weg sein. Wenn man es aber schafft, dieses Vehikel so zu bewegen, dass es an der Oberfläche nicht mehr stört, dann haben wir gewonnen.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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