09.02.2020 05:59 |

„Krone“-Kommentar

Vergeben heißt nicht vergessen

Es gibt Dinge, die vergisst man nicht. Wenn die beste Freundin mit dem Mann schmust, in den man selbst verliebt ist. Wenn der Sohn einem mitten ins Gesicht lügt. Wenn man zufällig mitbekommt, wie der nette Kollege hinterm Rücken übel lästert ... Die Liste der möglichen Kränkungen ist endlos. Und täglich zerbrechen Beziehungen daran, weil es etwas gibt, das nicht verziehen, nicht ausgeräumt werden kann. Vielleicht auch, weil keine ehrliche Entschuldigung stattgefunden hat.

Wie oft sagen wir beinahe mechanisch „Entschuldigung“, „sorry“, „tut mir leid“ und hoffen, eine unangenehme Sache sei damit vom Tisch. Aber so funktioniert das nicht. Das Wort Entschuldigung ist kein Radiergummi und auch kein Trostpflaster. Wenn man richtig Mist baut, hilft kein lapidares „Tut mir leid“. Eine echte Entschuldigung braucht mehr. Sie braucht die Bereitschaft, sich mit dem Gegenüber und dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Verletzte Gefühle müssen Raum bekommen. Sie müssen wahr- und ernst genommen werden. Erst wenn man wirklich versteht, wie und wie sehr man den anderen gekränkt hat, und wenn man bereit ist, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen, dann macht es Sinn, um Entschuldigung zu bitten. Dann kann echte Vergebung stattfinden.

Was Vergebung heißt, hat der katholische Theologe Otto Hermann Pesch einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Einem Menschen vergeben heißt nicht, das, was er getan hat, für ungeschehen erachten. Es nicht wahrhaben wollen oder schlicht vergessen. Vergeben kann unter Umständen bedeuten, gerade nicht zu vergessen Vergebung heißt nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen MIT seiner vergangenen Schuld.“

Vergeben heißt nicht vergessen! Dass die Freundin mit Ihrer Liebe geschmust, der Sohn Ihnen ins Gesicht gelogen und der Kollege über Sie gelästert hat, wird Teil Ihrer gemeinsamen Geschichte bleiben. Und trotzdem kann es eine gemeinsame Zukunft geben. Wenn Entschuldigung und Vergebung stattgefunden hat. Wenn Heilung möglich ist und die Kränkung nicht das letzte Wort behält.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch im tiefsten Inneren vergeben möchte. Und je enger die Beziehung ist, umso größer ist die Sehnsucht nach Versöhnung. Auf beiden Seiten. „Seid gütig zueinander, mitleidig und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.“ (Epheser 4,32)

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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