12.01.2020 06:00 |

7 Menschen getötet

Ohnmacht, Trauer, Wut: Das Todesdrama vom Ahrntal

Sieben Tote, mehrere Schwerverletzte. So die Bilanz eines Verkehrsunfalls in Südtirol, verursacht von einem betrunkenen Raser. Die „Krone“ recherchierte am Ort der Tragödie.

Ohnmacht, Trauer, Wut. Die Gefühle der Menschen, die im Südtiroler Ahrntal wohnen, in den Dörfern dort, die kein Zentrum haben und bloß aus scheinbar zufällig in die Landschaft gestellten Häusern und Gastronomiebetrieben bestehen - entlang einer zweispurigen, stark frequentierten Straße. Auf der es am vergangenen Wochenende zu einer unfassbaren Tragödie gekommen ist. In der Ortschaft Luttach.

37 Studenten aus Deutschland hatten hier Urlaub gemacht, die Tage auf den umliegenden Bergen verbracht und an den Abenden gefeiert. Ihr Leben, ihre Zukunft. In der Nacht auf den 5. Jänner waren sie im Hexenkessel. Sie tanzten, sie hatten Spaß - das zeigen Videos, die einige von ihnen auf Instagram gepostet haben. Und wahrscheinlich lachten die jungen Leute auch noch, als sie kurz vor 1 Uhr morgens das Disco-Pub verließen und sich in einen Bus setzten, der sie zu ihren Unterkünften bringen sollte.

„Sah nur noch Menschen durch die Luft fliegen“
Nach dem Aussteigen, beim Überqueren der Straße - der Wahnsinn, der Horror. Stefan L., ein 27-jähriger Ahrntaler, war stark betrunken mit seinem Audi-TT auf seiner „Hausstrecke“ - just zum Hexenkessel - unterwegs, sah die Gruppe zu spät. „Und dann“, erinnert sich ein Augenzeuge, „sah ich nur noch Menschen durch die Luft fliegen.“ Drei Männer und vier Frauen starben, mehrere weitere wurden - zum Teil schwer - verletzt.

Ohmacht, Trauer, Wut. Bei den Überlebenden des Dramas, bei den Angehörigen der Toten. Und eben auch - bei den Ahrntalern. Dutzende Reporter aus dem In- und Ausland sind jetzt vor Ort, befragen Einheimische, befragen Gastwirte. „Unsere Aussagen werden verdreht“, klagen sie, „die Medien berichten Unwahrheiten.“ Was ist die Wahrheit? „Dass ein schreckliches Unglück geschehen ist, das überall auf der Welt hätte passieren können.“ Dass Stefan L. „nicht der ,Teufel‘ ist, als der er jetzt dargestellt wird“.

„Er trank meist Cola oder Fanta, wenn er bei uns war“, sagen Lokalbesitzer. „Er ist ein lieber Kerl“, beteuern Freunde von ihm: hilfsbereit, nett, „ein echter Kumpel“. „Ein zuverlässiger Mitarbeiter“, so beschreiben ihn Kollegen aus der Lüftungsgeräte-Firma, bei der er als technischer Zeichner tätig war.

Vor dem Drama trank er in zwei Lokalen Schnaps
Niemand aus seiner Heimat verliert also ein schlechtes Wort über diesen Mann, der bis zuletzt bei seinen Eltern - angesehene Bürger, angesehene Berufe - gewohnt hat; über den es angeblich nichts Besonderes zu erzählen gebe - außer, dass er Fan des Fußballvereins Bayern München und oft mit seinem Auto zu Matches der Mannschaft gefahren sei.

Sein Auto. Ein Sportwagen. „Klar, er war stolz auf ihn. Und klar, er stieg manchmal ziemlich aufs Gas.“ Ein Kavaliersdelikt offenbar, im Empfinden der Ahrntaler. Und dass er mit fast zwei Promille Alkohol im Blut am Steuer saß? „Vermutlich hat jeder von uns schon einmal angeheitert ein Fahrzeug gelenkt.“ In dieser Gegend, in der Taxifahrten - wegen der Touristen - teuer sind. Wo es für „die Jungen“ anscheinend als völlig normal gilt, im Suff per Auto oder Moped von einem Lokal ins nächste zu ziehen.

Stefan L., das hat die Polizei mittlerweile recherchiert, hatte vor dem Drama zumindest zwei Bars besucht und dort Schnaps und Bier konsumiert. Er sei nicht mit einer Clique unterwegs gewesen, aber er habe in den beiden Partytempeln Bekannte getroffen. „Wir kennen uns hier ja alle irgendwie.“ Und nein, behauptet ein Südtiroler, der mit ihm die letzten Stunden vor dem Drama verbracht haben will - der 27-Jährige habe nicht traurig gewirkt. „Die Geschichten darüber, dass er sich besoff, weil er von seiner Freundin verlassen worden war, stimmen nicht.“

Der Unglückslenker sitzt nun in Bozen in U-Haft. Sein Delikt gilt in Italien - seit einer Gesetzesreform vor einigen Jahren - schwer. Verursacht jemand betrunken und noch dazu mit erhöhter Geschwindigkeit einen tödlichen Unfall, droht beinahe eine ähnliche Strafe wie bei Mord. Bis zu 18 Jahre Gefängnis hat Stefan L. damit zu erwarten.

Lenker kann sich an Stunden vor Drama nicht erinnern
Sein Zustand? „Er ist extrem suizidgefährdet“, so sein Anwalt Alessandro Tonon - und auch er betont sofort, dass „wenig richtig“ sei von den Dingen, „die bisher über meinen Klienten berichtet wurden“, selbst seine eigenen Aussagen zu dem Drama seien verfälscht worden, „vielleicht wurde ich von den Reportern missverstanden“. Was sind also die Fakten in dem Fall? „Mein Mandant steht unter einem massiven Schock.“ Und er leide an einer partiellen Amnesie. „Er kann sich an die Stunden vor der Tragödie nicht erinnern. Er weiß nicht, wo er sie verbracht, mit wem er geredet hat. Und - entgegen diverser Meldungen - hat er danach keinesfalls über Liebeskummer gesprochen.“ Weder zu seinem Verteidiger noch zu den Carabinieri.

Ein Kellner jenes Lokals, in dem der 27-Jährige bis wenige Minuten vor dem Unfall gewesen sein soll, gab der Kripo zu Protokoll: „Stefan war gut gelaunt, er trank halt einigen Alkohol - aber es war doch ein Samstagabend.“ Ohnmacht, Trauer, Wut. Gefühle, die bleiben werden, nach der Horrornacht im Ahrntal.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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