13.10.2019 08:00 |

Schlagfertig

Die historische Nebelnacht in Lehen

Percussion-Weltstar Martin Grubinger schreibt in seiner „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“ über eine legendäre Fußballnacht im Dezember 1993 und wie sich einer der Hauptdarsteller zum Spitzen-Trainer empor arbeitete.

Dienstag, 7. Dezember 1993, 20.45 Uhr. Es ist ein nasskalter Tag in Salzburg und schon am Nachmittag bin ich mit einer Grippe aus der Schule gekommen. Mit hohem Fieber und den allseits bekannten Grippe-Symptomen ging’s für mich ab ins Bett. Das abendliche Fußballspiel hatte ich schon fast vergessen.

Meine Salzburger Austria hatte das Hinspiel gegen Sporting Lissabon 0:2 verloren. Bei den Portugiesen spielten Superstars wie Luis Figo. Daher war an ein „Fußballwunder“ kaum zu denken - der Einzug ins Achtelfinale des UEFA-Cups war ein sehr respektabler Erfolg.

Nachdem ich am späteren Abend aufgewacht war, bekam ich aus dem Wohnzimmer nebenan lauten Jubel zu hören. Ich wusste schon, dass mein Vater nicht zum plötzlichen Sporting Lissabon-Fan mutiert war, also war meine Neugierde geweckt. Die Salzburger waren tatsächlich 1:0 in Führung gegangen, der legendäre Robert Seeger war auf großer Moderatoren-Fahrt, Nebelschwaden hüllten die berühmten wellenförmigen Tribünendächer des Lehener Stadions ein und die Mozartstädter drückten auf das 2:0. Und dann war da dieser Moment, den auch 25 Jahre danach alle damaligen Austria Salzburg-Fans im Detail nacherzählen können.

Nach Pass von Peter Artner befand sich der schussgewaltige Adi Hütter, damals mehr Wechsel- als Stammspieler, in guter Position: Ballannahme mit rechts, den Ball mit links nochmals angetippt und parat gelegt und dann mit rechts abgezogen. Tor! Robert Seeger flippt aus, unser Wohnzimmer explodiert, die Grippe ist weg und Adi Hütter wird zur Salzburger Fußball-Legende. Der Rest ist Salzburger Fußball-Geschichte.

Damals konnte man in den Hütter-Interviews herauslesen und -hören, dass da jemand über den fußballerischen Tellerrand blickte. 25 Jahre später dominieren Trainer aus Österreich bzw. die bei uns gearbeitet haben, die deutsche Bundesliga. Glasner (Wolfsburg), Hoffmann (Union Berlin), Rose (Gladbach). Und Adi Hütter trainiert höchst erfolgreich Eintracht Frankfurt.

Dabei war sein Amtsantritt eine echte Herausforderung. Sein Vorgänger Niko Kovac hatte gerade mit Frankfurt den deutschen Pokal gewonnen, eine Sensation für einen Klub, der kurz zuvor noch eine klassische „Fahrstuhl“-Mannschaft war. Also immer zwischen erster und zweiter Bundesliga pendelte. Und plötzlich dieser Erfolg. Kovac, der zu Bayern München weitergezogen war, wurde von Hütter ersetzt. Wenige Monate nach Amtsantritt hörte man die Spieler in Interviews sagen, dass sie die Weiterentwicklung ihres Fußballs bei Hütter schätzen würden und der Fußball in Frankfurt jetzt noch besser und auch erfolgreicher sei.

Was macht Hütter aus? Vermutlich vereint er alle wirklich relevanten Merkmale eines erfolgreichen Trainers. Ex-Profi, Sachkenntnis, Teamfähigkeit und der alles entscheidende menschliche Umgang mit seinen Spielern. Ruhig, gelassen, authentisch. Und trotzdem fordernd, fördernd und leistungsorientiert. Unter Hütter spielen die Frankfurter einen oft wunderschön anzusehenden Offensiv-Fußball. Sein Vorgänger setzte auf überfallsartigen Konterfußball.

Hütter hat weitere Optionen eingebaut. Ballbesitz und Kontrolle, Konterfußball, maximales Pressing auf vorderster Linie. Dazu kommt eine grandiose Spielerentwicklung. Nachdem er in diesem Sommer seinen Paradesturm (Rebic, Haller, Jovic), die „Büffelherde“, verloren hatte, sind jetzt junge Spieler nachgerückt, die er im letzten Jahr behutsam aufgebaut hat. Ich bin zu einem Bewunderer des Frankfurter Fußballs geworden.

Vergangenen Sonntag bin ich 350 Kilometer mit meinem Auto nach Frankfurt gefahren und habe echten Adi Hütter-Fußball genossen - gegen Werder Bremen, es war ein Fest. Und als ich ihn da stoisch und gelassen an der Außenlinie stehen sah, musste ich an die Nebelnacht von Salzburg-Lehen denken. Historisch.

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