22.07.2019 07:00 |

Album „The Great War“

Sabaton: Kriegsspiele fürs Geschichtsbewusstsein

Die Schweden Sabaton gehören derzeit zu den populärsten und auch kommerziell erfolgreichsten Metalbands der Welt. Seit 20 Jahren setzen Sänger Joakim Broden und Co. auf martialische Kriegsthematik und füllen damit Jahr für Jahr größere Hallen. Der inhaltliche Zugang macht die Band aber nicht unumstritten. Auf ihrem neuen Werk „The Great War“ nehmen sie den Ersten Weltkrieg und die Schlacht um Verdun in Augenschein. Opulent und unbescheiden wie eh und je.

Martialisches Auftreten, Panzerrohre und Feuersbrünste als Bühnenrequisite und der permanente Drang, Kriegerisches aus allen Ären und Dekaden für die Fans greifbar zu machen - seit mittlerweile 20 Jahren fährt die schwedische Power-Metal-Band Sabaton auf ihrer ganz eigenen Strecke und hat sich mit viel Fleiß und Ausdauer bis an die Headliner-Position von renommierten Festivals wie dem Nova Rock oder Wacken gespielt. Dass sie mit ihren Themen, die vom antiken Griechenland über den Vietnamkonflikt bis hin zum Zweiten Weltkrieg reichen, immer wieder einmal anecken, ist gerade in Zeiten überbordender Political Correctness verständlich. Der Vorwurf des Kriegsverherrlichens dürfte aber ähnlich haltlos sein wie jener jahrelang aufrecht erhaltene, der Motörhead-Chef Lemmy Kilmister ins rechte Eck stellen wollte. Zwischen Leidenschaft und Glorifizierung liegen eben doch noch allerlei Graubereiche.

Fehler behoben
„Details, Brutalität und Ehrlichkeit dieser Kriege sollen und müssen existieren dürfen, weil das in unserem Zusammenhang wichtig ist“, erklärt Bassist und Bandgründer Pär Sündström der „Krone“ im Interview, „als Songwriter haben wir aber nur wenige Minuten und Textzeilen Platz, um eine Geschichte zu erzählen. Außerdem sind wir keine Historiker, sondern Musiker - also muss auch ,das Coole‘ aus einer Geschichte herausgefiltert werden.“ Dass es dabei über all die Jahre eines gewissen Lernprozesses bedurfte, streitet Sundström gar nicht ab. „Anfangs haben wir Fehler gemacht und nicht auf Details geachtet. Es steckte nie eine böse Absicht dahinter, aber es gab Missverständnisse. Etwa beim Song ,Back In Control‘ unseres zweiten Albums ,Attero Dominatus‘, der sich um den Falkland-Krieg dreht. Die Argentinier waren vom Inhalt gar nicht begeistert und ich gebe zu, dass wir die dahinterstehenden Emotionen nicht richtig erfasst haben. Wir sind heute wesentlich vorsichtiger und gehen sehr sensibel an die Dinge ran.“

Mit Zensur haben Sabaton widerwillig zu Leben gelernt. Etwa 2018 auf der „Gamescom“ in Köln, wo ihnen nicht nur gewisse Songs verwehrt wurden, sondern sie laut Sundström auch nicht alles auf der Bühne sagten durften, was mit den transportierten Thematiken einhergeht. „Es war nicht das erste Mal, dass wir so etwas erlebt haben, aber dort geht es um Computerspiele und in Computerspielen geht es die ganze Zeit um Krieg.“ Das dieser Tage erscheinende neue Album „The Great War“ wird einmal mehr die Gemüter spalten. Allgemein hat man dieses Mal den Ersten Weltkrieg ins Visier genommen, einen genaueren Augenschein nimmt man auf die legendäre Schlacht von Verdun, einem etwa zehnmonatigen Gefecht zwischen Deutschland und Frankreich an der Westfront, das mehr als 700.000 Opfer gefordert hat. In insgesamt elf Songkapiteln handeln Sabaton die wichtigsten Merkmale der Schlacht und des Krieges mit gewohnt bombastischen, Keyboard-geschwängerten Klängen ab. Ein wuchtiges Werk, das in seiner unbescheidenen Opulenz das gewiss ambitionierteste Album ihrer bisherigen Karriere ist.

Geschichtsunterricht
Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen und die Hintergründe der einzelnen Songkapitel genauer zu erklären, haben sich die Schweden mit den beiden Historikern Indy Neidell und Timeghost zusammengeschlossen und den „Sabaton History Channel“ aus der Taufe gehoben. „Das war auch für unsere Recherche zum ,Great War‘ wichtig, weil uns das Team aktiv begleitet hat. Sie sind profilierte Historiker und haben die bislang größte Onlinedokumentation zu diversen Kriegen zusammengestellt. Allein über den Ersten Weltkrieg haben sie rund 700 Episoden gedreht und dabei an die viereinhalb Jahre gearbeitet. Diese Leute wissen wirklich alles darüber.“ Da Teile des Historikerteams selbst Sabaton- oder zumindest Metal-Fans sind, erwies sich der Zusammenschluss von Anfang an als fruchtbar und beidseitig prägend. Mit dieser Kooperation soll nicht zuletzt auch die eigene Legende und Geschichte von Sabaton greifbarer und weniger umstritten werden. „Die Leute haben die Möglichkeit, über die Songs hinweg beim ,History Channel‘ für sich weiter zu recherchieren. Durch diese Möglichkeit steht es jedem frei, es bei der Musik zu belassen, oder ganz tief in die jeweilige Geschichte einzutauchen.“

Historie ist übrigens ein wichtiges Stichwort für Sabaton. „Wir sind jedenfalls nicht daran interessiert, über Politik und Religion zu singen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns aktueller Kriege annehmen, aber erst dann, wenn sie vorbei und Geschichte sind. Erst wenn etwas erledigt ist oder einen geschichtlichen Wert hat, wird es für uns interessant. Wir bekommen immer Nachrichten von Fans, die von Unterdrückungen und Problemen in ihrem Land berichten, aber wir haben einen anderen Zugang. Leider hat der Krieg an sich immer Bestand. Solange Menschen existieren, wird es niemals vollständig Frieden geben. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sich die Welt zum Guten verändert. Vor einigen Jahrhunderten gab es in Skandinavien Hass, Gewalt und Morde - heute können wir problemlos zwischen Norwegen und Schweden hin- und herfahren. Ich hoffe natürlich, dass sich in vielen Jahren auch andere Grenzen so annähern können.“

Demut und Respekt
Dass Sabaton eine Band ist, die mit prekär anmutenden Texten eine große Menge an Menschen zu begeistern weiß, sieht Sundström, der auch seit jeher Manager der Band ist, aus einer demütigen Perspektive. „Wir alle kommen aus ähnlichen Verhältnissen. Wir sind in guten Mittelklassefamilien in kleinen Orten aufgewachsen. Dort ist man seinen Nachbarn sehr nahe und lernt in der Schule Zusammenhalt und Respekt. Wo auch immer uns die Band ermöglicht hinzugehen, öffnen wir unseren Geist. Wenn du woanders ankommst, bist du immer der Botschafter deiner Heimat. Es gebietet sich, stets höflich und freundlich zu sein, denn sonst glaubt dein Gegenüber, die Menschen aus deiner Heimat hätten alle einen Knall. Weder sind alle Amerikaner dumm, noch alle Finnen Alkoholiker. Nichts könnte uns fernerliegen als haltlose Pauschalisierungen.“

Wie gerne sich Sabaton mittlerweile in Detailarbeit verstrickt, zeigt nicht zuletzt eine nette Nebenanekdote. Mit den Aufnahmen zu „The Great War“ hat man am 11. November 2018 begonnen - auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Eine pompöse Inszenierung erwartet die Sabaton-Fans jedenfalls auch im nächsten Jahr. Am 21. Jänner spielen sie mit Apocalyptica und Amaranthe live im Wiener Gasometer. Die Show soll eine unvergessliche werden. „Ihr dürft Schützengräben, neue Uniformen, Artillerie und viele andere Dinge erwarten, die für dieses Thema Sinn machen. Wir werden mit großer Sicherheit auch den ,Great War‘-Chor aufbieten, den man am Album hört. Wenn man ein Album ,The Great War‘ nennt, dann sind wir auch dazu verpflichtet, eine ,Great Tour‘ zu präsentieren.“ Karten für das Highlight zu Jahresbeginn gibt es unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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