18.07.2019 06:10 |

Venedig einmal anders

Mit dem Hausboot in der Lagunenstadt

Rund um die Serenissima lässt es sich ohne Stress und Touristenmassen urlauben. Aber ein Abstecher zum Markusplatz muss trotzdem sein!

Venedig erstickt am Tourismus, Tausende Neugierige drängen sich jeden Tag durch die engen Gassen, die gigantischen Kreuzfahrtschiffe scheinen die Stadt zu verschlucken. Doch es geht auch anders. Mit einem Hausboot als komfortable Basisstation - unser „Minuetto 8“ war mit drei Bädern für vier Kabinen und einer Pantry mit E-Herd und Geschirrspüler ausgerüstet - lässt sich in der Lagune ein Venedig weitab des Touristenstroms entdecken.

Ohne Hektik und in aller Geruhsamkeit
„Ein Hausboot ist der einzige Ort, an dem du von dir selbst eingeholt wirst!“, hat ein leidenschaftlicher Hausboot-Fan der Nachwelt überliefert. Die „Minuetto“ fährt mit einer geradezu menschlichen Geschwindigkeit: Eine schnelle Joggerin am Uferweg kann mit dem Boot mithalten.

Gestartet sind wir in Lughignano, einem Hafen an der Sile, einem Fluss im Nordosten der Lagune. Vor dem Start gibt es für die Landratten einen kurzen Einführungsunterricht: „Vorwärts, neutral, rückwärts“, erklärt uns Neill von „Le Boat“ den Gashebel, mit dem auch gesteuert werden kann. Dann gibt es noch das Rückstrahlruder, dank dem sich das Boot seitwärts bewegen lässt.

Klingt einfach, ist es meistens auch. Zumindest beim Wegfahren, komplizierter wird es schon beim Einparken in einen Liegeplatz oder beim Anlegen. Generell sind aber weder Vorkenntnisse noch ein Bootsführerschein erforderlich. „Wenn es nicht gleich klappt, einfach noch einmal hinausfahren und es wieder versuchen“, meint Neill. Wir, inzwischen zu Kapitänen auf Zeit mutiert, machen uns jedenfalls zuversichtlich die ruhig dahinfließende Sile entlang auf in die Lagune.

Bei Portegrandi wartet die einzige Schleuse auf unserer Tour, und dahinter tut sich ein grandioses Panorama auf: Vor uns schimmern noch weit entfernt die Türme und Kuppeln von Venedig, rechter Hand liegt der Flughafen Marco Polo mit unablässig landenden und startenden Flugzeugen, dazwischen tauchen wie eine silberne Fata Morgana die Werften und Schlote des Industriegebiets Marghera auf. Von links grüßt schon der Kirchturm von Torcello, und es dauert gar nicht lange, bis der erstaunlich schiefe Turm von Burano sichtbar wird. Bis wir die Insel erreichen, braucht es noch, denn die Wege in der Lagune sind verschlungen. Gekennzeichnet werden die Kanäle in der weiten Wasserlandschaft durch Holzdalben, nur zwischen ihnen ist das Wasser ausreichend tief.

Auf den WasserstraSSen gilt wie an Land: Rechts hat Vorfahrt. Mit einer Ausnahme – Segelboote haben immer Vorrang. Und sollte sich ein größeres Schiff nähern – zwischen Venedig und dem Lido tauchen auch Fähren und Kreuzfahrtschiffe auf – empfiehlt sich, auf den Vorrang zu pfeifen. Sicher ist sicher: Es braucht seine Zeit, bis so ein Riesenkahn die Fahrtrichtung ändern oder zum Stillstand kommen kann . . .

Vorerst sind wir aber noch in den ruhigeren Gewässern der äußeren Inseln. Auf Torcello und Burano geht es zwar tagsüber auch alles andere als ruhig zu. Die Basilica Santa Maria Assunta mit ihren fantastischen Mosaiken und der gruselig anschaulichen Darstellung des Jüngsten Gerichts lockt auf Torcello kunstbeflissene Besucher. Burano besticht mit seinen bunten Häusern und den fingerfertigen Spitzenstickerinnen.

Dank unsereM Hausboot können wir jedoch dem Trubel entkommen. San Francesco del Deserto bietet Zuflucht und einen Anlegeplatz in einem kleinen Kanal. Friedlich ist es hier, und unser Picknick an Deck schmeckt wie ein Fünf-Sterne-Menü. Der Legende nach soll Franz von Assisi auf dem Rückweg von Ägypten die Insel besucht haben. Schon 1233 siedelten sich hier die ersten Franziskaner an. Heute leben noch sieben Mönche auf San Francesco und zeigen Besuchern gern das Kloster mit seinen Kreuzgängen und die weitläufigen Gartenanlagen.

Auch auf San Lazzaro degli Armeni, der zweiten Klosterinsel in der Lagune, heißen die Mönche Gäste willkommen. Dank dem Mechitaristenorden ist diese Insel heute eines der weltweit bedeutendsten Zentren der armenischen Kultur. In dem Museum finden sich viele Kostbarkeiten, in der Bibliothek fast 200.000 Bände, darunter unbezahlbare Handschriften und die Bild- und Textsammlung „Beschreibung Ägyptens“, die Napoleon Bonaparte anlässlich seines Ägyptenfeldzugs anlegen ließ.

Die kleinen Inselchen in der südlichen Lagune nennen die Venezianer „Inseln der Schmerzen“. Hier waren frühere Quarantänestationen und psychiatrische Einrichtungen untergebracht. Heute machen sich auf diesen Inseln Luxushotels breit – nicht immer zur Freude der Einheimischen.

Ganz anders sind die „Gemüseinsel“ Sant’Erasmo und der Lido, die langgestreckte Insel, welche die Lagune von der Adria abschirmt. An der Lagunenseite finden sich wie in Malamocco Anlegestellen und kleine Trattorien, zu den Badestränden an der Adria sind es zu Fuß nur wenige hundert Meter.

Sant’Erasmo wartet mit dem „Badestrand der Venezianer“ und zwei kulinarischen Besonderheiten auf: Hier werden die Castraure angebaut, Artischocken von einem ganz besonderen Geschmack. Außerdem liegt hier der einzige Weingarten Venedigs. Michel Thoulouze, ein französischer Medien-Mogul, hat vor zwanzig Jahren Sant’ Erasmo entdeckt und produziert hier seine exklusive Weißwein-Cuvée „Orto di Venezia“. Besucher sind nach Anmeldung willkommen.

Ganz ohne einen Abstecher zur Königin der Lagune geht es aber doch nicht. Die Strecke vom Lido Richtung Venedig gleicht einer Autobahn, auf der jeder macht, was er will. Zumindest hat man den Eindruck, tatsächlich passen die einzelnen Boote aber ganz gut aufeinander auf. Und so schaukelt das Hausboot nahezu unangefochten – wenn man vom schimpfenden Kapitän eines großen Ausflugbootes absieht – durch den Bacino San Marco und den Canale della Giudecca. Vorbei am Dogenpalast und San Giorgio, vorbei an Palästen, prachtvollen Privatjachten und den Kreuzfahrtschiffen zum kleinen Hafen auf der Südseite der Giudecca.

Venedigs Rückseite hat auch ihren Reiz, hier landet der Müll von Millionen Touristen – worüber sich die Möwen freuen –, und hier wohnen tatsächlich noch echte Venezianer. Außerdem ist es mit dem Vaporetto von der Giudecca ein Katzensprung zum Dogenpalast – und spät am Abend gibt es auf dem Markusplatz doch tatsächlich wieder mehr Tauben als Touristen ...

Waltraud Dengel, Kronen Zeitung

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